Textilindustrie

Kleider teilen

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Wenn Kleidungsstücke häufiger den Besitzer wechseln würden, könnte die Textilwirtschaft nachhaltiger werden. Die Gastwirtschaft.

Bei ökologisch und entwicklungspolitisch Engagierten hat der Name Tchibo keinen guten Klang. Allerdings unterstützt der umstrittene Kaffee- und Allerleikonzern seit Monaten einen Mietservice für Kinderkleidung: Eltern können für ihre schnell wachsenden Kinder passende Kleidung für einige Monate leihen und sie dann zurückgeben. Das Projekt ist wegweisend. Denn die günstige Leihgebühr hilft ärmeren Eltern. Und nicht zuletzt zeigt das Teilen der Kleider der extrem umweltfeindlichen Modewelt einen Weg zu mehr Nachhaltigkeit.

Die weltweite Textilproduktion hat sich zwischen 2000 und 2015 verdoppelt. Jährlich werden mehr als hundert Milliarden Kleidungsstücke hergestellt. Dies hängt mit der höheren Kaufkraft in Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien zusammen. Ein Grund ist auch der immer schnellere Kollektionswechsel. Marktführer wie H&M oder Zara bringen rund 24 Mal im Jahr eine neue Kollektion heraus.

Die Kunden spielen brav mit. Jeder Deutsche kauft im Schnitt 60 Kleidungsstücke pro Jahr. Drei Viertel aller Teile landen irgendwann auf der Deponie oder werden verbrannt.

Die ökologischen Kosten dieser Wegwerfwirtschaft sind immens. Der Baumwollanbau für ein T-Shirt erfordert bis zu 2000 Liter Wasser, der für eine Jeans 8000 Liter. In textilverarbeitenden Ländern wie Bangladesch oder Pakistan sinkt der Grundwasserspiegel. Die Versorgung mit Trinkwasser und die Landwirtschaft sind bedroht. Obwohl Baumwolle nur auf 2,4 Prozent des globalen Ackerlands angebaut wird, verbraucht sie, so die Umweltorganisation WWF, 24 Prozent der versprühten Insektizide und elf Prozent der verkauften Pestizide.

Soll der zerstörerische Wegwerfkreislauf durchbrochen werden, braucht es grundlegende Veränderungen. Zum Beispiel eine Vereinbarung der großen Produzenten im Rahmen des Textilbündnisses, die Rhythmen der Kollektion zu verlangsamen. Oder eine Verpflichtung der Anbieter, bei Kleidung einen bestimmten Prozentsatz von recycelten Rohstoffen einzusetzen.

Die größte Chance bietet jedoch das Kleider-Sharing. Durch den Tausch können sich mehr Menschen modisch kleiden. Gleichzeitig wird weniger produziert und die Umwelt weniger belastet. Teilen statt ständig neu kaufen: ein großer Schritt zu einer nachhaltigeren Textilwirtschaft.

Der Autor ist Wirtschaftspublizist und Chefredakteur der
Zeitschrift Publik-Forum.

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