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Klimawandel trifft vor allem Ärmsten der Armen.

Geoengineering

Mit der Klimakatastrophe Geld verdienen

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Wem nützen Technologien wie Geoengineering und wer treibt sie voran? Ein Report beschäftigt sich mit den Akteuren und Gefahren.

Der nächste Klimagipfel ist zu Ende, der Jubel von Paris längst verhallt. 2015 einigte sich dort die Staatengemeinschaft, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Seither ist der globale Treibhausgasausstoß weiter gestiegen. Die scheinbare Handlungsunfähigkeit der Länder, die besonders viele Emissionen ausstoßen, und die Geschwindigkeit, mit der Klimawandel voranschreitet, haben eine technische Wunderwaffe auf den Plan gerufen: Geoengineering.

Darunter versteht man die Reflexion von Sonnenstrahlen durch bestimmte Stoffe in der Stratosphäre, durch künstliche Wolken oder Glasstaub auf dem Eis der Arktis. Und das Filtern von CO2 aus der Atmosphäre, die Düngung von Ozeanen, die CO2-speichernde Algen vermehren soll oder die Speicherung von CO2 unter der Erde, die umstrittene Carbon-Capture-and-Storage-Technologie (CCS).

Gefährliche Nebenwirkungen

Doch die Manipulation natürlicher Systeme birgt gefährliche globale Nebenwirkungen, die unumkehrbar sind und womöglich schlimmer als der Klimawandel selbst: So könnten Schwefelpartikel in der Atmosphäre die Sonne verdunkeln und die Erde „abkühlen“. Das passierte, als 1991 der philippinische Vulkan Pinatubo ausbrach und die Aschewolke in die Stratosphäre gelangte: Die Temperatur sank weltweit um ein halbes Grad. Untersuchungen belegen, dass Schwefelinjektionen auf der Nordhalbkugel den Monsun in Afrika und Asien beeinflussen können. Das hätte dort, wo die Menschen bereits unter den Folgen des Klimawandels leiden, Dürren, Ernteausfälle und vermutlich Hungerkatastrophen zur Folge. Wem nützen also solche monströsen Technologien und wer treibt sie voran?

Diesen Fragen widmet sich der Report „The Big Bad Fix. The Case against Climate Geoengineering“, der NGOs Biofuelwatch, ETC Group und der Heinrich-Böll-Stiftung. Es ist die umfassendste Untersuchung zum weltweiten Stand der Technologie, ihren Gefahren, ihrer Ideologie und ihren Akteuren. Er zeigt, wie sehr Klimapolitik eine Machtfrage ist – und dass sich auch mit der Klimakatastrophe noch Geld verdienen lässt: „Geoengineering ist keine technische oder wissenschaftliche Notwendigkeit, sondern eine gefährliche Verteidigung des gescheiterten Status quo. Zu behaupten, man ‚müsste‘ Geoengineering anwenden, bedeutet, dass es akzeptabler sei, unserem Planeten irreparable Schäden zuzufügen, als unser Wirtschaftssystem zu verändern, das nur für einige wenige profitabel ist.“

Nur zehn Prozent der Weltbevölkerung sind für die Hälfte der globalen Emissionen verantwortlich. Entsprechend haben die Länder mit besonders hohen Emissionen – USA, Großbritannien und China – die meisten Forschungsprogramme und Geoengineering-Projekte. Allerdings sind es nur wenige Akteure, die in der Entwicklung besonders aktiv sind und Geoengineering am lautesten propagieren. Laut Report tummeln sich in der „Geo-Clique“ Forscher, Ingenieure und Investoren, die auch finanzielle Interessen haben.

Die prominentesten sind David Keith (Harvard) und Ken Caldeira (Stanford). Keith hat die Firma Carbon Engineering gegründet und hält das Patent am „Planetary Cooler“, der CO2 aus der Atmosphäre ziehen soll. Caldeira erforscht die Auswirkungen der Sonnenverdunklung. Er ist an einer Erfindung der Firma Intellectual Ventures beteiligt, die warmes Oberflächenwasser auf den Meeresgrund drücken soll, um Stürme zu verhindern. Die Firma wurde von Nathan Myhrvold, Ex-Technologiechef von Microsoft, gegründet. Im Patent der Ozeanpumpe steht neben Caldeiras Name auch der von Bill Gates. Der Multimilliardär gilt als „Sugar Daddy“ der Klimaklempner. Mit Keith und Caldeira hat Gates den Fonds für Innovative Klima- und Energieforschung (FICER) gegründet und mit 8,5 Millionen Dollar aus seinem Privatvermögen unterstützt. Gates investiert außerdem in Keith’ CO2-Staubsauger – neben Murray Edwards, dem die Firma Canadian Natural Resources gehört, die Teersand in Alberta abbaut.

Keith hat auch das Harvard Solar Geoengineering Research Program gegründet. Dieses soll den ersten Freilandversuch zur Sonnenverdunklung (Solar Radiation Management - SRM) finanzieren, den Keith im Herbst 2018 durchführen will. Im Stratospheric Controlled Pertubation Experiment (Scopex) will er mit einem Ballon Aerosole in 20 Kilometern Höhe in die Stratosphäre ausbringen, um zu testen, wie sich diese dort verhalten. Der Versuch soll 20 Millionen Dollar kosten, sieben Millionen sind bereits beisammen – gespendet von Bill Gates, Philantrokapitalisten und Risikoinvestoren.

„Wenn das stattfindet, sind Tür und Tor geöffnet, weitere und größere Experimente durchzuführen“, sagt Lili Fuhr von der Heinrich-Böll-Stiftung. Die Geografin, die am Report mitgearbeitet hat, beobachtet, dass die „Geschwindigkeit, in der Geoengineering als letzte Möglichkeit wahrgenommen wird, um das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen, enorm ist“. So werden gefährliche Pläne B und C verhandelt, um Plan A zu verhindern: Die inszenierte Dringlichkeit der Phantomtechnologie lenke die Aufmerksamkeit und Investitionen von der einzigen Lösung ab, „von der wir wissen, dass sie funktioniert, nämlich die radikale Verringerung der Kohlenstoffemissionen“.

Die fossile Industrie versucht das zu verhindern: Firmen wie Exxon, Shell und Chevron haben deshalb riesige Summen in die Erforschung der Carbon-Capture-and-Storage-Technologie gesteckt. Jahrelang haben solche Firmen Thinktanks und Politiker, die den Klimawandel leugnen, unterstützt. Heute investieren sie in Geoengineering-Forschung. Dazu passt, dass US-Präsident Donald Trump, der aus dem Paris-Vertrag aussteigen will, unlängst eine Anhörung zu Geoengineering im Kongress veranlasste.

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