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Zeit zum Spielen: Aktuell legen die Kliniken den Schwerpunkt auf die Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung.
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Zeit zum Spielen: Aktuell legen die Kliniken den Schwerpunkt auf die Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung.

Kuren

Corona-Krise: Keine Priorität für Familien

  • Nina Luttmer
    VonNina Luttmer
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Das Bundesgesundheitsministerium verlängert den Corona-Schutzschirm für Kliniken, die Mutter- oder Vater-Kind-Kuren anbieten, nur noch bis Mitte Juni. Das ist existenzbedrohend für die Einrichtungen, die gerade jetzt wichtiger sind denn je.

Anne Schilling sucht nach den passenden Worten, um ihre Empörung deutlich zu machen. Durch das Telefon ist zu hören, wie die Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks tief Luft holt, bevor sie dann sagt: „Die Politik behauptet zwar immer wieder, Familien hätten Priorität in dieser Krise. Nur merkt man davon überhaupt nichts. Es ist einfach unglaublich.“ Schilling kann es kaum fassen, dass das Bundesgesundheitsministerium diese Woche beschlossen hat, dass es den Rettungsschirm des Bundes für Kliniken, die Mutter-Kind- beziehungsweise Vater-Kind-Kuren durchführen, nur um zwei Wochen bis zum 15. Juni verlängern wird. Er war am 31. Mai ausgelaufen. „Das führt zu einer ernsthaften Gefährdung der Kliniken“, sagt sie.

Aber einige Schritte zurück. In Mutter- oder Vater-Kind-Kliniken können sich kranke und erschöpfte Eltern mit ihren Youngstern im Regelfall drei Wochen vom Alltag erholen. Getragen wird die Leistung bei gesetzlich Versicherten nach Genehmigung von den gesetzlichen Krankenkassen. Größte Anbieterin für diese Art von Vorsorge oder Reha ist die gemeinnützige Stiftung Müttergenesungswerk. Im Jahr 2019 nahmen 47 000 Mütter, 2100 Väter und 70 000 Kinder bundesweit an ihren Angeboten teil. Für 2020 gibt es bislang keine Zahlen. Allerdings geht aus der Ausgabenstatistik der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) hervor, dass sie im ersten Corona-Jahr 35 Prozent weniger für Mutter- oder Vater-Kind-Kuren ausgegeben haben. Das ist bereits ein Indiz dafür, wie viel weniger Familien die Option nutzten.

Kliniken mussten schließen

Was nicht verwunderlich ist. Die meisten Kliniken mussten während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 komplett schließen, nur in Brandenburg und Sachsen blieben sie auf. Durchschnittlich drei Monate waren die 73 Kliniken, mit denen das Müttergenesungswerk zusammenarbeitet, 2020 dicht, sagt Schilling.

Nach langem Ringen wurden sie im ersten Lockdown unter den Rettungsschirm der Bundesregierung für den Gesundheitsbereich aufgenommen und erhielten damit ein Ausfallhonorar von 60 Prozent für Betten, die aufgrund der Pandemie frei blieben. Sprich: 40 Prozent der Ausfälle mussten die Kliniken alleine schultern.

Ende September lief der Schirm aus. Dann kam erst mal sechs Wochen: nichts. „Für die Kliniken ein existenzielles Problem“, sagt Schilling. „Viele haben bis heute Defizite im sechsstelligen Bereich angehäuft.“ Die Kliniken seien auf eine Auslastung von 95 Prozent angewiesen, um mit den Tagessätzen, die die Krankenkassen Kliniken zahlten, wirtschaften zu können. „Reserven haben die wenigsten“, sagt Schilling.

Mutter- und Vater-Kind-Kuren seltener genutzt

Im November dann ein Lichtblick: Es gab einen neuen Rettungsschirm des Bundes für die Kurhäuser, allerdings wurden damit nur noch 50 statt wie zuvor 60 Prozent Ausfallhonorare für leer bleibende Betten gezahlt. Kurz vor Weihnachten beschlossen Bundestag und Bundesrat zudem das Gesetz zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung (GPVG). Was dort mit Blick auf Mutter- oder Vater-Kind-Maßnahmen festgehalten wurde, ärgert Schilling zutiefst. Der Gesetzgeber forderte die Krankenkassen zwar dazu auf, mit den Kliniken über eine Anhebung der Vergütungen wegen pandemiebedingter Probleme zu verhandeln – und dabei auch die sechs Wochen ohne Rettungsschirm im Oktober und November einzubeziehen. „Die Politik hätte aber dafür sorgen müssen, dass bundeseinheitlich ein Rahmen für diese Verhandlungen gesetzt ist“, sagt Schilling. Denn die gesetzlichen Krankenkassen verweigerten die Verhandlung dieses Rahmens auf Bundesebene. Und auch auf der Landesebene – auf der jede Klinik nun einzeln mit den Kassen sprechen muss – machten sie nur einseitige Angebote ohne Verhandlungsoptionen, klagt Schilling.

Beantragung

Erste Ansprechpartner für Elternteile, die eine Kur beantragen wollen, sind Hausärztin oder Hausarzt. Sie müssen die Kurbedürftigkeit bescheinigen. In der Regel genehmigt die Kasse den Antrag. Gegen eine Ablehnung kann Widerspruch eingelegt werden. Die Krankenkassen empfehlen den Patient:innen Kliniken. Diese haben aber auch ein Wunsch- und Wahlrecht – die präferierte Klinik sollten sie bei Antragstellung mit einem kurzen Erläuterungsschreiben nennen.

Die Kosten übernimmt die Krankenkasse. Arbeitgeber müssen von der Arbeit freistellen, Urlaub braucht es nicht. Schulen stellen Kinder im Regelfall für die Zeit der Kur ebenfalls nach Beantragung frei. Kinder werden dann in der Klinik unterrichtet. Die Kliniken nehmen Kinder bis zwölf Jahren, in Ausnahmefällen bis 14 Jahren auf.

Hilfe bei der Antragstellung erhalten Elternteile bei den Beratungsstellen des Müttergenesungswerks. nl

Höhere Tagessätze, Ausgleichszahlungen für den personellen Mehraufwand, etwa weil regelmäßig Corona-Tests durchgeführt werden müssen und wegen kleinerer Gruppen mehr Therapeutinnen und Therapeuten benötigt werden, – das muss bislang jede Klinik selbst mit den Krankenkassen diskutieren. Sprich: Sie erhalten bislang weiterhin 50 Prozent Ausfallhonorare aus dem Bundesschutzschirm und acht Euro pro Person Hygienezuschlag, alles weitere ist Verhandlungssache jeder einzelnen Klinik und Kasse. „Dabei sind Mutter- und Vater-Kind-Kuren die einzige Maßnahme der Gesundheitsversorgung der Krankenkassen für Familien und machten 2019 gerade einmal 0,18 Prozent der Ausgaben der Kassen aus. Es ist also wirklich kein großer Posten im Etat der Kassen“, sagt Schilling.

Und nun die Nachricht dieser Woche: Das Bundesgesundheitsministerium wird die Ausfallzahlungen von 50 Prozent für leere Betten nur noch zwei Wochen weiter zahlen. Begründung: Die Inzidenzen sinken. Danach sind die Kliniken wieder weitgehend auf sich alleine gestellt.

Verunsicherte Eltern, ungeimpfte Kinder

Dabei können sie – wenn sie die Hygieneregeln weiter einhalten müssen – nicht mit voller Kraft fahren. „Unsere Kliniken haben momentan eine Auslastung von etwa 80 Prozent. Ich kenne aber auch Häuser, die nur mit 60 oder 70 Prozent belegen können. Es kommt auf die räumlichen Gegebenheiten an“, sagt Sonja Borzel, Vorstand im AWO-Bezirksverband Ober- und Mittelfranken und dort zuständig für zwei Mutter-Kind-Kliniken. „Wir haben die Menschen bei uns, die am seltensten schon geimpft sind. Kinder können ja gar nicht geimpft werden – und viele Mütter gehören zu keiner Prioritätsgruppe.“

Im vergangenen Jahr hätten außerdem viele Mütter und Väter ihre Kuren sehr kurzfristig abgesagt, so dass auch keine Nachbelegung mehr möglich war. Die Eltern seien verunsichert gewesen, man habe etwa Angst gehabt, nach der Kur in der Familie jemanden anzustecken. Oder die Schulen hätten endlich mal wieder einige Wochen aufgehabt. „Da dachten einige Eltern: Da können wir doch jetzt nicht in Kur gehen“, meint Borzel. Schilling sagt, einige Kliniken hätten im vergangenen Jahr bis zu 40 Prozent kurzfristige Absagen gehabt.

Für viele Eltern steht auch die Frage im Raum, ob man sich unter den Corona-Regeln in einer Klinik erholen kann. Natürlich gebe es Einschränkungen, sagt Borzel über die Kliniken, die sie verantwortet. Es gelte etwa eine FFP2-Maskenpflicht in allen öffentlichen Räumen. Die Teilnehmendenzahl in vielen Therapie- und Sportgruppen sei begrenzt – es gebe dafür aber mehr Angebote. Gegessen werde in Schichten, wobei nur zwei Familien an einem Tisch sitzen dürften und die Sitzordnung auch während der gesamten Kur eingehalten werden müsse. Und Schwimmbäder und Saunen in den Kliniken seien geschlossen.

Wegen Corona-Pandemie nur ein eingeschränktes Angebot

„Und dennoch ist die Rückmeldung der Patient:innen, dass sie sich insgesamt sehr gut erholen können. Dass es einfach mal guttut, rauszukommen aus dem Alltag“, sagt Borzel. Auch die Kinder blühten auf. „Wir merken, dass sie einen großen Bedarf an Kontakten haben, dass sie sehr gerne in die Gruppen gehen“, sagt sie. Da einige übliche Sport- und Therapieangebote wegen Corona nicht angeboten werden könnten, würden die Kliniken auch einen starken Schwerpunkt auf die Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung legen. Denn: Die Familien wirkten durch die Pandemie noch deutlich belasteter als zuvor. „Die Mütter sind noch gestresster und erschöpfter als sonst, noch mehr als früher berichten über Partnerschaftsprobleme, und auch die Kinder sind müde“, sagt Borzel.

Einige Kliniken haben noch freie Plätze für den Sommer, die meisten sind aber bis Herbst oder sogar Winter ausgebucht. Denn viele Mütter und Väter wollen Kuren nachholen, die 2020 abgesagt wurden. Und viele weitere dürften sich nach all den Strapazen der Pandemie kurreif fühlen. „Wir rechnen damit, dass die Nachfrage deutlich steigen wird“, sagt Schilling. Bleibt zu hoffen, dass alle Kliniken die Pandemie überstehen, um diese Nachfrage halbwegs decken zu können.

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