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Monotone Arbeit: Die Beschäftigten stehen am Band und machen immer die gleichen Handgriffe.
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Monotone Arbeit: Die Beschäftigten stehen am Band und machen immer die gleichen Handgriffe.

Fleischindustrie

„Knüppelharte Bedingungen“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten, Freddy Adjan, über die Arbeit in der Fleischindustrie, Verbesserungen durch die neue Gesetzeslage und warum es mehr staatliche Kontrolle braucht.

Wie ist die Lage in der Fleischindustrie? Im vergangenen Jahr hatte es durch die Corona-Pandemie große öffentliche Aufmerksamkeit gegeben für miese Arbeitsbedingungen und schlechte Wohnverhältnisse. Die Bundesregierung reagierte mit einem Gesetz, das Leiharbeit und Werkverträge verbietet. Über die Situation heute sprach die FR mit Freddy Adjan, dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft NGG (Nahrung, Genuss, Gaststätten).

Herr Adjan, die Vorweihnachtszeit ist traditionell die Zeit, in der die Deutschen am meisten Fleisch verzehren. Das neue Gesetz, das Leiharbeit und Werkverträge in der Fleischindustrie verbietet, ist in Kraft. Ist jetzt alles gut in der Fleischindustrie?

Nein, bei weitem nicht. Wir haben in unserem Kampf für bessere Bedingungen nur einen ersten Schritt gemacht. Es war die Corona-Pandemie, die auf die schlechten Arbeitsverhältnisse aufmerksam gemacht hat. Es gab reihenweise große fleischverarbeitende Betriebe, bei denen viele Corona-Fälle auftraten. Das kam dadurch, dass die Firmen keinerlei Schutzmaßnahmen ergriffen hatten. Und in der Fleischverarbeitung steht man nun mal eng nebeneinander am Band und arbeitet im Akkord. Man hat dann sogar noch versucht, den Beschäftigten die Schuld in die Schuhe zu schieben und hat behauptet, die Belegschaft habe das Corona-Virus vom Urlaub zu Hause in Polen oder Rumänien mitgebracht.

Wie viele Menschen arbeiten in der Fleischindustrie?

Etwa 185 000. Viele von ihnen wurden jetzt fest bei den Unternehmen angestellt. Das Gesetz verbietet Werkverträge und außerdem Leiharbeit beim Schlachten und Zerlegen von Fleisch. In den Betrieben sind die Arbeitsbedingungen im Wesentlichen die gleichen geblieben. Ob die Unterkünfte, in denen die Beschäftigten leben, wirklich besser werden, muss man abwarten. Die Unternehmen nehmen Geld in die Hand, um etwas zu tun. Aber ganz entscheidend sind die Kontrollen der Arbeits- und Wohnbedingungen durch die Behörden.

Wie sieht es da aus?

Die Bundesländer sind verpflichtet, die Arbeits- und Wohnbedingungen der Beschäftigten zu kontrollieren. Aber in der Praxis sind die Kontrollen noch relativ schwach. Es fehlt an Personal bei den Behörden. In der Regel sind die Werksgelände wie etwa beim Großschlachter Tönnies riesig. Wenn sich da die Kontrolleure am Werkstor melden, dauert es eine halbe Stunde, bis sie an den Arbeitsplätzen sind. Da bleibt genug Zeit, Verstöße zu vertuschen.

Wie sind die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie?

Die sind knüppelhart. Man steht am Band und macht in der Regel nur wenige Handgriffe. Immer die gleichen. Es ist eine ganz, ganz monotone Arbeit. Man steckt in einer Schutzkleidung. Die Bänder laufen mit einer hohen Geschwindigkeit.

Wie lange dauert eine Schicht am Band?

Die dauert offiziell acht Stunden. In der Regel werden aber Überstunden geleistet, damit die Leute überhaupt einigermaßen Geld verdienen. Es wird hundsmiserabel verdient. Der Durchschnittslohn beim Schlachten liegt bei zehn Euro pro Stunde brutto, da bleibt netto nicht viel übrig. Außerdem fällt Miete für die Unterkunft an und eine Gebühr für die Shuttle-Busse, mit denen sie zur Arbeit gebracht werden und wieder zurück. Wir haben jetzt einen Tarifvertrag erkämpft, der am 1. Januar in Kraft treten soll. Danach würde der Mindestlohn dann bei elf Euro in der Stunde liegen.

Die neue Ampel-Koalition hat ja einen gesetzlichen Mindestlohn von zwölf Euro beschlossen.

Genau. Dadurch würde also der unterste Lohn in der Branche im nächsten Jahr um einen Euro steigen. Allerdings steht im Koalitionsvertrag nicht, wann im nächsten Jahr der Zwölf-Euro-Mindestlohn kommen soll. Wenn er kommt, dann wären wir in der Fleischindustrie also weiterhin nur auf Mindestlohn-Niveau.

Freddy Adjan.

Zur Person:

Freddy Adjan (53) ist seit 2018 stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft NGG (Nahrung, Genuss, Gaststätten), die gegenwärtig knapp 200 000 Mitglieder zählt.

Der gelernte Hotelfachmann , der in München geboren wurde, kam 1995 zur NGG. Bevor er stellvertretender Bundesvorsitzender wurde, war er bayerischer Landeschef der NGG. (FR)

Das Gesetz, das Leiharbeit und Werksverträge verbietet, nehmen die Arbeitgeber ja nicht hin. Sie klagen dagegen.

Das stimmt leider. Gegen das Arbeitsschutzkontrollgesetz wurde zunächst ein Eilantrag gestellt beim Bundesverfassungsgericht. Den hat das Gericht verworfen. Aber die Entscheidung in der Hauptsache steht noch aus. Das Argument der Arbeitgeberseite ist, dass das Gesetz gegen die unternehmerische Freiheit verstoße.

Was sind Ihre wichtigsten Forderungen an die neue Bundesregierung?

Zunächst einmal sind wir froh, dass Leiharbeit und Werkverträge verboten wurden. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet. Jetzt kommt alles auf verbindliche Kontrollen in der Praxis an. Die Fleischindustrie ist darauf spezialisiert, Schlupflöcher zu finden. In der Branche hat es einen Niedergang gegeben. Bis in die 80er Jahre hinein gab es Tarifverträge und gute Löhne. Dann begann ein Verfall.

Was sind die Gründe für diesen Verfall?

Ein Grund dafür war der Preisdruck. Der Einzelhandel hat in großem Maßstab begonnen, Fleisch zu verkaufen und die Metzgereien zu verdrängen. Dadurch ist Fleisch immer billiger geworden. Der Einzelhandel hat die Preise gedrückt. Die Fleischindustrie hat begonnen, zu sparen. Und sie hat bei den Beschäftigten gespart. Man holte immer mehr Beschäftigte aus dem europäischen Ausland, die kosteten nur einen Bruchteil der deutschen Arbeitnehmer. Die deutschen Beschäftigten wurden nach und nach abgebaut. Heute kommen etwa 75 Prozent der Menschen in der Fleischindustrie aus dem Ausland. Unsere Flugblätter verfassen wir mittlerweile in zehn Sprachen.

Woher kommen die Beschäftigten in der Fleischindustrie heute?

Die wichtigsten Herkunftsländer sind Rumänien und Polen. In jüngster Zeit werden verstärkt auch Menschen von außerhalb der EU angeworben.

Wird sich das noch einmal ändern?

Nein, der Ruf der Fleischindustrie ist schlecht. Und die ausländischen Kolleginnen und Kollegen sind aus Sicht der Unternehmen bequemer als die deutschen Beschäftigten. Sie können leichter ausgebeutet werden. Das beginnt schon beim Sprachproblem. Viele der ausländischen Beschäftigten können kaum Deutsch. Sie haben auch keine Zeit, Deutsch zu lernen. Wenn sie von der Schicht kommen, dann schlafen sie erschöpft. Danach geht es wieder ans Band.

Haben Sie die Hoffnung, dass das neue Gesetz gegen Leiharbeit und Werkverträge Schule macht?

Ja, dieses Gesetz ist ein Meilenstein. Deutschland bot bisher die billigste Möglichkeit, Tiere zu schlachten und zu zerlegen. Deshalb wurden Tiere durch halb Europa hierher gekarrt. Jetzt wird das hoffentlich besser werden, weil das Lohngefälle nicht mehr so groß ist.

Der Fleischkonsum in Deutschland geht ja leicht zurück, er lag 2020 bei 57,3 Kilogramm pro Kopf der Bevölkerung, das waren 750 Gramm weniger als im Vorjahr. Würde es helfen, wenn der Fleischkonsum weiter abnimmt?

Grundsätzlich wäre sicherlich besser, wenn die Menschen weniger Fleisch verzehren würden, schon aus Gründen des Klimaschutzes. Allerdings schlachten die großen Konzerne auch Fleisch aus biologischer Landwirtschaft. An den Arbeitsbedingungen ändert der Fleischkonsum also zunächst einmal nichts. Es gibt eine große Konzentration in der Fleischindustrie: Zum Beispiel werden rund 60 Prozent aller Schweine in Deutschland von nur vier großen Unternehmen geschlachtet. Das schafft also große Abhängigkeiten auf dem Markt von wenigen Produzenten.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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