+
„Eine Stunde Stromausfall in Deutschland kostet etwa eine Milliarde Euro.“

ABB

„Keine Ökostrom-Technik ausschließen“

ABB-Vorstand Peter Terwiesch verteidigt teure Windräder auf See und will beim Netzausbau mitmischen.

ABB-Vorstand Peter Terwiesch verteidigt teure Windräder auf See und will beim Netzausbau mitmischen.

Auch wenn es öffentlich keiner sagen würde: Bei ABB freut man sich besonders, wenn etwas besser gelingt als dem großen deutschen Konkurrenten Siemens. Der Schweizer Technologiekonzern, der in Deutschland knapp ein Zehntel seines Umsatzes erzielt, liefert wie Siemens viel Technik für die Stromnetze – und ist pünktlicher. ABB-Vorstand Peter Terwiesch erklärt, warum er die Energiewende optimistischer als andere sieht und warum ABB Ausfahrten für neue Stromautobahnen fordert.

Herr Terwiesch, Sie sind promovierter Ingenieur und arbeiten nun auch als Manager bei einem Technologiekonzern, der bei der Energiewende mitmischt. Die Politik scheint aber derzeit mit der Umsetzung überfordert. Sollten Techniker das Ruder bei der Energiewende übernehmen?

Nein. Technikgläubigkeit lehne ich ab, auch wenn Sachkompetenz kein Nachteil, sondern ein Vorteil ist. Am Anfang darf ja nicht die Frage stehen: Was haben wir da im Labor ausgetüftelt, und wie können wir das einsetzen? Sondern die Frage muss lauten: Welche Aufgaben wollen wir lösen? Wenn wir das beantworten, dann hilft uns technische Kompetenz natürlich. Wir geben zum Beispiel pro Jahr mehr als eine Milliarde Euro für Forschung und Entwicklung aus.

Reden in Deutschland zu viele bei der Energiewende mit, die keine Ahnung haben?

Das würde ich so nicht sagen. Es gibt ja nicht die eine, perfekte Lösung für alle. Jeder Techniker muss auch in Richtung Politik und Gesellschaft schauen und sie dabei unterstützen, ihre Ziele zu erreichen.

Gibt es denn klare Ziele, mit denen Sie langfristig arbeiten können? Die Länder wollen zum Beispiel viel mehr Öko-Kraftwerke bauen als der Bund insgesamt vorsieht.

Ich finde das nicht so dramatisch. Es ist unrealistisch, zu erwarten, dass es den einen großen Wurf gibt und dann die Ziele 20 Jahre in Stein gemeißelt sind. Es gibt das klassische Zieldreieck der Energieversorgung: Sie soll bezahlbar, sicher und umweltverträglich sein. Da gibt es unterschiedliche Meinungen über den Schwerpunkt, das ist normal. Ich denke zum Beispiel, dass die Versorgungssicherheit zur Zeit etwas zu kurz kommt. Eine Stunde Stromausfall in Deutschland kostet geschätzt eine Milliarde Euro. Das darf nicht passieren, Versorgungssicherheit ist ein enorm wichtiger Standortfaktor.

Gegen die Energiewende wächst der Widerstand vor Ort, zum Beispiel gegen neue Stromleitungen.

Richtig, das macht es noch komplizierter. In den vergangenen Jahren ist auf das Zieldreieck noch eine Pyramidenspitze gesetzt worden: Die Energieversorgung muss auch von der Gesellschaft akzeptiert werden.

Da stehen Sie aber auch selbst im Feuer. Schließlich ist Ihr Unternehmen Spezialist für Stromübertragung. ABB produziert Kabel, Umrichterstationen und Trafos.

Von Feuer würde ich nicht reden. Richtig ist: Wir sind bei fast allen Themen der Energiewende dabei, zum Beispiel auch bei Energieeffizienz. Wir helfen bei der Umsetzung.

Durch Deutschland sollen in den kommenden zehn Jahren riesige neue Stromleitungen gebaut werden. Dabei soll unter anderem auf den drei größten, mehrere hundert Kilometer langen Nord-Süd-Leitungen eine neue Technik zum Einsatz kommen, die Hochspannungs-Gleichstromübertragung. Was wäre der Vorteil?

Diese Technik, abgekürzt HGÜ, hat viel geringere Übertragungsverluste als Wechselstromleitungen. In China hat ABB eine 2?000 Kilometer lange HGÜ-Verbindung realisiert, die gerade einmal sieben Prozent Verlust über die Strecke aufweist. Auch einen Hochsee-Windpark vor der deutschen Küste haben wir 2009 damit bereits angeschlossen. Die Technik ist erprobt und ideal, um Windstrom aus dem Norden ohne große Verluste in die Verbrauchszentren im Süden zu bekommen. Wir setzen uns aber dafür ein, dass in den Plänen, auch Abzweigungen vorgesehen werden. Die Stromautobahn braucht Ausfahrten.

Warum?

Weil wir noch gar nicht genau wissen, wo in Zukunft neue Schwerpunkte in der Erzeugung und im Verbrauch entstehen. Zudem wird Deutschland immer stärker ins europäische Stromnetz integriert werden. Auch dafür sollten schon jetzt mögliche Zugangspunkte zu den Leitungen vorgesehen werden. Die Kosten dafür sind überschaubar, es geht darum, die Abzweigungen in der Planung vorzusehen.

Ist die Technik wirklich schon ausgereift? Die HGÜ-Leitungen sollen ja nicht nur zwei Punkte verbinden, sondern in ein bestehendes Netz eingebettet werden.

Wir haben kürzlich den ersten funktionierenden Gleichstrom-Leistungsschalter vorgestellt, mit dem der Stromfluss schneller als ein Wimpernschlag unterbrochen werden kann. Die gesamte Technik sowie die komplexe Einbindungen ins Stromnetz sind getestet und bereit für die konkrete Netzplanung. Wir sind da sehr selbstbewusst.

Der Netzentwicklungsplan ist darauf ausgelegt, auch die letzte Kilowattstunde Ökostrom abzutransportieren. Ist ein solch massiver Netzausbau nicht Unsinn?

Nein. Das Netz soll ja auch in Zukunft robust sein. Es muss auch Extremsituationen standhalten, darf also beispielsweise auch bei sehr hohem Strombedarf bei starkem Frost nicht kollabieren. Der Ausbau der Netze – das ist erwiesen – ist in der Regel der kostengünstigste Weg. Lokale Speicher zum Beispiel, die den Ökostrom einlagern, sind deutlich teurer.

Sie hatten es erwähnt: ABB mischt beim Ausbau der Offshore-Windkraft mit. Die Kritik daran wächst. Die Projekte seien viel zu teuer.

Ich denke, dass es ein Fehler wäre, eine Technik von vornherein auszuschließen. Auch Offshore wird im zukünftigen Energiemix eine sinnvolle Rolle spielen und in den kommenden Jahren tendenziell billiger werden. Zudem liefern die Windräder auf hoher See etwa doppelt so viel Strom wie die gleichen Turbinen an Land, weil der Wind kräftiger und stetiger bläst. Das ist ein großer Vorteil, weil die Schwankungen geringer sind.

Sie bauen Umspannplattformen und HGÜ-Kabel für den Einsatz auf hoher See. Auch bei Ihnen gab es Verzögerungen, wenn auch nicht so dramatische wie bei Siemens. Warum ist die Technik so schwer zu beherrschen?

Alle Beteiligten sind auf einer Lernkurve. Bei uns gab es lediglich eine Verzögerung von wenigen Monaten bei einem Projekt. Das war im Rahmen. Aktuell sehen wir keine neuen Schwierigkeiten.

Ist die Offshore-Technik ein Exportschlager?

Natürlich. Wir haben die Technik der HGÜ ja schon vorher eingesetzt und hoffen darauf, in Zukunft noch mehr Aufträge zu bekommen – auf der ganzen Welt.

Auch Sie profitieren von der Offshore-Umlage, die die Bundesregierung zu Anfang des Jahres eingeführt hat. Damit finanzieren die Verbraucher den Offshore-Ausbau. Sie zahlen, wenn etwas schief geht, zum Beispiel beim Verlegen einer Leitung. Ist es fair, die Risiken abzuwälzen?

Die Gegenfrage lautet doch: Gab es überhaupt noch Firmen, die unter den alten Bedingungen bereit waren, zu investieren? 2012 wurde kein einziges Offshore-Projekt zur Netzanbindung in Auftrag gegeben. Eine Änderung der Haftungsbedingungen war deshalb nötig.

Erwarten Sie dieses Jahr neue Aufträge?

Wir erwarten neue Ausschreibungen. Die Offshore-Windenergie kommt wieder in Gang. Ob wir zum Zug kommen, werden wir sehen, aber klar: Wir sind in dem Gebiet als führender Anbieter im Markt.

2012 war kein gutes Jahr für ABB in Deutschland. Der Gewinn ist deutlich gesunken, der Auftragseingang ist geringer.

2011 hatten wir mit dem Windparkanschluss „DolWin2“ den Rekord-Auftrag der Konzerngeschichte, der den Auftragseingang maßgeblich beeinflusste. Tatsächlich war das Glas im Jahr 2012 halbvoll. Unter anderem ist der Umsatz bei konstanter Mitarbeiterzahl gewachsen.

Noch einmal zur Energiewende: Es gibt einen Streit um die Kosten. Die einen sagen, dadurch wird es langfristig billiger. Umweltminister Peter Altmaier rechnet schlimmstenfalls mit der gigantischen Summe von einer Billion Euro.

Ganz ehrlich: Eine Prognose über 30 Jahre abzugeben, ist keine exakte Wissenschaft. Es ist weder genau abzusehen, wie sich die Technologien in dieser Zeit weiterentwickeln, noch, wie sich die Preise der fossilen Brennstoffe entwickeln. Wir fahren als Gesellschaft am besten, wenn wir mit einem breiten Portfolio an technischen Lösungen in die Zukunft gehen. Und sie dann flexibel handhaben.

Das Gespräch führte Jakob Schlandt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare