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Knorr-Bremse

Knorr-Bremse

„Dieses Verhalten ist asozial“

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Die Gewerkschaft kritisiert die Führung des Industriekonzerns Knorr-Bremse mit scharfen Worten.

Es sind harte Sätze, die Berlins IG Metall-Chef Klaus Abel spricht. „Das ist die hässliche Seite des Kapitalismus, dieses Verhalten ist asozial“, sagt er im Münchner Gewerkschaftshaus. Seine Kollegen nicken. Der Gewerkschafter spricht nicht über Heuschrecken oder chinesische Investoren sondern mit Knorr-Bremse über einen deutschen Weltmarktführer für Nutzfahrzeug- und Zugbremsen, der vor seinem Aufstieg in das Börsensegment M-Dax steht. Was Abel, Betriebsrat Ahmet Yildiz und der für die IG Metall im Aufsichtsrat von Knorr-Bremse sitzende Sebastian Roloff dem Konzern vorwerfen ist starker Tobak – Tarifflucht, Verlagern von Know-how ins Ausland und Erpressung von Belegschaften, um eine 42-Stunden-Woche durchzudrücken.

Eigentlich habe man sich nach dem Börsengang des von Milliardär Heinz-Hermann Thiele kontrollierten Familienunternehmens voriges Jahr einen Kulturwandel erhofft, sagt Roloff. Der sei aber ausgeblieben. „Es wird schlimmer, habe ich das Gefühl“, bedauert der Jurist. Er und seine Kollegen unterstellen dem Unternehmen ein systematisches Vorgehen. Erst werde eine deutsche Firma gekauft. Dann folge der Austritt aus dem Arbeitgeberverband nebst Tarifbindung und die Erpressung von Belegschaften. Entweder stimme man dann „freiwillig“ 42 Stunden Wochenarbeitszeit zu oder die Arbeit werde ins Ausland verlagert. Auch bei Stellenabbau stehle sich der Konzern aus der Verantwortung und verweigere die Finanzierung von Transfergesellschaften.

„Steigt Knorr-Bremse in den M-Dax auf, ist es das einzige dort notierte Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie, das nicht tarifgebunden ist“, sagt Abel. Das sei gerade bei einem Unternehmen von Weltrang wie den Münchnern ein verheerendes Signal für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Auch kein Dax-Konzern oder Wettbewerber von Knorr-Bremse entziehe sich der Tarifbindung. Dort würden deutsche Belegschaften wöchentlich 35 Stunden arbeiten.

80 Prozent der hierzulande 6000 Beschäftigten von Knorr-Bremse müssten dagegen rechnerisch einen vollen Arbeitstag wöchentlich mehr schuften und das ohne Lohnausgleich, was für tariftreue Konkurrenten in Deutschland wie ZF Friedrichshafen oder Bosch ein massiver Wettbewerbsnachteil sei. Sie könnten deshalb kaum noch Aufträge ergattern, um die sich Knorr-Bremse bewirbt.

Wer bei Konkurrenten nachfragt, der erfährt, dass die Gewerkschafter mit ihren Klagen nicht übertreiben. Konkurrenten empfinden die Tarifflucht von Knorr-Bremse als nachteilig. Andererseits bringe es auch Vorteile, wenn es um das Anheuern rarer Ingenieure und Experten gehe, merkt man bei einem großen Wettbewerber an.

In Deutschland herrsche Wahlfreiheit bei der Zugehörigkeit zu Arbeitgeberverbänden, entgegnet Knorr-Bremse zum Thema Tarifflucht.

Was Gewerkschafter Abel an den Bayern kritisiert, hat er vor Ort in Berlin miterlebt. Dort sollte 2017 die von den Münchnern erworbene Hasse und Wrede geschlossen und die Produktion nach Tschechien verlagert werden, was gerade noch verhindert werden konnte. Bei einer zweiten Berliner Tochter namens KB Powertech habe Knorr-Bremse die 400-köpfige Belegschaft gespalten. Je eine Hälfte arbeite derzeit 42 Stunden die Woche, die andere 35 Stunden. Gesprächsangebote der IG Metall würden regelmäßig abgelehnt. Öfter sehe man sich dagegen vor Gerichten.

Betriebsrat Yildiz fürchtet, dass sich ein ähnliches Schauspiel demnächst am vor drei Jahren erworbenen Standort Wülfrath bei Düsseldorf mit seinen 400 Beschäftigten wiederholen könnte. Dort werden Lenksysteme für Nutzfahrzeuge gefertigt. Spätestens seit Knorr-Bremse Ende 2018 in Japan mit Hitachi Automotive Systems ein größeres Unternehmen mit ähnlichem Produktspektrum erworben hat, rechne das noch tarifgebundene Personal in Wülfrath mit einem Ausspielen der Standorte gegeneinander.

Milliardenschwerer Eigentümer

Knorr-Bremse macht gut sechs Milliarden Euro Umsatz, knapp 600 Millionen Euro Jahresüberschuss und hat global 29 000 Beschäftigte. 2018 ist das Unternehmen an die Börse gegangen. Knapp vier Milliarden Euro sind dabei der Eignerfamilie mit Heinz-Hermann Thiele an der Spitze zugeflossen. Manager erhielten Boni. Der Belegschaft wurde dagegen eine Erfolgsbeteiligung verweigert.

Firmenpatriarch Thiele, der selbst jahrelang Unternehmenschef war, ist eine umstrittene Persönlichkeit, was nicht nur am Führungsstil liegt. Mit seinem Sohn als einst potentiellem Nachfolger hat er sich 2015 überworfen. In Anwesenheit seiner Tochter hat er 2013 Frauen vor Publikum als biologisch ungeeignet zur Unternehmensführung bezeichnet und seine Zuneigung zur AfD bekundet.

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