GASTWIRTSCHAFT

Keine Hilfe ohne Rendite?

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Wenn Armutsbekämpfung zu einem Investment wird

Im Zuge der nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDG) ist es gewichtigen Akteuren wie der Weltbank gelungen, eine Botschaft prominent zu verankern: „Wir benötigen jährlich etwa sechs Billionen US-Dollar, um die SDG zu erreichen (…) Aktuell schaffen wir nur etwa die Hälfte dieses Finanzierungsbedarfs. Es gibt jedes Jahr ein Multi-Billionen-Dollar Loch, welches der öffentliche Sektor alleine nicht stopfen kann.“

Dieser starke Fokus auf angeblich benötigtes privates Finanzkapital hat den Einfluss der Finanzwelt auf die Entwicklungshilfe weiter verstärkt und – vielleicht noch wichtiger – gibt ihr hohe Legitimität. Und der Umbau schreitet schnell voran. Heute leiht sich die deutsche Entwicklungszusammenarbeit jährlich fast vier Milliarden Euro vom Finanzmarkt, um sie als Entwicklungskredite weiterzugeben. Diese sogenannten Marktmittel sind binnen zehn Jahren um das 18-Fache gestiegen und erreichen fast die sechs Milliarden Haushaltsmittel des Entwicklungsministeriums.

Entwicklungshilfe muss ‚investierbar’ werden, so das Motto. Dafür werden allerlei Finanzprodukte geschaffen. Unter dem Slogan ‚Maximierung der Entwicklungsfinanzierung’ will die Weltbank Kredite verbriefen und als handelbare Finanzprodukte an globale Investoren verkaufen. Sie würde so systematisch in das Reich der Schattenbanken hinabsteigen, jenen unregulierten und intransparenten Bereich der Finanzwelt, der maßgeblich für die Finanzkrise 2007/8 verantwortlich war.

Damit nicht genug. Der Blick von der anderen Seite, den Zielgruppen der Entwicklungspolitik, offenbart erschreckend Komplementäres. Als ‚finanzielle Inklusion’ unterstützt die Entwicklungszusammenarbeit die Ausbreitung von Finanzdienstleistungen für Arme. Der etwa 100 Milliarden US-Dollar schwere Mikrokreditmarkt hat bis heute 200 Millionen Schuldner rekrutiert. Neben hohen Überschuldungsraten lassen die Einkünfte der Mikrofinanzbanken von etwa 20 Milliarden Dollar im Jahr 2010 – wohlgemerkt von den Zinszahlungen der ärmsten Teile der Bevölkerung – an diesem Ansatz zweifeln.

Zwangsläufig wird diese Transformation die Interessen von Großinvestoren in den Vordergrund stellen. Die Wissenschaft spricht in diesem Zusammenhang von Finanzialisierung. Finanzielle Motive wie Renditeerwartungen oder Steuervermeidung verdrängen so schrittweise entwicklungspolitische Ziele.

Der Autor arbeitet bei der Entwicklungshilfeorganisation Fian.

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