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Umweltaktivisten demonstrierten in Rom für Klimaschutz und eine saubere Luft.

Luft

Dicke Luft

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Feinstaub, Stickoxide und CO2: In Rom werden die Grenzwerte so massiv überschritten wie sonst kaum in der EU. Ein Radfahrer-Verein will das nicht länger hinnehmen.

An diesem Morgen ist die Luft klar. Der Regen, der seit Tagen auf die italienische Hauptstadt Rom prasselte, hat sie reingewaschen. Doch normalerweise ist sie hier an der Viale Etiopia im Nordosten der Metropole zum Schneiden. Der Berufsverkehr überzieht das Wohngebiet mit einem Nebel aus Stickoxid und Feinstaub. Die ewige Stadt droht an Abgasen zu ersticken.

„Hier in Rom wächst jeder mit dem Glauben auf, dass man sich nur im Auto fortbewegen könne“, sagt Sandro Calmanti. Er greift zur Cappuccino-Tasse, hinter ihm dröhnt die Straße.

Sein eigenes Auto hat er vor ein paar Jahren abgeschafft. Jetzt nimmt er nur noch das Rad – und wünscht sich, dass mehr Römer seinem Beispiel folgen würden. Er ist Vizepräsident im Verein Salvaiciclisti – zu Deutsch „Rettet die Radfahrer“.

Von Beruf ist Calmanti Klimaforscher bei einem Umweltinstitut. Und im Februar vergangenen Jahres wollte er ganz genau wissen, was er bei seinen Radfahrten einatmet. Der Verein beschaffte 200 Messgeräte, die Mitglieder an Balkonen oder Straßenschildern anbrachten, um einen Monat lang die Stickoxidwerte in der Stadt zu messen. Seitdem gibt es eine Karte, auf der sich die Schadstoffbelastung für Rom fast straßengenau ablesen lässt, viel detaillierter als durch die Handvoll offizieller Messstationen.

Die Ergebnisse sind verheerend: In der Spitze ergaben sich rechnerische Werte von 90 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahr – gemessen unter anderem hier, an der Viale Etiopia. „Das ist ein verrückter Wert!“, sagt Calmanti. Europaweit gilt für Stickoxid ein Limit von 40 Mikrogramm. Bereits bei einer halb so hohen Konzentration drohen nach aktueller Studienlage Gesundheitsschäden. Stickoxid wird mit der Entstehung von Asthma, Kreislauferkrankungen und Krebs in Verbindung gebracht.

In der Studie kam auch heraus, dass neun von zehn Römern an Orten mit überhöhter Konzentration leben – nämlich dort, wo die Stadt am dichtesten besiedelt ist. „Sehen Sie sich um“, sagt er und zeigt auf die Hochhäuser nebenan, „hier wohnen etliche Menschen, in der Nähe sind Parks und Schulen, auch die meiner Kinder.“ Das Fahrrad seines Sohnes ist das einzige, das vor dem Schulhaus um die Ecke steht.

Die dicke Luft hat dramatische Folgen – nicht nur in der Hauptstadt, sondern in ganz Italien: In keinem westeuropäischen Land sterben mehr Menschen vorzeitig an den Folgen von Luftverschmutzung, wie eine Berechnung der Europäischen Umweltagentur von 2015 ergab – über 84.000 Tote im Jahr.

EU-weit ist die Lage nur in Bulgarien und Rumänien schlimmer. Ähnlich die Situation beim gefürchteten Feinstaub: Gut 64 Prozent aller Italiener atmen laut Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Luft mit einem Feinstaubgehalt über dem Grenzwert von 15 Mikrogramm. Der Bertelsmann Stiftung zufolge landet das Land damit auf Platz 20 von 28 EU-Mitgliedern.

Ob Feinstaub, Stickoxid oder CO2: An der Frage um Luft und Klima kann sich die Zukunft eines ganzen Kontinents entscheiden. Auch deshalb ziehen seit Monaten weltweit Schüler an Freitagen durch Innenstädte, um bei den Fridays-For-Future-Demonstrationen mehr Bewegung im Klimaschutz zu fordern. Sie formulieren eine Sorge, die viele andere gern wegschieben: dass zusammen mit der Reinheit der Luft irgendwann auch die Menschheit untergeht.

Der Kampf ums Klima wird an vielen Fronten geführt. In Rom hat der Radfahrer-Verein dem Stadtrat kürzlich ein Konzept für bessere Radwege vorgelegt. Denn die sind kaum zu entdecken.

„Der Verkehr ist wahnsinnig, viele trauen sich nicht, auf dem Rad zu fahren, weil es so gefährlich ist“, sagt Calmanti. Tatsächlich haben Radler einen großen Vorteil: Sie kommen fix am Verkehr auf den notorisch verstopften Straßen vorbei.

Verwunderlich ist die konsequente Missachtung der Radfahrer nicht: „Italien ist nun einmal das Land des Automobils“, sagt er. Dort kommen auf 100 Einwohner rund 61 Fahrzeuge – europäischer Spitzenwert. In Deutschland sind es gut 55.

Doch während sich manche Besitzer von Dieselautos wegen drohender Fahrverbote von der Politik in der Bundesrepublik verraten fühlen, sind diese südlich der Alpen seit Jahrzehnten gängige Praxis. Genutzt hat das wenig. Auch bei der Verbreitung von Dieselmotoren ist Italien Spitzenreiter.

In Rom will Bürgermeisterin Virginia Raggi bis 2025 das Zentrum komplett zur Sperrzone für Diesel erklären. Aktivist Calmanti geht das nicht schnell genug. „Das ist ein bisschen enttäuschend, wir haben den Notstand doch jetzt!“

Für ihn ist klar: Damit die Luft aufklart, müssen die Bürger sich umstellen. Doch eingeübte Verhaltensmuster stellen so ziemlich die höchste Hürde dar. „Wenn du gegen alte Gewohnheiten kämpfst, denken die Leute, du bist verrückt“, betont Calmanti. Damit kann er leben. Als Radler ist er in der Hauptstadt ohnehin ein Exot zwischen all den Autofahrern: „Wenn ich fahre, fühle ich mich wie ein Außerirdischer.“

Vorzeitige Todesfälle

Stickstoffoxide – kurz NOx – sorgen in vielen deutschen Städten für schlechte Luft. Sie reizen Augen und Atemwege und gefährden vor allem Menschen in Ballungsgebieten. Zwar gibt es für die gasförmigen Verbindungen auch natürliche Quellen. In der Stadt ist dem Umweltbundesamt zufolge aber hauptsächlich der Straßenverkehr für den NOx-Ausstoß verantwortlich – vor allem Dieselautos, die dort drei Viertel der Stickoxid-Emissionen verursachen.

Problematisch sind die Gase vor allem für empfindliche oder vorgeschädigte Menschen wie Asthmatiker und Ältere. Stickoxide wirken reizend auf Schleimhäute der Atemwege und der Lunge. Das UBA macht die Luftschadstoffe für rund 6000 vorzeitige Todesfälle hierzulande durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Jahr 2014 verantwortlich.

Laut EU-Grenzwerten für die allgemeine Belastung der Umgebungsluft darf ein Stundenwert von 200 Mikrogramm NOx je Kubikmeter höchstens 18 Mal im Jahr erreicht werden. Der Grenzwert im Jahresdurchschnitt für NOx liegt bei 40 Mikrogramm. Höhere Grenzwerte gelten in Deutschland am Arbeitsplatz, wo bis zu 950 Mikrogramm erlaubt sind. Dieser Wert zielt aber auf eine zeitliche begrenzte Belastung gesunder Arbeitnehmer – die Werte der Umgebungsluft beziehen hingegen alle Menschen mit ein.

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