Vier Tage Maloche, ein tag Muße - ein Rhytmus, der die Menschen glücklicher und produktiver macht?
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Vier Tage Maloche, ein tag Muße - ein Rhytmus, der die Menschen glücklicher und produktiver macht?

Arbeit

Kipping will Vier-Tage-Woche

  • vonJuliane Schultz
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Ein neues Kurzarbeitergeld soll es Unternehmen erleichtern, kürzere Wochenarbeitszeiten einzuführen. Experten beurteilen Katja Kippings Vorschlag skeptisch.

Linken-Chefin Katja Kipping hält die Corona-Krise für einen guten Zeitpunkt, über die Einführung einer Vier-Tage-Woche in Deutschland nachzudenken. Sie mache Beschäftigte glücklicher, gesünder und produktiver, sagte sie der „Rheinischen Post“. Wie die verkürzte Arbeitszeit finanziert werden soll, sehen Arbeitsmarktexperten jedoch kritisch.

Demnach könne zur Anschubfinanzierung ein neues Kurzarbeitergeld dienen: Unternehmen, die die Arbeitszeit verringern, sollen ein Jahr lang einen Lohnzuschuss bekommen. Im Anschluss müsse die Höchstarbeitszeit von 30 Stunden in einem Tarifvertrag oder einer Betriebsvereinbarung festgeschrieben werden – ohne weitere staatliche Finanzierung.

„Ich halte das für ausgemachten Quatsch“, sagt Holger Schäfer vom Institut der Deutschen Wirtschaft. „Kurzarbeitergeld ist ein Notfallinstrument, das auf diese Weise verstetigt wird. Die Krise wird damit zum Dauerzustand – ein Wahnsinn!“ Der Arbeitsmarktexperte steht der die Vier-Tage-Woche ohnehin skeptisch gegenüber.

Er gehe davon aus, dass ein Fünftel weniger Arbeitszeit zu weniger Produktivität, weniger Einkommen, weniger Konsum und damit am Ende zu einem Fünftel weniger Steuereinnahmen führen würde. „Welcher Staat kann sich das leisten?“ Zu Untersuchungen, dass kürzere Arbeitszeiten zu mehr Leistungsbereitschaft und Kreativität führen, sagt er: „Ich unterstelle, die Produktivität bleibt gleich und ich glaube nicht, dass es gewaltige Produktivitätsreserven gibt. Andernfalls hätten die Unternehmen schon Wege gefunden, diese abzurufen.“

Mehr Zeit zum Reisen

In Neuseeland ist die Idee einer viertägigen Arbeitswoche zur Ankurbelung der durch die Corona-Krise schwer gebeutelten Wirtschaft in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte gerückt. Auch Regierungschefin Jacinda Ardern fände das gut .Viele Neuseeländer hätten ihr erzählt, dass sie mehr im eigenen Land reisen würden, wenn sie flexiblere Arbeitszeiten hätten, sagte Ardern bereits Ende Mai nach einem Besuch in der Touristen-Hochburg Rotorua. 

Eine Sprecherin der Gewerkschaft IG Metall zeigt sich überrascht vom Vorschlag der Linken: „Solche Lösungen haben wir auf tariflicher Ebene schon Anfang der 90er Jahre gefunden und dadurch etwa bei VW Tausende Arbeitsplätze mit Einführung der 28-Stunden-Woche gerettet.“ Die Vereinbarung sei bei einem Teillohnausgleich bis ins Jahr 2006 gelaufen.

Auch eine Reihe laufender Tarifverträge in der Metall- und Elektroindustrie sehen kollektive Arbeitszeitverkürzungen ohne Teillohnausgleich vor, so die Sprecherin – das sei verbunden mit einer Sicherung von Beschäftigung als Möglichkeit der Krisenbewältigung. „Im Tarifvertrag ‚Zukunft in Arbeit‘, den wir jüngst erneuert haben, ist neben anderen Regelungen ein Teillohnausgleich vorgesehen.“

Zudem setzte die IG-Metall auf Lösungen für eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit und Leben. „2018 haben wir tariflich den individuellen Anspruch auf verkürzte Vollzeit, also der Absenkung der wöchentlichen Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden, durchgesetzt.“ Generell setze die Gewerkschaft beim Thema Arbeitszeiten auf tarifliche Vereinbarungen zu Arbeitszeiten. Doch die Sprecherin stellt klar: „Der Staat kann nicht von den Tarifparteien den Abschluss von Tarifverträgen verlangen. Das wäre ein Verstoß gegen die Tarifautonomie.“

Und das ist auch die Einschätzung von Alexander Spermann, der als Volkswirt unter anderem an der Universität Freiburg lehrt, zu Kippings Vorschlag: „So geht es leider nicht.“ Spermann beschäftigt sich mit der Zukunft der Arbeitsmarktes und sieht durchaus Chancen in alternativen Arbeitszeitmodellen. Er warnt aber: „Eine Vier-Tage-Woche kann man nicht von oben verordnen und staatlich subventionieren.“ Sie könne nur das Ergebnis einer hoch produktiven Wirtschaft sein. „Nur wenn der Lohn hoch genug ist, kann es ausreichen, 30 Stunden zu arbeiten.“

Flexible Arbeitszeiten und die freie Wahl des Arbeitsortes könnten Instrumente sein, um Fachkräfte zu gewinnen oder zu halten, so Spermann. „Die Vision ist mir sehr wichtig, aber sie wird mit einem Vorschlag, der nicht realistisch ist, ad absurdum geführt. So kann es nicht funktionieren.“

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