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Keine Zukunft für die Braunkohle

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Von: Martín Steinhagen

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Auch die Bundesregierung plant den Ausstieg aus der Braunkohle.
Auch die Bundesregierung plant den Ausstieg aus der Braunkohle. © rtr

Die Energie-Expertin Claudia Kemfert sieht im Interview gute Chancen für einen Strukturwandel des Energiesektors, von dem auch die Arbeitnehmer profitieren könnten. Sie plädiert für den Kohle-Ausstieg.

Frau Kemfert, die Bundesregierung bereitet offenbar den Ausstieg aus der Braunkohle vor. Was halten Sie davon?
Das ist überfällig. Wir brauchen einen Kohle-Ausstieg, und er hätte schon längst eingeleitet werden müssen, da wir noch immer einen viel zu hohen Kohle-Anteil im deutschen Stromsystem haben. Das treibt die CO2-Emissionen nach oben und führt zu Marktverzerrungen durch einen Überschuss beim Stromangebot. Kohle-Kraftwerke sind nicht kompatibel mit einer nachhaltigen Energiewende, sie produzieren zu viele Treibhausgase und sind zu inflexibel, gerade in der Kombination mit erneuerbaren Energien.

Haben Sie Vertrauen, dass es nun schnell genug geht?
Ich sehe die Entscheidung als große Chance. Es geht darum, die Kohlekraftwerke in einem Zeitraum von vier Jahrzehnten Schritt für Schritt abzuschalten. Je früher man beginnt, diesen Ausstieg gemeinsam zu erarbeiten, desto mehr Perspektiven gibt es auch für die Stromwirtschaft. Wichtig ist, dass man den Strukturwandel hin zu erneuerbaren Energien entsprechend umsetzt.

Ist die Versorgung mit Energie künftig gesichert?
Die Energieversorgung wird dauerhaft gesichert sein. Im Moment haben wir einen gigantischen Überschuss; wir könnten heute schon einen Teil der alten, ineffizienten Kohlekraftwerke abschalten – und das sofort. Das würde sogar den Markt bereinigen, und die Emissionsminderungsziele könnten erreicht werden. Der Strompreis an der Börse würde sich dadurch in eine Richtung bewegen, wo andere Kraftwerke wieder rentabel sind, zum Beispiel flexible, umweltfreundliche Gaskraftwerke, die für die Energiewende von großer Bedeutung sind. Langfristig geht es um einen Umbau des Energiesystems insgesamt – hin zu mehr Dezentralität, mehr Flexibilität und mehr Intelligenz bei Steuerung und Speicherung.

Wie müsste die Bundesregierung den Kohleausstieg gesellschaftlich organisieren?
Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten: Entweder plant man gemeinsam mit der Stromwirtschaft einen Kohleausstieg, indem man ähnlich wie beim Atomausstieg feste Kontingente vereinbart, wie viel Kohlestrom die nächsten Jahrzehnte man noch haben möchte – oder man wendet die Klimaschutzinstrumente an. Hier könnten etwa höhere Preise für den CO2-Ausstoß festgesetzt werden. Das ist in Deutschland schwierig, weil der Emissionshandel über die Europäische Union läuft und derzeit viel zu geringe Preise hervorbringt. Eine andere Option wäre, Ausstoß-Grenzwerte für Kraftwerke festzulegen, so wird das in den USA oder in England gemacht. Eine unserer Studien zeigt, dass man darüber einen Ausstieg aus der Kohle gestalten kann. Es ist jetzt an der Bundesregierung, einen Weg zu wählen.

Wird die Stromwirtschaft Entschädigungen fordern?
Die großen Unternehmen werden sicher versuchen, weiter Kohle-Subventionen einzufordern. Es wäre sinnvoll, dass man gemeinsam mit der Stromwirtschaft erarbeitet, wie ein zukünftiger Markt aussehen könnte, von dem sie auch Teil ist – nur eben ohne Kohlestrom. Sinnvoll wäre es, den Markt so zu strukturieren, dass neue Technologien interessant werden, statt für alte Kraftwerke Subventionen zu zahlen.

Was raten Sie den Gewerkschaften des Kohlesektors?
Sie sollten die Chancen erkennen, die sich auftun, wenn die Bundesregierung mit ihnen und der Wirtschaft den Ausstieg erarbeitet, und den Strukturwandel begleiten. Wir hatten 600 000 Arbeitsplätze in der Kohle, heute sind es noch 50 000. Im Sektor der erneuerbaren Energie sind es schon 400 000 Jobs. Man sollte neue Arbeitsplätze in der Energiewendewelt entstehen lassen.

Die letzten Zahlen von Eon und RWE waren katastrophal. Ist die Zeit der Stromriesen vorbei?
Die schlechten Zahlen sind selbstgemacht und die Folge von Managementfehlern. Man hat viel zu lange an der Vergangenheit festgehalten und nicht ausreichend in die Energiewende investiert. Jetzt bekommen die Unternehmen dafür die Quittung. Jeder Konzern kann die wirtschaftlichen Chancen der Energiewende nutzen. Viele tun das intelligent, manche nicht. Es ist nicht so, dass die Zeit bestimmter Unternehmen vorbei ist. Es kommt auf die Entscheidungen des Managements an.

Die Allianz zieht sich als Investor aus der Kohle zurück. Trifft die Politik mit dem Ausstieg nur eine Entscheidung, die auf dem Markt schon getroffen wurde?
Kohlekraftwerke sind seit langem nicht zukunftsfähig, das zeigen auch unsere Studien. Schon in den vergangenen 15 Jahren waren Entscheidungen, in Kohlekraftwerke zu investieren, Entscheidungen in die falsche Richtung. Diese Werke werfen keinen ausreichenden Profit mehr ab, und die Energiewende hat ganz andere Ziele, da passt die Kohlewirtschaft nicht hinein. Es gibt aber Chancen für neue Technologien: Das sind erneuerbare und dezentrale Energieformen samt intelligenter Steuerung und Speichersystemen.

Ist es ausreichend, wenn Deutschland aussteigt?
International sind wir nicht die Einzigen. Immer mehr Länder sehen, dass in der Kohleindustrie nicht die Zukunft liegt. Auch in China gibt es weniger Investitionen, auch in Australien wendet sich das Blatt. Die Amerikaner wollen jetzt über Emissionsstandards sehr hartnäckig einen Ausstieg durchsetzen. Auch England hat das entschieden. Die Verbrennung von Kohle für die Energieversorgung wird mehr und mehr zum Auslaufmodell.

Interview: Martín Steinhagen

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