+
London peilt eine Reduktion des CO2-Ausstoßes um 80 Prozent bis 2050 an.

Analyse

Großbritannien ergreift Vorreiterrolle für „grüneres“ Wirtschaftswachstum 

  • schließen

Als erste große Volkswirtschaft will nun Großbritannien bis 2050 klimaneutral werden. Und was ist mit den deutschen CO2-Zielen?

Großbritannien setzt inmitten der Brexit-Turbulenzen ein positives Zeichen für den Klimaschutz. Die Regierung unter Noch-Premierministerin Theresa May hat angekündigt, die Treibhausgas-Emissionen des Landes bis 2050 auf netto null zu senken. Großbritannien ist damit weltweit die erste große Volkswirtschaft, die dieses Ziel gesetzlich verankert. Bislang hat London bis zu diesem Datum eine Reduktion des CO2-Ausstoßes um 80 Prozent angepeilt. Sobald das Parlament zugestimmt hat, wird das neue Gesetz in wenigen Wochen in Kraft treten.

May sagt zu der Entscheidung, Großbritannien müsse als Mutterland der Industrialisierung nun auch eine Vorreiterrolle für „grüneres“ Wirtschaftswachstum ergreifen. Sie übernahm damit die Empfehlungen des nationalen „Rats für Klimawandel“. Der Rat hatte die „Netto-Null“ bis 2050 als machbar bezeichnet; sie erfordere in allen Sektoren – wie Industrie, Verkehr und Landwirtschaft – zwar weitreichende, aber zumutbare Veränderungen.

Der Vorstoß des May-Kabinetts bekam breite Zustimmung. Großbritannien könne durch eine Führungsrolle beim Klimaschutz seine Wettbewerbsfähigkeit steigern, so die Chefin des Unternehmerverbandes CBI, Carolyn Fairbairn. Greenpeace lobte den „großen Augenblick für den Klimaschutz“. Jedoch gibt es auch Schlupflöcher in dem Plan, nämlich die Möglichkeit, eigene Emissionen durch Klimaprojekte im Ausland auszugleichen.

Großbritannien fährt beim Klima seit Jahren einen ambitionierten Kurs. Der CO2-Ausstoß ist seit dem Basisjahr 1990 um rund 40 Prozent zurückgegangen. In den vergangenen Jahren wurde die Kohleverstromung stark gekappt, der Ausstieg soll 2025 vollzogen sein. Das Parlament war unlängst auch das erste weltweit, das einen „Klimanotstand“ ausgerufen hat. In dem Land herrscht generell ein großer gesellschaftlicher Konsens über die Notwendigkeit von ambitioniertem Klimaschutz.

Finnland beim Klimaschutz noch ambitionierter

Noch ambitionierter als die Brexit-Insel hat sich Finnland beim Klima aufgestellt. Es will seine Emissionen sogar schon bis 2035 unter dem Strich auf null senken. Ein konkreter Fahrplan dafür soll nun entwickelt werden – mit Maßnahmen, die die Emissionen schneller als bisher geplant sinken lassen und CO2 binden sollen. Zudem sollen die Steuern auf fossile Brennstoffe erhöht werden. Konflikte sind dabei programmiert, da Finnlands hohe Abholzungsrate gesenkt und die sehr CO2-intensive Verbrennung von Torf in Kraftwerken gestoppt werden müsste.

Lesen Sie auch:  Die soziale und gesellschaftliche Dimension des Klimawandels muss stärker in den Blick genommen werden

Auf dem Papier noch weitgehender ist Schweden. Das Land beschloss bereits 2016, bis 2030 „klimaneutral“ zu sein. Das soll allerdings auch durch den Kauf von CO2-Zertifikaten im Ausland ermöglicht werden, die die noch entstehenden Emissionen rechnerisch ausgleichen. Finnland will darauf verzichten.

Ob Deutschland sich am britischen Vorbild orientiert, ist noch offen

Ob der frühere Klimavorreiter Deutschland sich zumindest am britischen Vorbild orientiert, ist noch offen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach sich im Mai beim Petersberger Klimadialog in Berlin zwar für eine Klimaneutralität bis 2050 aus, allerdings soll erst noch das „Klimakabinett“ darüber beraten, in dem die zuständigen Bundesminister sitzen. Noch wichtiger als solch ein Fernziel-Beschluss wäre allerdings folgendes: Die Bundesregierung muss endlich zeigen, dass sie die Maßnahmen beschließt, um die längst existierenden CO2-Ziele für 2020 und 2030 zu erreichen. Daran hapert es nämlich gewaltig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare