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Der Gründer des Vereins Griechenlandhilfe, Erwin Schrümpf (Mitte), im Gespräch mit Obdachlosen in Piräus.

Griechenland

Nur ein kleiner Schritt zur Obdachlosigkeit

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Die Wirtschaft Griechenlands wächst wieder - aber viele Menschen merken davon nichts und sind weiterhin auf Nothilfe angewiesen. Eine Reportage von Gerd Höhler.

Die Not nimmt nicht ab, sie wird immer größer“, sagt Erwin Schrümpf. Geschickt steuert der Österreicher seinen Kleintransporter durch das Verkehrschaos der griechischen Hafenstadt Piräus. Bis unters Dach ist der Wagen vollgepackt mit Hilfsgütern: Medikamente, Babynahrung, Windeln, Verbandsmaterial, medizinische Geräte. Seit fünf Jahren versucht der Österreicher, mit seinem Verein Griechenlandhilfe die größte Not zu lindern.

„Auf den ersten Blick pulsiert hier das Leben – aber das ist nur die Fassade“, sagt Schrümpf, als er den Transporter durch das Menschengewühl am Hafen lenkt. Touristen ziehen mit ihren Rucksäcken und Rollkoffern zu den Anlegern der Fähren. Wie es ein paar Meter weiter aussieht, wissen die unbeschwerten Urlauber nicht.

Ein kleiner Park inmitten des Hafengeländes. „Hier leben sie“, sagt Erwin Schrümpf. Ein Dutzend Menschen bevölkert die Grünanlage. Einige sitzen auf den Bänken, andere gehen ziellos umher. Sie sind obdachlos. 500 Schlafsäcke hat die Griechenlandhilfe an die Obdachlosen von Piräus bereits verteilt.

Am Rand des Parks rührt Myrto mit einem Holzlöffel in zwei großen Kochtöpfen. Einmal in der Woche baut die 22-jährige Studentin mit einigen Kommilitonen hier einen Gaskocher auf. Heute kochen die jungen Leute Huhn in Zitronensoße. „Angefangen haben wir vor zwei Jahren, um die Flüchtlinge zu versorgen, die damals zu Tausenden am Hafen von Piräus gestrandet waren“, erzählt Myrto. Die Flüchtlinge sind längst weg, sie leben jetzt in staatlichen Lagern am Stadtrand. Geblieben sind die griechischen Obdachlosen. „Und es werden immer mehr“, beobachtet Erwin Schrümpf. „Für viele ist es die einzige warme Mahlzeit in der Woche.“

Auch Makis ist hungrig. „32 Jahre bin ich zur See gefahren“, erzählt der 61-Jährige, „zuletzt auf einer Fähre. 2013 ging die Reederei in Konkurs, seitdem bin ich arbeitslos.“ Als nach zwei Jahren die letzten Ersparnisse aufgebraucht waren, verlor Makis seine Wohnung. Jetzt lebt er als Obdachloser am Hafen. Seine wenigen Habseligkeiten hat er in einem Rucksack verstaut. In vier Jahren hofft er auf eine Rente. „Viel wird es nicht sein, vielleicht 400 Euro, aber das reicht hoffentlich für ein Dach über dem Kopf“, sagt der Mann.

Mehr als ein Viertel seiner Wirtschaftskraft hat Griechenland seit Beginn der Krise 2009 verloren. Die Arbeitslosenquote stieg von sieben auf 27 Prozent. Arbeitslosengeld wird in Griechenland höchstens ein Jahr lang gezahlt, eine Grundsicherung wie Hartz IV gibt es nicht. Vom Verlust des Arbeitsplatzes ist es deshalb oft nur ein kleiner Schritt in die Armut und Obdachlosigkeit. 2017 soll die griechische Wirtschaft wieder wachsen. Aber die meisten Menschen merken davon nichts. In einer Umfrage vom Sommer äußerten zwei von drei Befragten die Sorge, dass sich ihre finanzielle Lage in den nächsten zwölf Monaten weiter verschlechtern wird.

„Die Menschen sind erschöpft und mutlos“, sagt Erwin Schrümpf. 2012 gründete der Salzburger seinen Verein Griechenlandhilfe. „Den Anstoß gab eine Dokumentation über die haarsträubenden Zustände in den griechischen Spitälern, die ich damals in der ARD sah“, erzählt Schrümpf. „Am nächsten Morgen habe ich begonnen, bei örtlichen Firmen um Sachspenden zu betteln – und war überrascht, wie groß die Hilfsbereitschaft war.“ Wenig später gab der Kaufmann sein gut gehendes Geschäft auf. Heute widmet er sich ganz der Griechenlandhilfe. Fast jeden Monat pendeln er und seine Mitarbeiter zwischen Österreich und Griechenland. Pro Jahr bringen sie rund 100 Tonnen Hilfsgüter in das Krisenland. „Die Not in Griechenland nimmt nicht ab, sie wird immer größer“, stellt der 53-jährige Österreicher fest.

Von Piräus steuert er seinen Ford Transit ans andere Ende Athens. Ziel ist eine kommunale Sozialambulanz im Stadtteil Dafni. Elena und Penelope erwarten den Transport bereits sehnsüchtig. Die beiden jungen Frauen leiten die Sozialstation, zu der auch eine Apotheke gehört, die kostenlose Arzneimittel an Bedürftige abgibt. „Wenn Erwin kommt, ist jedes Mal die Freude groß, denn dann füllen sich unsere Regale“, sagt Penelope. Vier große Pakete mit Medikamenten hat er diesmal mitgebracht.

Die meisten Familien in Dafni gehörten früher zur Mittelschicht: Angestellte, Handwerker, Händler. „Aber diese Bevölkerungsschicht ist während der Krise fast komplett weggebrochen“, erzählt Elena. „Heute gibt es fast in jeder Familie mindestens einen Arbeitslosen“, weiß die Frau. Wer in Griechenland beschäftigungslos ist, verliert nach einem Jahr nicht nur das Arbeitslosengeld, sondern auch die Krankenversicherung für sich und seine Familie. „Etwa ein Drittel der griechischen Bevölkerung hat keinen Versicherungsschutz mehr“, schätzt Penelope.

Der Absturz droht

„Ganze Familien leben von den Renten der Eltern und Großeltern“, weiß Elena. „Aber irgendwann werden die Alten sterben.“ Dann droht auch jenen, die sich jetzt noch über Wasser halten, der Absturz. Eineinhalb Millionen Griechen leben bereits in Armut, so eine Studie der Forschungsorganisation Dianeosis. Es sind Menschen wie die 57-jährige Alexandra. Sie kommt fast täglich zur Armentafel der Kirchengemeinde Agia Varvara. 286 Euro Witwenrente erhält sie. „Das reicht gerade mal für die Miete und die Stromrechnung“, sagt Alexandra.

Heute gibt es Fasolakia, grüne Bohnen. Die Köchin Ioanna schmeckt ab. „Fertig“, stellt die junge Frau zufrieden fest. Sie kocht ehrenamtlich, neben ihrer Arbeit in einer Taverne. „Es macht mich froh, helfen zu können“, sagt Ioanna. „Etwa 60 bis 70 bedürftige Menschen verköstigen wir hier jeden Tag“, erzählt Pater Antonios. „Wir als Kirche helfen gern“, sagt der Geistliche, „aber eine solche Armut sollte es in einem europäischen Land eigentlich nicht geben – hier hat die Politik versagt.“

Während die Menschen bei der Armentafel in Dafni anstehen, ist Erwin Schrümpf schon unterwegs zum nächsten Ziel, einem Heim für behinderte Kinder in Patras. Von den 68 teils schwerstbehinderten Mädchen und Jungen sind zwölf nicht versichert. Die Griechenlandhilfe bringt ihnen nicht nur Medikamente und Lebensmittel, sondern sorgt auch dafür, dass der Heizöltank gefüllt ist. Denn bald kommt der Winter.

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