Jugendliche arbeiten auf einer Halde im sambischen Kabwe. Die Stadt ist in weiten Teilen stark mit Blei belastet.
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Jugendliche arbeiten auf einer Halde im sambischen Kabwe. Die Stadt ist in weiten Teilen stark mit Blei belastet.

Bergbau

Kinder verklagen Minenkonzern

  • Tobias Schwab
    vonTobias Schwab
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In Sambia leiden Generationen an überhöhten Bleiwerten im Blut. Eine Gruppe fordert jetzt vor Gericht eine Entschädigung. Das Recht auf eine gesunde Umwelt wird weltweit missachtet. Terre des Hommes macht sich nun für eine völkerrechtliche Verpflichtung der Staaten stark.

Kupfer, Uran, Nickel und Blei – Sambia ist reich an Rohstoffen. Kabwe beispielsweise, die Hauptstadt der Zentralprovinz des südafrikanischen Landes, liegt auf einer fetten Erzader. Von 1925 bis Mitte der 1990er wurde dort Blei abgebaut. Der britische Konzern Anglo American betrieb in Kabwe viele Jahre lang die größte Bleimine der Welt. Doch das ist längst Geschichte. 1974 wurde das Bergwerk verstaatlicht, 25 Jahre später dann stillgelegt.

Die Vergangenheit aber liegt noch immer wie ein Fluch über der gut 200 000 Menschen zählenden Kommune, die laut der US-Organisation Pure Earth zu den zehn schmutzigsten und am meisten mit Giften belasteten Städten der Welt zählt. Davon zeugen katastrophal hohe Bleiwerte im Blut der Bevölkerung. Das trifft vor allem Kinder.

Vor wenigen Tagen haben deshalb die Anwaltskanzleien Leigh Day und Mbuyisa Moleele beim High Court im südafrikanischen Pretoria eine Sammelklage gegen den ehemaligen Minenbetreiber Anglo American South Africa eingereicht. Vorgebracht werde die von 13 repräsentativen Klägerinnen - in der Mehrzahl Kinder sowie einige junge Frauen, wie die Londoner Sozietät Leigh Day mitteilte. Hinter der Klage stünden mehr als 100 000 potenziell von Bleivergiftungen betroffene Personen.

Der Betrieb der Bleimine habe in weiten Teilen von Kabwe Böden, Wasser, Vegetation und Luft kontaminiert, heißt es in der Klageschrift. Generationen von Kindern seien dadurch „vergiftet“ worden. Untersuchungen hätten bei der überwiegenden Mehrheit der Kinder Bleikonzentrationen im Blut ergeben, die den vom US Centers for Disease Control and Prevention definierten Grenzwert von fünf Mikrogramm pro Deziliter um ein Vielfaches überstiegen. Bei einem erheblichen Anteil der Mädchen und Jungen lägen die Werte sogar im Bereich von 45 bis 100 Mikrogramm.

Blei kann auch in geringen Mengen zu verheerenden Schäden an inneren Organen und dem Nervensystem führen sowie die Blutbildung stören. Medizinische Studien belegen zudem, dass erhöhte Werte die emotionale und intellektuelle Entwicklung von Kleinkindern erheblich beeinträchtigen.

Recht auf eine gesunde Umwelt

Die UN Kinderrechtskonvention verpflichtet Länder, sich aktiv für das Wohl des Kindes einzusetzen. Sie wurde am 20. November 1989 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen angenommen. Inzwischen haben alle Staaten der Welt das Übereinkommen unterzeichnet und alle – mit Ausnahme der USA – haben es ratifiziert.

Drei Zusatzprotokolle ergänzen mittlerweile die Konvention. Das Protokoll über Kinder in bewaffneten Konflikten legt fest, dass Kinder unter 18 Jahren nicht zwangsweise zum Militärdienst eingezogen werden dürfen und präzisiert damit die Altersbegrenzung von 15 Jahren in Artikel 38 der Konvention. Das zweite Zusatzprotokoll verbietet Kinderhandel, Kinderprostitution und Kinderpornografie. Es fordert Staaten auf, diese Form der Ausbeutung als Verbrechen zu verfolgen und unter Strafe zu stellen. Das dritte Zusatzprotokoll zum Individualbeschwerdeverfahren eröffnet Kindern die Möglichkeit, sich bei der Verletzung ihrer Rechte beim UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes zu beschweren.

Mit der Kampagne „My planet – my rights“ will sich Terre des Hommes (TDH) in knapp 40 Staaten für ein weiteres Zusatzprotokoll für das Kinderrecht auf eine gesunde Umwelt stark machen. Mehr zur Initiative und Online-Petition des Hilfswerkes unter www.my-planet-my-rights-org. tos

Mit der Klage wollen die Opfer des Bleibergbaus jetzt eine finanzielle Entschädigung erstreiten. Sie fordern darüber hinaus Blutscreenings für Kinder und schwangere Frauen sowie die Sanierung der kontaminierten Gebiete.

Anglo American erklärte der britischen Zeitung „Guardian“ gegenüber, man habe die Klageschrift bislang noch nicht einsehen können.

Nicht nur in Kabwe - weltweit wird Kindern das Recht auf eine gesunde Umwelt vorenthalten. Darauf will die Kampagne „My planet – my rights“ von Terre des Hommes (TDH) aufmerksam machen. Zum Auftakt stellte das Hilfswerk am Mittwoch die Studie „Die stille Pandemie“ vor. 90 Prozent aller Kinder weltweit seien gesundheitsschädlichen Partikeln in der Luft ausgesetzt, deren Konzentration weit über den Grenzwerten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) lägen, erläuterte Studienautor Baskut Tuncak, UN-Sonderberichterstatter zu Auswirkungen von Umweltverschmutzungen auf die Menschenrechte. Dazu zählen neben Schwermetallen auch Pestizide, Phthalate, die in Plastik und Pflegeprodukten vorkommen, und polyfluorierte Verbindungen in Kleidungen, Reinigungsmitteln oder Lebensmittelverpackungen.

Fast 800 Millionen Kinder hätten zu viel Blei im Blut, heißt es in der Studie. Diese Belastung führe bei rund 600 000 Mädchen und Jungen zu irreversiblen geistigen Behinderungen.

Unterernährte Kindern seien dabei durch Umweltgifte besonders gefährdet, weil ihr Körper die Substanzen als „Ersatz für Nährstoffe“ stärker einlagere. Tuncak weist in seinem Report auf die Problematik von Grenzwerten hin. Diese seien meist für Personen durchschnittlicher Größe und Gewicht berechnet und lägen damit für Minderjährige viel zu hoch. Für viele Gifte gebe es keine „sicheren“ Grenzwerte für Kinder. Blei sei da nur das prominenteste Beispiel. In den vergangenen Jahrzehnten sei der zulässige Wert immer weiter gesenkt worden. Heute bestätige die WHO, dass es kein „sicheres Level“ der Belastung mit Blei gebe.

„Schon wenn Kinder zu Welt kommen und bevor sie ihr erstes Wort sagen können, werden ihnen ihre Rechte auf ein menschenwürdiges Leben verwehrt“, resümierte Tuncak am Mittwoch die Ergebnisse seiner Untersuchung. Terre des Hommes will das nicht länger hinnehmen und mit der jetzt in knapp 40 Ländern gestarteten Kampagne „My planet - my rights“ erreichen, dass das Recht auf eine gesunde Umwelt in einem Zusatzprotokoll der UN-Kinderrechtskonvention verankert wird, wie TDH-Vorstandssprecherin Birte Kötter erläuterte. Dafür sammelt das Hilfswerk ab sofort Unterschriften, die dann UN-Generalsekretär António Guterres und dem Kinderrechtsausschuss der Vereinten Nationen übergeben werden sollen.

Ein Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention würde Unterzeichnerstaaten verpflichten, ihre Politik stärker auf das Kindeswohl auszurichten, sagte Kötter. Dabei müssten Kinder auch viel stärker an allen Entscheidungen, die sie betreffen, beteiligt werden. Auch in Deutschland würden Kinder in diese umweltpolitischen Fragen noch viel zu wenig einbezogen.

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