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Ein Schlag für das Klima: Deutsche Großkonzerne haben ihre CO2-Emissionen nicht im Griff. 

Klimaziele

Dax-Konzerne tun zu wenig für den Klimaschutz

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Die Bemühungen der Großunternehmen im Deutschen Aktienindex reichen nicht aus, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Das geht aus einer Studie hervor.

Was wäre, wenn die 30 größten börsennotierten Konzerne Deutschlands ihre selbstgesteckten Klimaziele erreichen würden? Wäre dann alles gut? Würde das ausreichen, damit sie ihren Teil zum 2015 in Paris vereinbarten Ziel beitragen, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen?

Diesen Fragen ist die Klimaberatungsfirma Right.Based on Science aus Frankfurt nachgegangen. Sie hat die Dax-Welt im Konjunktiv betrachtet. Die dabei gesammelten Erkenntnisse wurden in einer Studie zusammengefasst, die das Unternehmen an diesem Mittwoch bei der vierten Jahreskonferenz der Stiftung 2° in Berlin vorstellt. Das Ergebnis des „#Whatif“-Reports, der der Frankfurter Rundschau exklusiv vorab vorliegt: Bei zwei Dritteln der Konzerne reichen die aktuell geplanten Maßnahmen nicht aus, um die Erderwärmung auf 1,75 Grad zu begrenzen.

Effektivität der Klimaziele eines Unternehmens

Für die Studie hat Right.Based on Science den Beitrag jedes Konzerns aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) zur globalen Erwärmung in zwei verschiedenen Szenarien berechnet. Dabei wollen die Autoren die Ergebnisse des Reports aber weder als Ranking noch als Rating innerhalb des Dax verstanden wissen. „Unsere Analyse soll erste Erkenntnisse über die relative Effektivität der Klimaziele eines Unternehmens bieten und insbesondere für die Möglichkeiten sensibilisieren, Klimastrategien auf ihren tatsächlichen Climate Impact untersuchen zu können“, heißt es dazu von Right.Based on Science.

Das erste Szenario ist ein Basisszenario, in dem keiner der analysierten Konzerne ein Klimaziel hat. Das zweite Szenario ist eines, in dem jedes Unternehmen seine aktuell gesetzten Klimaziele erreicht. Am Ende der Berechnungen steht jeweils eine Grad-Zahl, die beziffert, wie stark die Atmosphäre sich bis zum Jahr 2050 erhitzen würde, wenn alle Unternehmen auf der Welt so wirtschaften würden, wie das gerade analysierte Unternehmen. Die errechneten Ergebnisse wurden anschließend noch den Werten gegenübergestellt, die die Konzerne laut der Internationalen Energieagentur (IEA) erreichen sollten, wenn die Erderwärmung bis 2050 auf 1,75 Grad begrenzt werden soll. Diese Ziele sind nicht für alle Branchen gleich.

Klimaziele werden so nicht erreicht

Dabei zeigte sich, dass 20 der 30 Dax-Konzerne zum Teil weit hinter den Anforderungen zurückbleiben. Absolutes Schlusslicht in den Berechnungen ist Heidelberg Cement. Die Ziele, die sich der Baustoffkonzern gesetzt hat, sorgen gerade einmal dafür, dass sich der Einfluss seiner Emissionen aufs Klima um knapp 0,4 Grad verringert (siehe Tabelle). Damit liegt er mehr als drei Grad über dem Ergebnis, das die IEA dem Baustoffsektor zugesteht. Weit hinter den Anforderungen zurück bleiben auch die Energieunternehmen Eon und RWE, ebenso wie die Chemieunternehmen BASF und Covestro, der Konsumgüterriese Henkel, der Industriegasespezialist Linde und der Rückversicherer Munich Re.

Fünf Firmen, nämlich Adidas, Fresenius, Fresenius Medical Care (FMC), Vonovia und Wirecard haben gar keine Klimaziele formuliert und liegen außer FMC allesamt über den branchenspezifischen Zielen der IEA. Besonders positiv schneiden dagegen die Allianz, die Deutsche Post, der Chemieriese Beiersdorf und SAP ab.

Einfluss der Unternehmen auf den Klimawandel

Gerechnet wurde mit dem X-Degree-Compatibility-Modell (XDC), das Right.Based on Science selbst entwickelt hat. Das Modell berechnet den Einfluss eines Unternehmens auf den Klimawandel unter verschiedenen Szenarien bis 2050. Dafür werden Daten zu Bruttowertschöpfung und Emissionen des jeweiligen Unternehmens entsprechend der erwarteten Entwicklung der Weltwirtschaft und der globalen Emissionen hochgerechnet. Das führt zu einer Emissionsmenge, die bis 2050 in die Atmosphäre gelangen würde, wenn alle Firmen so klimaintensiv wie die jeweilige Firma tätig wären. In einem dritten Schritt wird berechnet, wie stark diese Emissionsmenge die globale Temperatur steigen lässt. Heraus kommt besagte Grad-Zahl.

Bei den Berechnungen fällt auf, dass der überwiegende Teil der Unternehmen vor allem die Reduktion der sogenannten Scope-3-Emissionen nicht im Griff hat. Als Scope 3 werden sämtliche Emissionen bezeichnet, die zwar im Zusammenhang mit dem Geschäftsbetrieb, aber nicht unter der direkten Kontrolle des Unternehmens stehen. Dazu zählen etwa die Emissionen von Zulieferern, Dienstleistern oder Mitarbeitern. Bei den direkten Emissionen der Firmen (Scope 1) und solchen aus extern bezogener Energie (Scope 2) greifen die Klimaschutzkonzepte der Unternehmen laut der Studie deutlich besser.

Emissionsdaten der Unternehmen gemessen

Als Grundlage der Berechnungen verwendete Right.Based on Science nach eigenen Angaben die Emissionsdaten des unabhängigen Anbieters Engaged Tracking. Zur Quantifizierung der Klimaziele ab 2017 wurden vor allem Fragebögen der Nichtregierungsorganisation Carbon Disclosure Project, Nachhaltigkeits- und Jahresberichte sowie Unternehmens-Webseiten ausgewertet. Allerdings geben die Studienautoren zu bedenken, dass die Datenqualität der Emissionen, insbesondere der Scope 3-Daten, aktuell noch „auf teilweise sehr unsicheren Annahmen“ basiere. Ebenso würden auch die Klimaziele von den Unternehmen „uneinheitlich und teils sehr vage kommuniziert“.

„Wir sehen jedoch die Notwendigkeit damit anzufangen, auch solch unsichere Daten in Climate Impact-Analysen einzubeziehen,“ sagt Right-Mitbegründer und Co-Autor Sebastian Müller. „Nicht zuletzt, da die EU-Kommission in ihren Leitlinien zur nicht-finanziellen Berichterstattung ausdrückt, dass ein Unternehmen seinen Beitrag zum Klimawandel transparent darstellen soll. Nur durch die Auseinandersetzung mit schwierigen Datenpunkten kann Fortschritt erwartet werden.“

Unternehmen kritisieren Studie

Einzelne Unternehmen haben nach Angaben von Müller bereits Kritik an dem „#Whatif“-Report geübt. Dabei gehe es vor allem um den zeitlichen Ausgangspunkt der Berechnungen. Die Konzerne hätten bemängelt, dass ihre Anstrengungen zum Klimaschutz vor 2017 nicht in die Studie eingeflossen seien. „Das stimmt so nicht“, hält Müller dagegen. Das bisher Erreichte bilde sich schließlich in der Basis-XDC ab. „Natürlich kennt das Klima auch eine Vergangenheit. Aber hier geht es um den Blick in die Zukunft.“ Bei solchen Reaktionen könne man sich fragen, ob die Unternehmen sich wirklich bemühten oder ob es ihnen nur um eine positive Außendarstellung gehe.

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