Die Zukunft der Lufthansa im Fokus: Blick durch einen Spezialfilter für Kabinenluft auf das Logo der Kranichlinie. andreas arnold/dpa
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Die Zukunft der Lufthansa im Fokus: Blick durch einen Spezialfilter für Kabinenluft auf das Logo der Kranichlinie. andreas arnold/dpa

Lufthansa

Kippt das Rettungspaket?

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Der größte Einzelaktionär der Lufthansa schließt eine Blockade der staatlichen Milliardenhilfen nicht aus. Dann wäre ein Insolvenzantrag die Folge, warnt der Konzern

Der Appell des Lufthansa-Vorstands an die Aktionäre ist eindringlich gemeint. Sie sollen auf der Hauptversammlung am nächsten Donnerstag, 25. Juni, ihr Stimmrecht wahrnehmen, „um an der Entscheidung über die Zukunft des Unternehmens mitzuwirken“. Denn diese Zukunft ist wieder unsicher geworden. Das Management warnt in einer Mitteilung von Mittwochmittag sogar, dass es möglicherweise zeitnah zu dem Treffen der Anteilseigner „ein insolvenzrechtliches Schutzschirmverfahren“ beantragen muss. Und zwar dann, wenn es keine Mehrheit für das mit der Bundesregierung ausgehandelte Rettungspaket geben sollte.

Für die neuen Unsicherheiten sorgt ausgerechnet der aktuell größte Aktionär des Unternehmens: Heinz Hermann Thiele. Der Münchner Unternehmer hat erstens seinen Anteil an dem Unternehmen gerade auf 15 Prozent aufgestockt und zugleich gefordert, die Konditionen für die Sanierung des Unternehmens nachzuverhandeln.

Heinz Hermann Thiele, Investor, sieht die Beteiligung des Staates an der Lufthansa kritisch. 

Durch den Corona-Lockdown musste die Lufthansa ihren Betrieb zeitweise fast komplett einstellen. Deutschlands größte Airline verliert monatlich rund 800 Millionen Euro an liquiden Mitteln. In mühsamen Verhandlungen wurde Ende Mai das Paket mit einem Volumen von neun Milliarden Euro geschnürt. Es setzt sich zusammen aus dem Kredit über drei Milliarden Euro, der von der staatlichen Förderbank KFW und anderen Geldinstituten kommt. Hinzu kommt eine 5,7 Milliarden Euro schwere stille Beteiligung. Und schließlich erwirbt der Staat ein Aktienpaket in Höhe von insgesamt 300 Millionen Euro, das ihm einen Anteil von 20 Prozent an der Lufthansa und zwei Sitze im Aufsichtsrat bringt.

Vor allem an Letzterem stört sich Thiele. „Die Lufthansa braucht für eine Sanierung und Gesundung keine Staatsbeteiligung“, sagte der Investor der FAZ. Er hebt hervor dass, auch anderen Airlines ausschließlich mit Krediten geholfen wurde. So hat Air France-KLM ein Darlehen über sieben Milliarden erhalten, für das der französische Staat geradesteht. Thiele befürchtet, dass die Bundesregierung bei der anstehenden Sanierung der Fluggesellschaft als Großaktionär „in die politische Bredouille“ gerät. Die Streichung von mehr als 20 000 der weltweit rund 135 000 Arbeitsplätze steht zur Disposition. Die Regierung könne derartige Maßnahmen nicht vorbehaltlos unterstützen, so Thiele. „Das verzögert den Gesundungsprozess und führt zu höheren finanziellen Belastungen, die dann auch die vereinbarte Rückzahlung von Darlehen und Zinsen infrage stellt.“

Der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport rechnet wegen der Corona-Krise mit dem Abbau Tausender Arbeitsplätze. „So hart es auch ist, wir werden etwa 3000 bis 4000 Menschen weniger beschäftigen können“, sagte Vorstandschef Stefan Schulte in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg. Dies seien die Perspektiven für die Jahre 2023 und 2024, so Schulte.

Die Verhandlungen mit der Arbeitnehmerseite sollten bald beginnen, sagte Schulte. Ende vergangenen Jahres hatte Fraport rund 22 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Schulte hofft, dass sich ein Großteil der Stellenstreichungen so regeln lässt, dass Mitarbeiter in den Ruhestand gehen und nicht ersetzt werden. Andere Beschäftigte könnten ihre Arbeitszeit vorübergehend reduzieren. dpa

Mit dem Rettungspaket wurde zwar vereinbart, dass der Staat sein Stimmrecht als Hauptaktionär bei „den üblichen Beschlüssen“ in der Hauptversammlung nicht ausübt, doch der Münchner Investor ist davon überzeugt, dass der Bund mitreden will. In den vergangenen Tagen gab es bereits von vielen Seiten Kritik daran, dass die Regierung beim geplanten Stellenabbau kein formales Vetorecht haben soll.

Die Gewerkschaften versuchen, das Kappen von Jobs möglichst gering zu halten. Zudem fordert beispielsweise die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten und „alle zur Verfügung stehenden personalwirtschaftlichen Instrumente zu nutzen“ – wie Umschulungen, Altersteilzeit, Vorruhestand oder Abfindungen. Komplizierte Verhandlungen werden von allen Beteiligten für die nächsten Wochen erwartet.

Thiele sieht zudem bei der Regierung ein Interesse, „die Beteiligung eher auszubauen“. Tatsächlich kann der Staatsanteil auf 25 Prozent plus eine Aktie erweitert werden – der Bund hätte dann eine Sperrminorität, mit der strategisch wichtige Entscheidungen blockiert werden können. Diese Regelungen wurden laut Bundesregierung vereinbart, um eine feindliche Übernahme zu verhindern. Der Großaktionär regt nun aber an, das Rettungspaket aufzuschnüren: Nicht mehr der Staat direkt, sondern eine „indirekte Beteiligung über die KFW könnte ein Kompromiss sein“. Denn die Frankfurter Staatsbank halte sich zurück und befolge strikte Regeln.

Mit ihrem Appell an die Aktionäre signalisiert der Lufthansa-Vorstand nun aber, dass er wenig von Nachverhandlungen hält. Je mehr Unterstützer des Rettungspakets an der Online-Hauptversammlung teilnehmen, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, es auch durchzusetzen. Dafür braucht es eine Zweidrittelmehrheit der virtuell anwesenden Aktionäre. Wird dieses Quorum aber verfehlt, könnte die Insolvenz mit einem Schutzschirmverfahren folgen. Die Lufthansa wäre vor ihren Gläubigern erst einmal geschützt. Ein Sanierungsplan müsste folgen, mit Stellenstreichungen und der Verkleinerung der Flotte. Branchenkenner halten es für denkbar, dass in der Folge Forderungen von Gläubigern in Anteile am Unternehmen umgewandelt werden. Damit könnte dann wiederum der Staat ins Spiel kommen, und die bisherigen Aktionäre wären im Hintertreffen. Thiele beteuert indes, dass ihn eine Insolvenz nicht schreckt: „Es könnten sich daraus ebenso neue Möglichkeiten ergeben, auch wenn natürlich das Risiko steigt.“

Derweil hat die Aktionärsschützerorganisation DSW empfohlen, dem Rettungspaket zuzustimmen. Zwar seien zu dem staatlichen Paket niemals ernsthafte Alternativen gesucht oder diskutiert worden. Da es aber nun der einzige Rettungsanker sei, „müssen die Aktionäre die Kröte schlucken“, so die Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.

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