Wanderarbeiterinnen wie diese Frau in Indien trifft Corona hart
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Wanderarbeiterinnen wie diese Frau in Indien trifft Corona hart

Corona-Krise

Keine Jobs, keine Lebensmittel

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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UN-Organisationen warnen vor Folgen der Pandemie in Entwicklungsländern.

Die Corona-Krise wirkt wie ein Brandbeschleuniger für zwei Krisen in den Entwicklungsländern: Hunger und Vertreibung. Das zeigt ein neuer UN-Bericht, den das Welternährungsprogramm (WFP) und die Internationale Organisation für Migration (IOM) jetzt veröffentlicht haben. Nicht das Virus selbst ist der Grund dafür, es sind die sozio-ökonomischen Folgen: Menschen müssen ihr Zuhause verlassen und denjenigen, die auf die – zuletzt gesunkenen – Rücküberweisungen von Familienangehörigen und Freunden aus dem Ausland angewiesen sind, fehlt Geld für Lebensmittel.

Dabei hatten die Zahlen in den beiden Bereichen bereits vor Ausbruch von Covid-19 Rekordhöhen erreicht. Laut Welthungerindex steigt die Zahl der Hungernden weltweit seit 2015 wieder, Ende 2019 waren danach 690 Millionen Menschen in rund 50 Ländern betroffen. Für die Verschlechterung werden neben dem Klimawandel vor allem Konflikte wie in Syrien und im Jemen verantwortlich gemacht.

Die Zahl der Migranten weltweit wiederum ist nach UN-Angaben seit Beginn des Jahrzehnts um knapp ein Viertel gestiegen. Im Jahr 2019 gab es danach rund 272 Millionen Einwanderer, 51 Millionen mehr als noch 2010. Nun kommen die Corona-Folgen hinzu.

Die Versuche, die Pandemie einzudämmen, schränken laut dem neuen Report Mobilität und Arbeitsmöglichkeiten erheblich ein. „Dadurch ist es für Migranten und Vertriebene schwieriger geworden, sich Nahrungsmittel zu leisten und ihre Grundbedürfnisse zu decken“, so die UN-Organisationen. Hunger sei, vor allem in Verbindung mit Konflikt, ein kritischer „Push-Faktor“, der Menschen zur Flucht zwinge. Die Mehrheit der Vertriebenen lebt laut dem Bericht in Ländern, die von akutem Hunger und Mangelernährung betroffen sind.

Eine der weltweit am stärksten von den Folgen der Pandemie betroffenen Bevölkerungsgruppen ist laut Report die der rund 164 Millionen Wanderarbeiter und Wanderarbeiterinnen. „Während Wirtschaftskrisen sind diese Bevölkerungsgruppen oft die ersten, die ihre Arbeit verlieren.“ Darüber hinaus könnten Unterbrechungen der Saisonarbeit in der Landwirtschaft negative Folgen für die Produktion, Verarbeitung und Verteilung von Nahrungsmitteln haben. Das bedrohe deren Verfügbarkeit und Erschwinglichkeit vor Ort und weltweit weiter.

Große Probleme sehen die UN-Organisationen auch durch die seit dem Corona-Ausbruch schwindenden Rücküberweisungen auf dem Ausland, von denen weltweit rund 800 Millionen Menschen weltweit abhängig sind. Anno 2019 überwiesen Migrant:innen noch über 550 Milliarden Dollar an ihre Familien, gut 130 Milliarden Dollar davon kamen aus Europa. In diesem Jahr gab es ab April einen Einbruch, im Sommer eine gewisse Erholung. Doch die Weltbank erwartet: „Aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit unter Migranten und der Wirtschaftskrise gehen wir davon aus, dass sich die Überweisungen weiter verringern.“ Noch für 2021 erwartet sie einen Rückgang der Rücküberweisungen in die Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen um 14 Prozent. Die Folgen für die Ernährungssicherheit könnten laut WFP verheerend sein. Die Organisation geht davon aus, dass allein dadurch bis Ende 2021 mindestens 33 Millionen weitere Menschen Hunger leiden könnten.

Die beiden UN-Organisationen fordern die Weltgemeinschaft auf, mehr Unterstützung zu leisten. „Die sozio-ökonomischen Auswirkungen der Pandemie sind verheerender als die Krankheit selbst“, kommentiert WFP-Exekutivdirektor David Beasley. Viele Menschen in Entwicklungsländern, die noch vor wenigen Monaten gerade so über die Runden kamen, stünden jetzt vor zerstörten Lebensgrundlagen.

IOM-Generaldirektor António Vitorino warnte, die Folgen der Covid-19-Krise drohten globale Anstrengungen – auch im Rahmen des Globalen Pakts für eine sichere, geordnete und reguläre Migration – zunichte zu machen. „Es liegt in unserer kollektiven Verantwortung, die Rechte von Menschen, die migrieren oder fliehen, zu schützen und sie vor weiterem Schaden zu bewahren.“

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