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Eine Teilnehmerin eines Protests unter dem Motto „Wir haben es satt!“ gegen die aktuelle Agrar- und Ernährungspolitik Deutschlands trägt am Bundeskanzleramt einen Mund-Nasen-Schutz mit der Aufschrift „Essen ist politisch“.      Foto: Christoph Soeder/dpa
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Eine Teilnehmerin eines Protests unter dem Motto „Wir haben es satt!“ gegen die aktuelle Agrar- und Ernährungspolitik Deutschlands trägt am Bundeskanzleramt einen Mund-Nasen-Schutz mit der Aufschrift „Essen ist politisch“.

Landwirtschaft

„Keiner bezahlt uns das“

  • Friederike Meier
    vonFriederike Meier
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Immer mehr Menschen legen Wert auf gesundes Essen, sehr gerne aus deutschen Landen - doch teuer soll es dann doch nicht sein. Und: Die Bäuerinnen und Bauern bekommen immer weniger von dem ab, was wir im Supermarkt für Lebensmittel zahlen.

Ende Dezember vergangenen Jahres in der Nähe von Leer in Ostfriesland: Mehrere Hundert Traktoren der Protestbewegung „Land schafft Verbindung“ (LsV) blockieren ein Lager von Aldi Nord. Der Grund: Der Discounter habe die Butterpreise um sechzig Cent absenken wollen, für die Landwirt:innen untragbar. Eine Absenkung zum Jahresende um zehn bis 20 Cent sei hingegen üblich.

Im Herbst hatte es auch schon Proteste von Schweinehaltern gegeben. Denn auch für sie war das vergangene Jahr kein gutes. Zunächst sanken die Preise wegen der Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen und der dadurch sinkenden Kapazitäten. Dann kam die Afrikanische Schweinepest hinzu, die Exporte nach China verhindert und so weiter den Preis drückt. „So etwas ist noch nicht da gewesen, die Sauenhalter haben große Probleme“, sagt Dirk Andresen, Bundessprecher LsV. „Wir verkaufen jedes Schwein mit Minus.“

Schrumpfende Einnahmen.

Verantwortlich für die niedrigen Preise, die den Bauern auch schon lange vor Corona zu schaffen machten, macht Andresen unter anderem den Handel. „Der Lebensmittel-Einzelhandel ist nicht alleine verantwortlich, trägt aber dazu bei“, sagt Andresen. Die Landwirt:innen bekämen nun weniger Geld als früher, der Handel habe seine Preise aber erhöht.

Milchbäuerin Elisabeth Waizenegger sieht das ähnlich: „Beim Handel dürfte es schon eine Spanne geben“, sagt sie. Wenn die Verbraucherpreise heruntergingen, folgten die Milchpreise – umgekehrt aber nicht. Waizenegger ist im Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die sich regelmäßig an den „Wir haben es satt“-Demonstrationen für eine ökologische Agrarwende beteiligt. Sie bewirtschaftet einen Biohof mit Milchkühen im Allgäu und kann die Situation der protestierenden Landwirte gut nachvollziehen. „Betroffen sind alle landwirtschaftlichen Betriebe“, sagt sie, auch ihr eigener. Bei den Biobetrieben sei die Stimmung zwar ein bisschen besser, doch auch sie könnten ihre Milch nicht kostendeckend verkaufen. „Bei den konventionellen Betrieben ist die Stimmung bei vielen wirklich verzweifelt. Ich möchte nicht in der Haut mancher Betriebsleiter stecken“, sagt sie.

Im Jahr 2020 haben laut dem Dachverband European Milk Board die Milcherzeuger:innen nur 70 Prozent ihrer Produktionskosten über den Milchpreis wieder reinbekommen. „Man kann das eine Weile auffangen, indem man auf seinen Lohn verzichtet oder sich nur schlecht bezahlt. Aber irgendwann wird es schwierig“, sagt Waizenegger.

Laut dem Thünen-Institut für Marktanalyse bekamen Landwirt:innen im Jahr 2019 etwa 22 Prozent von dem, was Verbraucher:innen im Supermarkt für Lebensmittel wie Fleisch, Eier, Brot oder Kartoffeln aus Deutschland ausgeben. Das heißt, von jedem Euro für diese Lebensmittel landen nur 22 Cent bei den Erzeuger:innen. Während ein Kilo Schweinefleisch ohne Mehrwertsteuer Ende des Jahres 2020 knapp unter sieben Euro kostete, bekamen die Landwirt:innen nur 1,30 Euro pro Kilo, der Rest blieb im Handel und in den Schlachtereien. Dieser Anteil sinkt zudem seit Jahrzehnten. So bekamen Landwirte im Jahr 1970 noch durchschnittlich 46 Prozent von dem, was im Laden für die untersuchten Lebensmittel ausgegeben wurde.

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hält das „massive Marktungleichgewicht zwischen Erzeugern und dem Handel“ für eine Ursache der Proteste Ende Dezember. Denn in Deutschland wird der Lebensmittelmarkt zu großen Teilen von den vier Unternehmen Edeka, Aldi, Rewe und der Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland dominiert. Um die Verhandlungsposition der Landwirt:innen zu stärken, hat die Regierung ein Gesetz gegen sogenannte unlautere Handelspraktiken beschlossen. Sie setzt damit eine entsprechende EU-Richtlinie um. Alternative Absatzwege seien in der Landwirtschaft meist nicht gegeben, auch aufgrund der schnellen Verderblichkeit vieler Erzeugnisse, so das Landwirtschaftsministerium. Deshalb soll es mit dem neuen Gesetz zum Beispiel verboten werden, verderbliche Lebensmittel später als 30 Tage nach der Lieferung zu bezahlen oder kurzfristig Bestellungen zu stornieren.

Viele Landwirt:innen hingegen haben angefangen, selbst mit dem Handel zu verhandeln. So spricht „Land schafft Verbindung“ inzwischen regelmäßig mit Handelsverbänden und Vertreter:innen der großen Lebensmittelketten. Im Dezember wurde unter anderem beschlossen, eine Ombudsstelle zwischen Handel und Landwirtschaft einzurichten, um Konfliktfälle zu lösen.

Außerdem soll eine Herkunftsbezeichnung für Lebensmittel aus Deutschland eingeführt werden. „Politische Auflagen machen es teuer, in Deutschland zu produzieren“, sagt Dirk Andresen von „Land schafft Verbindung“. „Wir wollen mehr Umweltschutz, Tierschutz und Klimaschutz, aber keiner bezahlt uns das.“ Er bezweifelt, dass Verbraucher:innen sich die hiesige Landwirtschaft überhaupt leisten können.

So viel verdienen Landwirte.

Auch Bio-Landwirtin Waizenegger macht darauf aufmerksam, dass in den derzeitigen Preisen Kosten für Umwelt- und Klimaschutz noch gar nicht enthalten sind. Die AbL fordert deshalb, die EU-Subventionen, die bisher an die Fläche gekoppelt sind, über den nächsten Förderzeitraum allmählich bis zu 70 Prozent an ökologische und soziale Kriterien zu binden. „Die meisten Landwirte haben bisher nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Die Anforderungen haben sich geändert, aber wir haben noch die alten Instrumente“, sagt Waizenegger. Der Vorschlag der EU-Agrarminister:innen für die Förderperiode 2021 bis 2027 sieht hingegen nur 20 Prozent vor. Momentan wird er zwischen EU-Ländern, Parlament und Kommission verhandelt.

Für den Deutschen Bauernverband ist das das Maximum. „Einen gewissen Schritt von 20 Prozent gehen wir mit“, sagt Udo Hemmerling, stellvertretender Generalsekretär des Verbandes. „Wir wollen aber nicht in einem nationalen Alleingang das gesamte Fördersystem umstellen, während in anderen Ländern noch nach der Fläche subventioniert wird.“

Was die zu niedrigen Preise angeht, müsse der Handel mehr auf heimische Ware setzen. „Wir sind nicht austauschbar auf dem Weltmarkt“, sagt Hemmerling. Das solle auch für die Verbraucher:innen sichtbar werden.

Und was wollen eigentlich die Menschen, die die Lebensmittel schließlich kaufen und essen? Dass Verbraucher:innen ohnehin nur das Billigste wollen, kann Anne Markwardt, Lebensmittelexpertin bei der Verbraucherzentrale Bundesverband, nicht bestätigen. „Laut einer aktuellen Umfrage will die große Mehrheit der Menschen eine andere Tierhaltung und eine nachhaltigere Landwirtschaft.“ Die Menschen seien auch bereit, für Produkte mit mehr Tier- oder Umweltschutz oder fairen Preisen für Landwirt:innen mehr zu zahlen.

Das Problem sei die Transparenz: „Im Moment können Verbraucher solche Produkte oft nicht verlässlich erkennen, und vielfach ist das Angebot auch nicht da“, sagt Markwardt. Der Forderung etwa von „Land schafft Verbindung“ nach einer Herkunftsbezeichnung stimmt sie zu. Es sei wichtig, dass es auch etwas zwischen Bioprodukten gebe und solchen, die nur die Mindeststandards erfüllen, denn nicht jede:r könne sich Bio leisten.

Kennzeichnungen, wie etwa das von Landwirtschaftsministerin Klöckner geplante freiwillige Tierschutzlabel, findet sie grundsätzlich in Ordnung. „Wir brauchen Transparenz, etwa durch das Tierwohllabel, aber nur in Kombination mit höheren gesetzlichen Standards, die auch umfassend und verlässlich kontrolliert werden. Denn Vertrauen ist entscheidend für die Bereitschaft mehr zu zahlen“, sagt Markwardt. Weil Fleisch dadurch erst einmal teurer würde, müsse man überlegen, wie man einkommensschwache Verbraucher:innen entlasten kann. „Nicht nur die Landwirte, auch die Verbraucher müssen über die Runden kommen. Man darf die beiden Gruppen nicht gegeneinander ausspielen.“

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