1. Startseite
  2. Wirtschaft

Kevin Czinger zeigt Millionenauto in Frankfurt: „Dieses Auto ist ein grüner Superheld“

Erstellt:

Von: Steffen Herrmann

Kommentare

Rund 80 Fahrzeuge des Czinger 21C soll es einmal geben.
Rund 80 Fahrzeuge des Czinger 21C soll es einmal geben. © christoph boeckheler

Der US-Unternehmer Kevin Czinger spricht im Interview über sein zwei Millionen Dollar teures Hypercar, 3D-Druck und moderne Produktionsprozesse.

Frankfurt – Der Czinger 21C ist ein ungewöhnliches Auto: 1250 PS starker Hybridantrieb, eine Fahrerkabine wie ein Kampfflugzeug. Rund 80 Fahrzeuge soll es einmal geben, der Preis: knapp zwei Millionen Dollar. „Oh, fassen Sie es ruhig an“, sagt Kevin Czinger. Der US-Amerikaner steht in der Frankfurter Klassikstadt, wo das nach ihm benannte Hypercar Mitte Juni präsentiert ist. Czinger ist sichtlich stolz auf das Auto, das hierzulande von der Frankfurter Dörr Group verkauft wird. Nicht nur, weil es schnell ist – ihm geht es auch um etwas anderes. Im Interview spricht der Unternehmer über E-Autos, 3D-Druck und wie er die Produktion demokratisieren will.

Herr Czinger, Sie haben Recht an der Elite-Uni Yale studiert. In Ihrem Alumni-Profil sagen Sie über den Beginn Ihres Studiums: „Als ich ankam, war ich idealistisch und hatte ein Bewusstsein für die Arbeiterklasse. Ich wollte für die Gerechtigkeit in der Welt kämpfen.“ Heute bauen Sie Supersportwagen mit einem Preis von zwei Millionen Dollar pro Exemplar. Was ist passiert?

Naja, man muss unterscheiden zwischen der Oberfläche und dem, was darunter liegt. Das klingt vielleicht komisch, aber dieses Auto ist ein ungewöhnlicher grüner Superheld.

Ein grüner Superheld?

Wissen Sie, 2006 habe ich den E-Autobauer Coda und ein Batterie-Unternehmen gegründet. Schon damals war mir klar, wie wichtig EV-Batterie-Technik ist, wenn wir aufhören wollen, den Planeten zu zerstören. Eine Sache habe ich aber schnell – und vielleicht zu spät – gelernt: Auch die Herstellung von Batterien kann einen unglaublichen Effekt auf die Umwelt haben. Knapp 80 Prozent der Batterien für E-Autos werden in China produziert – in Fabriken, die mit Energie aus Kohle laufen. Dabei werden rund 200 Kilogramm CO2 pro Kilowattstunde Batteriekapazität ausgestoßen. Die Lehre ist also: Die Herstellung ist super wichtig. Ich habe mich damals, 2011 war das, gefragt: Was müssen wir tun?

Und was war die Antwort?

Die Antwort war: Wir müssen den Produktionsprozess verändern. Und zwar so, dass er die Natur widerspiegelt.

Kevin Czinger über die Zukunft der Auto-Industrie: „3D-Druck ist nur ein Aspekt“

Da kommt der 3D-Druck ins Spiel, nehme ich an.

3D-Druck ist nur ein Aspekt eines ganzen Systems. Es wäre ein Fehler, wenn man auf der Suche nach Lösungen an eine bestimmte Technologie denkt, denn dann denkt man auch die Beschränkungen mit, die eine existierende Technologie hat. Stattdessen muss man mit einem weißen Blatt Papier anfangen. Die Frage muss sein: Wie ist eine digitale Produktionsplattform aufgebaut? Und nicht: Was kann ich mit einem 3D-Drucker machen? Das führt nur in Sackgassen. Sie haben ja danach gefragt, warum es ausgerechnet ein Supersportwagen ist.

Zur Person

Kevin Czinger (63) ist ein US-amerikanischer Unternehmer. Er gründete den 3D-Druckspezialisten Divergent und den Autobauer Czinger Vehicles, den er zusammen mit seinem Sohn Lukas führt. Es ist nicht sein erstes Projekt in der Autoindustrie: Schon 2006 war er Mitgründer des E-Autobauers Coda, der 2012 bis zu seiner Pleite rund 100 Mittelklassewagen verkaufte. sbh

Stimmt, die Antwort fehlt bislang.

Nun, wenn Sie etwas kommerzialisieren wollen, suchen Sie nach der kleinsten brauchbaren Version davon. Für das digitale Fertigungssystem, das wir entwickelt haben, ist es dieses Hypercar.

Also ist dieses Auto ein Pitch: Hey Leute, unser System funktioniert und kann künftig auch auf andere, einfachere Autos ausgeweitet werden.

In den letzten fünf Jahren haben wir schon mit großen, auch deutschen Auto-Konzernen zusammengearbeitet. Im September wird ein Produktionsprogramm mit einem deutlich höheren Volumen starten. Mit dem Czinger 21C wollte ich tatsächlich zwei Dinge zeigen: die Spitze der Technologie und das Geschäftsmodell, für das das Auto steht.

Czinger Hypercar in Frankfurt: Industrie-Wandel würde „menschliche Kreativität entfesseln“

Was ist besonders am Geschäftsmodell?

Unternehmen, die Autos oder andere Dinge produzieren, brauchen keine Produktionsanlagen mehr. Nehmen Sie das Hypercar: Czinger Vehicles sendet einfach nur die Daten des 21C an die Fabrik von Divergent 3D, wo diese Strukturen dann gedruckt und zusammengesetzt werden. Czinger Vehicles ist also im Grunde ein Design-Unternehmen, das wenig Kapital braucht. Stellen Sie sich vor: Designer haben Zugang zu den Produktionsmitteln, ohne an Kapital gefesselt zu sein.

Welche Folgen hätte das?

Es würde die menschliche Kreativität entfesseln. Egal ob im nigerianischen Lagos oder im texanischen Houston: Kleine Teams könnten mit Software perfekt optimierte Strukturen schaffen, die dann in einer lokalen Fabrik von Divergent 3D gedruckt werden. Ich bin mir sicher, dass wir gerade den Wandel von einer analogen Produktion hin zu einer digitalen erleben. Eine andere Branche hat diesen Wandel schon hinter sich: Wer in den 90er-Jahren ein webbasiertes Unternehmen aufbauen wollte, brauchte echte Infrastruktur wie Server. Heute passiert das alles über die Cloud. Und so kann es auch für die Herstellung von Produkten laufen. Deshalb ist die langfristige Vision für Divergent 3D, überall auf der Welt kleine Fabriken aufzusetzen, in denen dann Produkte hergestellt werden können.

Und das sind dann nicht mehr nur Hypercars.

Genau, und deshalb ist das Auto eben ein ungewöhnlicher grüner Superheld. Wir wollen verändern, wie Menschen über Design und Produktion denken – und das ist kein Projekt für ein Jahr, sondern für 20 Jahre.

Unternehmer Kevin Czinger: „Wer neugierig und offen ist, kann sich heute fast alles selbst beibringen“

In einer Rede haben Sie in diesem Zusammenhang von Demokratisierung und Dematerialisierung gesprochen.

Schauen Sie sich die Welt an: Ist sie einigermaßen fair? Nein. Wir haben ein kapitalintensives und beschränkendes Geschäftsmodell. Wer etwas produzieren will, braucht extrem viel Geld, bevor er loslegen kann. Für mich ist ganz klar, dass die Digitalisierung das auf den Kopf stellen wird.

In Ihrem Leben haben Sie schon viel gemacht: Sie waren Football-Spieler, bei der Armee, haben als Staatsanwalt, bei Goldman Sachs und anderen Unternehmen gearbeitet. Neben Jura haben Sie Biophysik und Biochemie studiert.

Außerdem habe ich drei Jahre lang Elektrotechnik studiert. Und auch wenn ich keinen Abschluss darin habe, war ich unter den besten drei der rund 120 Studenten.

Sind Ihnen Abschlüsse denn wichtig?

Sie helfen dabei, Menschen zu branden.

Aber?

In der Zukunft werden sie immer unwichtiger werden. Wer neugierig und offen ist, kann sich heute fast alles selbst beibringen. Es gibt heute so viele Möglichkeiten, zu lernen; nahezu alle Universitäten bieten kostenfreie Online-Kurse an. Wichtig ist dabei eigentlich nur eines: grundlegende Skills in Mathe, Physik und Chemie. (Interview: Steffen Herrmann)

Lesen Sie auch: Wie EOS-Chefin Marie Langer den 3D-Druck-Spezialisten mit Verletzlichkeit und frischen Ideen in die Zukunft führen will.

Auch interessant

Kommentare