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Kindergeld

Deutsche Kindergeldstiftung: Wie „Robin Hood“ für Kinder

  • VonEckhard Stengel
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Jeden Monat bekommen Eltern Geld für den Nachwuchs vom Staat - auch wenn sie vermögend sind. Die Kindergeldstiftung appelliert an Gutverdiener, diese Einnahmen abzugeben.

Souvenirs aus Skiurlauben können recht unterschiedlich ausfallen: Mal ist es ein Gipsverband, mal das Coronavirus. Der Bremer Kaufmann Andreas Hüchting und zwei seiner Freunde brachten im Frühjahr 2010 eine Idee mit nach Hause, die seitdem das Leben Hunderter Kinder bereichert hat – die Idee zur Gründung einer Organisation, die sich von Gutverdienenden das Kindergeld schenken lässt, um es dann an Bedürftige zu verteilen. Daraus wurde am Ende die „Deutsche Kindergeldstiftung Bremen“. Man hätte sie auch „Robin Hood For Kids“ nennen können.

Gründungsmitglied Hüchting, 51, Vater von sechs staatlich bezuschussten Kindern und im Hauptberuf Geschäftsführer einer Investorenberatungsgesellschaft, erinnert sich noch gut daran, wie vor zehn Jahren alles anfing: mit einer Diskussion im Freundeskreis. „Wir waren auf einer Skifahrt in Österreich und saßen abends beim Essen, als wir auf das Thema Kindergeld kamen. Wir waren uns einig, dass es viele Familien gibt, die darauf nicht angewiesen sind – und dass es andererseits viel Armut und Missstände gibt, die dazu führen, dass Kinder nicht die Chancen bekommen, die sie verdienen. So entstand spontan die Idee, das Kindergeld dorthin umzuleiten, wo es gebraucht wird.“

Viele Familien sind auf Kindergeld angewiesen. Foto: Imago Images

Kindergeld: Deutsche Kindergeldstiftung wie „Robin Hood für Kinder“

Es dauerte dann noch ein paar Monate, bis aus der Idee eine Organisation wurde: die Kindergeldstiftung, gegründet von vier Männern um die 40. Neben dem Kaufmann waren das zwei Ärzte und ein Anwalt, laut Hüchting also „tendenziell Besserverdiener“. Später kamen noch zwei Frauen und ein weiterer Mann dazu.

Besonders ärgerten sich die Gründer darüber, dass auch reichere Menschen Anspruch auf Kindergeld haben, ja, dass sie letztlich sogar mehr staatliche Förderung erhalten als ärmere. Denn statt Kindergeld zu beziehen, können Eltern alternativ einen Kinderfreibetrag bei der Einkommenssteuer in Anspruch nehmen, so dass sie ordentlich Steuern sparen. Welche Variante günstiger ist, prüft das Finanzamt automatisch. In der Praxis heißt das: Familien mit hohem Einkommen bekämen bis zu 40 Prozent mehr Kinderförderung als Normal- oder Geringverdiener, prangert die Stiftung auf ihrer Internet-Startseite an.

Kindergeld: Deutsche Kindergeldstiftung sammelt Spenden und verteilt sie um

Daran politisch etwas zu ändern, war den Gründern ein zu dickes Brett, „weil es sich um eine Institution handelt, die in dieser Struktur auch höchstrichterlich bestätigt wurde“, wie Hüchting der FR erläutert. Also gingen sie lieber pragmatisch ans Werk und sammelten Spenden zum Umverteilen. „Wir haben sofort zu Beginn 15 Kindergelder zur Verfügung gehabt“, berichtet Hüchting. Das ergab im ersten Jahr bereits über 30 000 Euro. Heute nimmt die Stiftung 80 000 bis 120 000 Euro pro Jahr ein – meist durch regelmäßig gespendete Kindergelder, aber auch durch Sammlungen bei Firmen- oder Familienfesten. Im ersten Jahrzehnt kamen auf diese Weise über 700 000 Euro zusammen, ein Batzen Geld, mit dem die Stiftung bisher rund hundert bereits vorhandene Kinderhilfsprojekte in der Armutshochburg Bremen gefördert hat, nach dem Motto: “Bildungsverlierer zu Gewinnern machen“.

Manche Projektträger werden nur einmalig mit 1000 bis 4000 Euro bezuschusst. Andere können sich auf mehrjährige Dauerunterstützung verlassen. Statt immer wieder neu nach Geldquellen suchen zu müssen, erhalten sie Planungssicherheit und können sich ungestört ihrer Arbeit widmen.

Kindergeld

Für das erste und zweite Kind erhalten Eltern in Deutschland im Monat je 204 Euro. Für das dritte Kind 210 Euro., für weitere Kinder 235 Euro.

Kindergeld: Deutsche Kindergeldstiftung fördert Projekte für Kinder

Zu den derzeit sechs längerfristigen Kernprojekten zählt zum Beispiel die „Bildungsbrücke Bremen“. Sie hilft ärmeren Familien beim Bezahlen der sogenannten Schulnebenkosten: Ranzen, Sportzeug, Ausflüge.

Stiftungsgelder fließen regelmäßig auch zur Bremer „Sportakademie“. Sie sorgt für zusätzliche Sportangebote in Schulen und Vereinen – „mit richtigen Trainern und ganz anders als normaler Sportunterricht“, wie Hüchting berichtet. „Viele der Kinder wären sonst nie in einen Sportverein gekommen.“

Und dann ist da noch „Balu und Du“. Balu, das ist der Bär aus Disneys „Dschungelbuch“, der sich um den Menschenjungen Mogli kümmert, ein fast unzertrennliches Paar. Auch im echten Leben gibt es solche Tandems aus erwachsenen Mentoren und unterstützungsbedürftigen Kindern, nämlich bei „Balu und Du“, einem bundesweiten Förderprogramm mit rund hundert eigenständigen Standorten. In Bremen ist das Projekt bei der örtlichen „Freiwilligenagentur“ angesiedelt, und einer der beiden Hauptsponsoren ist hier seit 2015 die Kindergeldstiftung.

Kindergeld: Deutsche Kindergeldstiftung sieht „Parnerschaft auf Augenhöhe" vor

Projektleiterin Claudia Fantz lobt sie als „wunderbare Förderer“. Nicht „höher, weiter, schneller“ wie in der Wirtschaft sei ihr Anliegen, sondern Partnerschaft „auf Augenhöhe“. Höher und weiter ging es trotzdem: Laut Fantz konnte sich das „Balu“-Projekt in Bremen von anfangs acht auf mittlerweile 65 Tandems ausweiten, auch dank der Stiftungsgelder.

Fantz und ihr Team sind die Monteure der Tandems: Sie bringen junge Erwachsene mit Grundschulkindern zusammen, die es zu Hause oder in der Schule nicht ganz leicht haben, und begleiten sie mit Supervisionen und Einzelcoaching. Einmal pro Woche zieht jeder Balu mit seinem Mogli durch den Großstadtdschungel, geht also zum Schwimmen oder zum Eisessen oder „legt sich auf die Wiese zum Wolkenzählen“, so Fantz. Oder backt zu Hause Plätzchen. So werden die Patinnen und Paten allmählich zu Freunden und auch zu Vorbildern der Kinder. Fantz erinnert sich noch an den kleinen Paul, „den plötzlich in der Schule der Ehrgeiz packt, weil er auch, wie sein Balu Raul, später studieren will“.

Die meisten Mentoren sind Studierende, die dafür Leistungspunkte erhalten. Eigentlich endet ihre Patenschaft nach einem Jahr. Aber oft entwickeln sich daraus stabile Freundschaften. Zum Beispiel zwischen Emilie, 22, und Gottfred, 10, aus Ghana. „Die beiden haben entschieden, als echte Freunde weiterzuziehen“, erzählt Fantz.

Kindergeld: Deutsche Kindergeldstiftung will bald wachsen

Wer sich von der Kindergeldstiftung fördern lassen will und ihre Kontakttelefonnummer wählt, landet im Unternehmen von Gründungsmitglied Hüchting. Denn die Stiftung arbeitet im Wesentlichen ehrenamtlich. Erst seit wenigen Monaten lässt sie sich von einer Stundenkraft unterstützen, die durch eine separate Spende finanziert wird.

Weil die Gründer allesamt Bremer sind, fördern sie bisher nur heimische Projekte. Auch die meisten Spender stammen aus der Hansestadt. „Wir planen derzeit keinen bundesweiten Auftritt, wollen die Stiftung aber in den kommenden Jahren in ein bis drei Städte vergrößern“, so Hüchting. „Dieser Prozess steht allerdings noch ganz am Anfang.“ Zunächst möchten die Bremer ihre Arbeitsabläufe professioneller machen, „so dass sie an neue Städteteams einfach übertragbar sind“. Hüchtings Vision: „Man könnte nach gleichen Prinzipien arbeiten und voneinander lernen.“

Rubriklistenbild: © imago images / Westend61

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