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Hier wird aufgeforstet: Kleine Buchensetzlinge sollen auf kahlen Flächen im Wald wachsen.

Trockenheit und Abholzung

Klimanotstand: Abkehr von der konventionellen Waldwirtschaft gefordert

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Die Forste leiden unter der Trockenheit und Übermäßiger Abholzung. Kritische Waldexperten fordern deshalb eine Abkehr von der Betrachtung als „Holzfabrik“.

Der Borkenkäfer rafft die Fichten dahin, Buchen und Kiefern vertrocknen, die Rußrindenkrankheit macht dem Ahorn den Garaus. Es ist unübersehbar. Der Wald ist in einer schweren Krise. Die Waldbesitzer sprechen von einer „Jahrhundertkatastrophe“, und der Bund der Forstleute hat den „Klimanotstand“ ausgerufen.

Angesichts der dramatischen Lage fordert eine Gruppe von Experten, Forstpraktikern, Waldbesitzern und Verbändevertretern in einem offenen Brief an Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) eine Abkehr von der konventionellen Forstwirtschaft: Der Wald dürfe nicht mehr als „Holzfabrik“ betrachtet werden.

Klöckner hat den Ernst der Situation in den hiesigen Forsten durchaus erkannt. Sie hat für den 25. September zu einem nationalen „Waldgipfel“ eingeladen, auf dem Waldeigentümer, Forst- und Umweltexperten Strategien zur Stabilisierung der Wälder beraten sollen. „Wir müssen jetzt tätig werden, denn der Wald ist unser Klimaschützer Nummer eins, unsere grüne Lunge“, sagte sie in einem Interview. Die Beseitigung der jüngsten Sturm- und Waldbrandschäden werde eine halbe Milliarde Euro kosten, und zur verstärkten Anpassung an den Klimawandel seien zusätzlich mehr als eine Milliarde nötig. Einen Teil des Geldes will sie beim Klimakabinett am 20. September lockermachen. Bei dem Treffen soll die Strategie der Bundesregierung mit Blick auf das deutsche CO2-Reduktionsziel 2030 beschlossen werden, das minus 55 Prozent gegenüber 1990 beträgt. Erreicht waren 2018 erst rund 32 Prozent. Die Wälder spielen dabei eine wichtige Rolle: Ihre CO2-Speicherfähigkeit fließt in die Bilanz ein.

Waldgipfel soll ein „Ergebnis- und Tatengipfel“ werden

Der Waldgipfel soll ein „Ergebnis- und Tatengipfel“ werden, kündigte Klöckner vollmundig an. Die dort vereinbarten Maßnahmen sollen dann von den zuständigen Behörden in den Bundesländern umgesetzt werden.

Darüber allerdings, was die richtigen Maßnahmen zur Anpassung des Waldes an das sich verändernde Klima sind, gibt es kontroverse Ansichten. Die Expertengruppe, die sich nun zu Wort meldet, fordert jedenfalls die staatliche Forstwirtschaft auf, „anstelle teuren Aktionismus endlich eine sachkundige Fehleranalyse des eigenen Wirkens vorzunehmen“, wie es in dem Brief an Klöckner heißt. Sie hält eine „konsequente Abkehr von der Plantagen-Wirtschaft“ in den Wäldern für nötig sowie „eine Hinwendung zu einem Management, das den Wald als Ökosystem und nicht mehr länger als Holzfabrik behandelt“.

Die Gruppe argumentiert: Die aktuelle Waldkrise sei nicht allein eine Folge des Klimawandels. „So zu tun, als hätten die letzten zwei Dürrejahre die Katastrophe allein verursacht, ist zu billig.“ Auch die Art der Waldbewirtschaftung trage eine erhebliche Mitverantwortung. Sie habe nämlich Wälder geschaffen, die mit den sich inzwischen häufenden Trockenheitsjahren – zuletzt 2015, 2018 und zumindest bisher 2019 – nicht mehr zurechtkämen. „Es gibt zu viele struktur- und artenarme Wälder, die durch zu viele Wege zerschnitten wurden. Waldböden werden zu intensiv befahren, und vielerorts ist das Wald-Innenklima durch Auflichtung und zu starke Holzentnahme geschädigt“, kritisiert einer der Experten aus der Gruppe der Waldökologen, Professor Pierre Ibisch. Zu den Unterzeichnern des Briefes gehören neben Wissenschaftlern Forstexperten, Chefs von Umweltverbänden wie Deutscher Naturschutzring, Greenpeace, Nabu, Naturfreunde und Deutsche Umweltstiftung, Vertreter von Bürgerinitiativen und namhafte Autoren wie Franz Alt oder Peter Wohlleben.

Strategie zur Anpassung an den Klimawandel

Die Gruppe lehnt die Strategie zur Anpassung an den Klimawandel ab, wie fünf Forstminister aus den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen sie Anfang August in ihrer „Moritzburger Erklärung“ formuliert haben. Sie fordern in diesem „Masterplan“, der Bund solle in den nächsten vier Jahren 800 Millionen Euro bereitstellen, um das Schadholz aus dem Wald zu holen, die betroffenen Flächen wiederaufzuforsten, den Schutz vor Bränden zu verbessern und einen „klimaangepassten“ Waldumbau voranzutreiben. Dabei sollen unter anderem auch nichtheimische Baumarten gepflanzt werden, von denen man sich erhofft, dass sie das wärmere Klima aushalten. Die Forschung soll das unterstützen, indem sie untersucht, welche Baumarten sich für den „klimaangepassten Zukunftswald 2100“ eignen, und sich auf entsprechende Forstpflanzenzüchtung konzentrieren. Eine „aktive Waldbewirtschaftung“ sei weiterhin nötig. Zudem fordern die Minister, mehr Holz im Bausektor zu nutzen.

Die kritische Expertengruppe moniert an dem Masterplan: „An der bisherigen, jahrzehntelang praktizierten Forststrategie soll sich grundsätzlich nichts ändern: Bäume fällen, Bäume pflanzen.“ Allenfalls das „Baumarten-Design“ der zukünftigen Kunstforste solle sich ändern. Es werde damit nahtlos an das Leitbild einer „Holzfabrik“ angeknüpft, die „angesichts der momentan großflächig zusammenbrechenden Nadelholzplantagen als gescheitert gelten muss“.

Die Unterzeichner des Briefes an Klöckner kritisieren zudem den Plan, die Waldschäden durch rasche Entfernung geschädigter Bäume und schnelle Aufforstung anzugehen. Sie fordern, vor allem auf Naturverjüngung (Fachwort: Sukzession) zu setzen und diese gezielt zu fördern. Größere Kahlflächen, die etwa durch das Absterben von Fichtenwäldern entstehen, sollten mit maximal 400 bis 600 „Großpflanzen“ heimischer Baumarten pro Hektar bepflanzt werden, um dazwischen die Sukzession zu ermöglichen. Es sei richtig, die abgestorbenen Bäume teilweise im Wald liegen und vermodern zu lassen, meinen die Experten. Das verbessere die Böden und biete einen natürlichen Schutz für nachwachsende Bäume gegen Verbissschäden durch Wild.

Wald: Neues, ökologisch orientiertes Konzept nötig

Der Mitinitiator des Briefs und Waldschützer Norbert Panek aus Nordhessen fordert „Ruhepausen für den Wald, der jahrhundertelang ausgebeutet wurde“. Nötig sei ein neues, ökologisch orientiertes Konzept für den zukünftigen Wald. Dabei gehe es nicht um einen hektischen „Waldumbau“, sondern um eine Entwicklung hin zu mehr Naturnähe, die dem Wald als Ökosystem den notwendigen Spielraum belasse, selbstregulierend auf die Umweltveränderungen reagieren zu können. Mitunterzeichner Wilhelm Bode, früherer Leiter der saarländischen Forstverwaltung und Autor des Buchs „Waldwende“, sieht das ähnlich: „Wir brauchen endlich eine Waldwende, die die natürlichen Produktionskräfte des Waldes stärkt und nicht weiter schwächt.“

Unterstützung erhoffen die Experten sich von Bundesumweltministerin Svenja Schulze. Sie fordern die SPD-Politikerin auf, sich in die Debatte einzuschalten. Ein angemessenes Waldmanagement dürfe nicht allein aus der Perspektive der Holzwirtschaft und unter alleiniger Federführung des Landwirtschaftsministeriums erfolgen. 

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