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Fliegen trägt nicht gerade zum Klimaschutz bei - es gibt noch keine massentaugliche Lösung, doch viele hoffen auf synthetisches Kerosin.

Aktuelle Debatte

Klimaschutz: Was kann jeder einzelne gegen den Klimawandel tun?

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  • Jörg Staude
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Die Klimakrise kommt, doch jeder kann zum Klimaschutz beitragen. Die FR fasst die zehn wichtigsten Fragen und Antworten zu aktuellen Debatten zusammen.

Im privaten Leben stammen die meisten Emissionen aus den Bereichen Wohnen, Mobilität (eigenes Auto und Fliegen) sowie Ernährung.

Bei einem eigenen Haus lohnt es sich, Strom und Heizung auf erneuerbare Energien umzustellen. Das rentiert sich inzwischen auch finanziell schon nach ein paar Jahren. Mieter sind da allerdings vom Vermieter abhängig und befürchten oft, eine energetische Sanierung könnte die Miete in die Höhe treiben. Das wird sich erst ändern, wenn solche Sanierungen ausreichend öffentlich gefördert werden. Als Mieter kann man sich seit einiger Zeit eine Balkon-Solaranlage zulegen und direkt in die Steckdose stöpseln.

Klimaschutz: Carsharing und Kleinwagen statt SUV

Wer kann, sollte sein Auto möglichst oft stehen lassen und beim Neukauf überlegen, ob Kleinwagen oder Carsharing nicht auch Alternativen wären – wenn ein E-Auto noch zu teuer oder unpraktisch ist.

Flugreisen verhageln die persönliche CO2-Bilanz am stärksten. Wer unbedingt fliegen muss und nicht auf die Bahn umsteigen kann, sollte die Flugemissionen wenigstens bei einem seriösen Anbieter kompensieren.

Bei der Ernährung kommt es nicht nur darauf an, den Konsum von Fleisch zu reduzieren. Wichtig ist auch, auf regionale und saisonale Produkte zu achten. Die Avocado aus Südamerika schadet der Klimabilanz, auch wenn ein Biosiegel darauf klebt.

Tests zeigen, dass ein Bundesbürger bei konsequenter Umstellung die Hälfte seiner derzeitigen Pro-Kopf-Emissionen von im Schnitt elf Tonnen einsparen kann, ohne gravierend an Lebensqualität einzubüßen. Heißt auch: Klimaneutralität für jeden ist ohne grundlegende Änderungen bei Infrastruktur und im Wirtschaftsleben nicht zu erreichen. Um die Rahmenbedingungen für ein klimaverträgliches Lebensumfeld zu verbessern, ist es lohnend, sich in lokalen Klimainitiativen zu engagieren. In Kommunen, die schon den Klimanotstand ausgerufen haben, muss die Verwaltung alle Projekte auf ihre klimatischen Folgen prüfen – das schafft auch bürgerschaftlichem Engagement mehr Raum. (Jörg Staude)

Können wir mobil bleiben – trotz Klimaschutz?

Klimawandel und Urlaubsreise? 

Kein eigenes Auto mehr vor der Tür? Nur noch einmal im Jahr fliegen? Jeden Tag Veggie-Day? Für viele sind das Horrorvorstellungen. Klar ist: Die Menschen werden immer mobil bleiben, zur Arbeit pendeln und die Welt bereisen. Was sich ändern wird, ist der Preis, der mit verschiedenen Formen der Mobilität verbunden ist.

Das Zeitalter der billigen individuellen Motorisierung geht zu Ende. Kollektive Mobilität dagegen wird künftig günstiger werden: Pendeln mit dem öffentlichen Nahverkehr, Reisen mit der Bahn oder per Carsharing. Die autogerechte Stadt wird sich zur fahrrad- und fußgängergerechten Stadt wandeln. Auf dem Land wird es vor allem dank der Digitalisierung preiswerte Verkehrsangebote nach Bedarf geben.

Nur fürs Fliegen gibt es noch keine massentaugliche Lösung, auch wenn viele auf synthetisches Kerosin hoffen. Das wird jedenfalls ein teurer Antriebsstoff sein. Flugreisen werden künftig wieder das werden, was sie einmal waren: etwas Besonderes. Vielleicht ändert sich auch der Charakter von Fernreisen ganz. Man nimmt sich Zeit und reist entschleunigt per Schiff oder gar – Luftschiff.  (Jörg Staude)

Was kostet uns der Klimawandel – ohne dass wir es merken?

In Zahlen ausgedrückt: Jede Tonne CO2, die in Deutschland ausgestoßen wird, zieht laut Umweltbundesamt Folgekosten von 180 Euro nach sich, insgesamt sind das jährlich 164 Milliarden Euro, etwa die Hälfte des aktuellen Bundesetats.

Diese Kosten werden nur teilweise in Produkte und Dienstleistungen eingepreist. Rechnet man alle Steuern und Abgaben, die derzeit auf Energie (Strom, Öl, Gas, Kohle) in Deutschland fällig werden, in eine fiktive CO2-Abgabe um, so werden die Verbraucher im Schnitt mit 94 Euro je Tonne CO2 belastet. Dieses Geld wird aber nicht für den Klimaschutz ausgegeben, sondern fließt meist in die Haushalte von Bund und Ländern.

Die meisten CO2-Kosten tauchen dort auf, wo der Klimawandel die Gesellschaft trifft: als Hilfen für die Bauern, wenn diese unter Dürrehitze leiden, als Kosten für höhere Deiche oder als Verluste von Kraftwerken, wenn diese wegen des warmen Flusswassers nicht mehr richtig kühlen können. Dazu kommen die Kosten, die weitere Wetterextreme verursachen: durch Überschwemmungen weggerissene Straßen, vollgelaufene Keller und vieles andere mehr. Auch wenn diese Kosten nicht exakt aufzulisten sind: Wir bezahlen sie so oder so – und mitunter sogar mit der Gesundheit oder dem Leben. (Jörg Staude)

Ursachen und Folgen des Klimawandels

Was bringt es, wenn die EU in Sachen Klimaschutz vorangeht, aber der Rest weitermacht wie bisher?

Wenig. Die Europäische Union hat nämlich „nur“ einen Anteil von zehn Prozent an der globalen Treibhausgas-Fracht. Das entbindet sie jedoch nicht davon, Klimaschutz zu betreiben. Der Durchschnittseuropäer ist für rund 8,4 Tonnen Treibhausgase pro Jahr verantwortlich, während maximal zwei Tonnen als klimaverträglich gelten. Noch mehr Verantwortung, CO2 einzusparen, haben die US-Amerikaner, deren Pro-Kopf-Emissionen rund 17 Tonnen ausmachen. Zum Vergleich: In China beträgt der CO2-Ausstoß pro Kopf 7,2 Tonnen pro Jahr, in Indien sogar nur 1,5 Tonnen. (Joachim Wille)

Welche Weltregionen leiden an den Folgen des Klimawandels?

In der internationalen Klimapolitik hat sich dafür eine eigene Ländergruppe gebildet, das Climate Vulnerable Forum (CVF). Diese Staaten sind besonders von den häufiger und stärker auftretenden Naturextremen wie Stürmen, Überschwemmungen, hohen Temperaturen, Erdrutschen sowie Wald- und Buschbränden betroffen. Zu den Ländern gehören unter anderem aus Afrika Äthiopien, Kongo, Ghana, Marokko und Niger, aus Asien Afghanistan und Bangladesch sowie die Malediven, die Mongolei, Nepal, Philippinen und Vietnam sowie aus der Karibik und Mittelamerika Costa Rica, Haiti und Honduras sowie aus dem Südpazifik Fidschi, Kiribati, Papua-Neuguinea, Vanuatu sowie Tuvalu. Einige der Inselstaaten könnten in 50 Jahren wegen des steigenden Meeresspiegels schon verschwunden sein. Den Bewohnern bleibt nur die rechtzeitige Flucht.

Die UN schätzen, dass in den kommenden 30 Jahren zwischen 50 Millionen und 200 Millionen Menschen vor allem im globalen Süden ihre Heimat verlassen müssen. Die Folgen der globalen Erwärmung treffen insbesondere also diejenigen Staaten und Gruppen, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben. (Jörg Staude)

Klimaschutz: Was tut die Politik?

Der Urknall für die internationale Klimapolitik war der UN-Erdgipfel in Rio de Janeiro im Jahr 1992. Damals verabschiedeten fast 200 Staaten die Weltklimakonvention und einigten sich damit auf das Ziel, eine „gefährliche, vom Menschen verursachte Störung des Klimasystems“ zu verhindern. Fünf Jahre später wurde im japanischen Kyoto das „Kyoto-Protokoll“ verabschiedet, das bis 2020 gilt und die Industrieländer zu einer Reduktion der Treibhaushausgase um im Schnitt 5,2 Prozent verpflichtete; die USA und Kanada stiegen später aus dem Vertrag aus.

Der Versuch, 2009 in Kopenhagen ein globales Klimaabkommen zu schließen, das alle Länder zur CO2-Begrenzung verpflichtet – also auch Schwellenländer wie China –, scheiterte. Erreicht wurde das dann erst 2015 auf dem Klimagipfel in Paris. Ziel des Paris-Abkommens ist es, die Erderwärmung bei zwei Grad, möglichst aber schon bei 1,5 Grad zu stoppen. Die bisher von den Staaten vorgelegten Klimaschutzpläne reichen aber bestenfalls für einen Drei-Grad-Pfad. Sie müssen daher nachgebessert werden.

China hat die USA seit 2007 als weltgrößter CO2-Produzent abgelöst, die EU folgt auf Platz drei. Ein Lichtblick ist, dass China und Indien sehr stark in erneuerbare Energien investieren, allerdings setzten die beiden bevölkerungsreichen Länder auch weiterhin auf die Kohle – den Klimakiller Nummer eins. Die USA wiederum bieten ein uneinheitliches Bild: Die Trump-Administration versucht, die Kohle zu pushen, viele Bundesstaaten, darunter Kalifornien, beharren aber auf ihrem Ökokurs. (Joachim Wille)

Klimawandel: Wann kippt das Klima?

Dem Planeten Erde droht eine „Heißzeit“, wenn die Erwärmung über die Schwelle von zwei Grad ansteigt. Der Grund: Dann können Kippelemente des Klimas ausgelöst werden, die den Temperaturanstieg zusätzlich stark beschleunigen. Drei Beispiele: Die Permafrostböden in Sibirien, Alaska und Nordkanada drohen weiträumig aufzutauen, was große Mengen der Treibhausgase CO2 und Methan freisetzen würde. Der Amazonas-Regenwald kann austrocknen, in dem bisher große Mengen Kohlenstoff gespeichert sind. Die Eisbedeckung der Arktis geht drastisch zurück, was die Strahlungsbilanz der Erde weiter Richtung Erwärmung verschiebt. Es droht, wenn dadurch ein galoppierender Treibhauseffekt ausgelöst würde, ein Plus von vier bis fünf Grad.

Inzwischen sagen viele Klimaforscher: Das Zwei-Grad-Limit reicht nicht, es müssen 1,5 Grad angepeilt werden, damit die Kippelemente beherrschbar bleiben. Viel Zeit, das zu erreichen, ist nicht mehr, denn die Erde erwärmt sich um fast 0,2 Grad pro Jahrzehnt. Das heißt: Die Weltwirtschaft muss schon deutlich vor 2050 komplett von „fossil“ auf „solar“ umgekrempelt, die Waldvernichtung gestoppt und die Landwirtschaft klimafreundlich umgebaut sein. (Joachim Wille)

Wer und was beeinflusst das Klima?

Hauptmotor für das Klima auf der Erde ist die Sonneneinstrahlung. Der Begriff Klima leitet sich denn auch von „klinein“ ab, dem griechischen Wort für „neigen“. Sommer und Winter sind Folge davon, dass die Erdachse relativ zur Bahnebene der Erde um die Sonne geneigt ist. Derzeit beträgt die Neigung 23,5 Grad, wodurch im „Nordsommer“ die Nordhalbkugel und im „Südsommer“ die Südhalbkugel stärker von der Sonne bestrahlt wird. Weitere Klimafaktoren sind die Verteilung von Land und Meer auf der Erde, die Zusammensetzung der Erdatmosphäre und die Höhe des jeweiligen Standorts. Zudem gibt es Kreisläufe, die das Klima mitbestimmen, darunter die allgemeine Zirkulation der Atmosphäre, Meeresströmungen und der Wasserkreislauf insgesamt. Auch regionale Wetterphänomene wie El Niño, La Niña und die Monsune gehören dazu.

Der Mensch beeinflusst das Klima, indem er CO2 und andere Treibhausgase wie Methan oder Lachgas produziert, Urwälder vernichtet und immer mehr Flächen bebaut und versiegelt. Laut Weltorganisation für Meteorologie (WMO) haben die 20 wärmsten je gemessenen Jahre in den vergangenen 22 Jahren gelegen.

Die Jahre 2015 bis 2018 waren demnach die vier wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen im 19. Jahrhundert. (Joachim Wille)

Sind die Industrieländer verantwortlich für den Klimawandel?

Die industrielle Revolution begann im 19. Jahrhundert mit der Erfindung der Dampfmaschine und der Nutzung der Kohle als Energieträger.

Die Industrieländer wie Deutschland, andere europäische Staaten oder die USA waren über ein Jahrhundert lang für den Großteil der Treibhausgase verantwortlich. Daher weisen die Entwicklungsländer ihnen eine besondere Verantwortung zu, für die Folgen des Klimawandels aufzukommen. Noch 1900 waren vor allem die „alten“ Industrieländer in Europa und die USA für einen Großteil der klimaschädlichen Gase verantwortlich. Das hat sich geändert. Heute stoßen Chinas Kohlekraftwerke, Fabriken und Fahrzeuge mit Abstand am meisten CO2 aus. (Joachim Wille)

Was hat das Wetter mit dem Klima zu tun?

Wenn es im Juni extrem heiß ist, fast 40 Grad, wie dieses Jahr, sagt das allein noch nichts über den Klimawandel. Ähnlich heiße Junis gab es auch früher schon, zum Beispiel 1947. Denn: Wetter ist nicht Klima. Um Aussagen übers Klima und seine Veränderungen treffen zu können, muss man Zeiträume von mindestens 30 Jahren betrachten. Das Klima für eine bestimmte Region ist im Prinzip das Durchschnittswetter in einem Zeitraum von drei Jahrzehnten.

Der 30-Jahres-Zeitraum ist nicht willkürlich gewählt worden. Wetter variiert nicht nur von Tag zur Tag, Monat zu Monat und von Jahr zu Jahr, sondern auch in längeren Perioden von zehn bis 30 Jahren. Darüber hinaus ändert sich relativ wenig. Mittelt man die Daten über 30 Jahre, schließt das daher die Skalen der natürlichen Wettervariabilität ein. Vergleiche zwischen mehreren 30-Jahres-Zeiträumen erlauben dann Rückschlüsse auf die Veränderung des Klimas.

Um ermitteln zu können, ob sich die Wetterextreme häufen, müssen Klimaforscher sich noch längere Zeitreihen anschauen. Einige Datenreihen dazu erstrecken sich zurück bis zum Ende des 19. Jahrhunderts – eine Zeit, in der der Klimawandel in der globalen Durchschnittstemperatur noch kaum messbar war. Inzwischen ist sie um rund ein Grad angestiegen, und die Häufigkeit und Stärke von Extremereignissen wie Hitzewellen und Überflutungen haben spürbar zugenommen. Die 1,5-Grad-Marke wird wohl bis Mitte des Jahrhunderts erreicht, bis 2100 drohen ohne durchgreifende Klimapolitik drei bis vier Grad. Zum Vergleich: Fünf Grad beträgt der Unterschied zwischen einer Warmzeit, in der wir uns befinden, und einer Eiszeit. Nun allerdings droht der Welt eine „Heißzeit“. (Joachim Wille)

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