Gesundheit

Was Kinder krank macht

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Der Bildungsstand hat auf die körperliche und seelische Verfassung von Kindern größeren Einfluss als das Haushaltseinkommen.

Dass Einkommenshöhe und Bildungsstand Einfluss auf die Gesundheit der Menschen haben, ist keine neue Erkenntnis. Vereinfacht könnte man die Ergebnisse nationaler wie internationaler Studien so zusammenfassen: Armut macht krank. Der erste Kinder- und Jugendreport der DAK, der künftig regelmäßig durchgeführt und so zu einer Längsschnittuntersuchung ausgebaut werden soll, liefert jetzt allerdings eine Datenanalyse, die es in dieser Breite und Tiefe bislang nicht gab.

Gesundheitsökonomen der Universität Bielefeld haben im Auftrag der Krankenkasse Erkrankungs-, Bildungs- und Einkommensdaten von 435 000 Eltern sowie von fast 600 000 mitversicherten Minderjährigen ausgewertet. Die Untersuchung zeigt, dass der Gesundheitszustand der Kinder viel stärker vom Bildungsniveau der Eltern abhängt als angenommen.

Der Bildungsstand hat auf die körperliche und seelische Verfassung der Kinder offenbar sogar größeren Einfluss als das Haushaltseinkommen (wobei geringe Bildung und niedrige Einkommen häufig zusammen treffen). Ein Beispiel: Kinder aus einkommensschwachen Haushalten erhalten 18 Prozent mehr Arzneimittelverschreibungen und werden 47 Prozent häufiger im Krankenhaus behandelt als Kinder wohlhabender Eltern. Das macht den Einfluss des Einkommens durchaus deutlich. Im Bildungsvergleich ergeben sich aber noch weitaus krassere Unterschiede: Haben die Eltern keinen Bildungsabschluss, erhalten Kinder 43 Prozent mehr Medikamente auf Rezept als Kinder von Eltern mit Hochschulabschluss. Für Krankenhausaufenthalte ergibt sich gar eine Differenz von 68 Prozent.

Man könnte die Liste fortsetzen: Kinder aus bildungsfernen Haushalten leiden fast dreimal häufiger unter Karies und sind zweieinhalbmal häufiger krankhaft übergewichtig als ihre Altersgenossen mit studierten Eltern. Auffällige Abweichungen gibt es zudem bei Entwicklungs- und Verhaltensstörungen (plus 45 Prozent), Allergien (34 Prozent) und Asthma (31 Prozent).

Hinzu kommt: Diese Erkrankungen werden von Eltern auf ihre Kinder in hohem Maße weiter gegeben: Heranwachsende, deren Eltern schlechte Zähne haben, leiden sechsmal häufiger an Karies als Kinder aus Familien mit guter Zahngesundheit. Bei adipösen Eltern steigt das Adipositas-Risiko der Kinder um das 3,5-fache gegenüber Kindern mit normalgewichtigen Eltern. Bei Depressionen liegt der „Vererbungsfaktor“ beim 2,8-fachen, mit suchtkranken Eltern besteht eine 2,6-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit, dass auch die Kinder ein Suchtproblem entwickeln.

Bildungsarmut und materielle Armut führen also zum einem deutlich schlechteren Gesundheitszustand der Kinder, wobei sich zahlreiche Krankheiten von einer Generation auf die andere „vererben“ – wie auch der Bildungsstand und das Einkommen. Dieser umfassenden Armut entgegenzuwirken, ist nicht allein eine Aufgabe von Kassen und Kinderärzten oder Kitas und Schulen. Es bedarf gesamtgesellschaftlicher Anstrengungen, Zeit, Geduld und einer Menge Geld, um den Teufelskreis zu durchbrechen. Einen Anfang sollte die Politik machen: Etwa mit der Ampelkennzeichnung gesunder und weniger gesunder Lebensmittel. Sie ist überfällig, wird von der DAK und auch dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte unterstützt. Fehlt nur noch die Bundesregierung.

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