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Ein Posten im Aufsichtsrat ist kein Urlaub, sondern anspruchsvolle Arbeit.

Aufsichtsrat

Keine bezahlte Freizeitbeschäftigung mehr

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Früher galt das Amt des Aufsichtrats als eine gut bezahlte Art der Freizeitbeschäftigung. Mit der Finanzkrise sind die Anforderungen an das Organ aber deutlich gewachsen.

Die Landesbank Sachsen geriet 2007 als eines der ersten deutschen Finanzinstitute in den Sog der gerade ausbrechenden Finanzkrise. Sie hatte sich massiv am US-Hypothekenmarkt verspekuliert und musste an die Landesbank Baden-Württemberg notverkauft werden. In einem Fernsehinterview sagte damals ein sichtlich schockiertes Verwaltungsratsmitglied der Bank, er verstehe die Welt nicht mehr. Der Vorstand habe dem Kontrollgremium regelmäßig Auskünfte in Form von Ampelfarben gegeben – wohl um den Verwaltungsratsmitgliedern das Leben möglichst einfach zu machen. Die aufgeführten Posten hätten fast immer eine grüne Markierung gehabt – selten gelb, rot habe es nie gegeben.

Diese Aussage warf ein Schlaglicht darauf, was in den Kontrollgremien vieler Finanzinstitute passiert war. Bei Kapitalgesellschaften redet man von Aufsichtsräten, bei öffentlich-rechtlichen Instituten von Verwaltungsräten. In vielen Häusern saßen in den Gremien Leute ohne jegliches Finanzwissen, ohne Interesse an oder Verständnis für Details, ohne Ehrgeiz sich in die Materie einzufinden und zu hinterfragen, was das Management der Banken so verkündete.

Hat sich die Lage seitdem verbessert? „Insgesamt kann man diese Frage sicherlich mit „Ja“ beantworten“, sagt Julia Redenius-Hövermann, Junior-Professorin für Bürgerliches Recht und Unternehmensrecht an der Frankfurt School of Finance and Management und Privatdozentin an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Goethe-Universität Frankfurt. „Die Finanzkrise hat die Aufsichtsräte ins Rampenlicht gerückt. Die Professionalisierung der Gremien ist seitdem sehr vorangeschritten.“ Die Unternehmen guckten sehr viel kritischer darauf, wen sie in ihre Kontrollgremien berufen.

Und nicht nur die. Bei größeren, börsennotierten Finanzdienstleistern sind die Investoren inzwischen auf das Thema Aufsichtsräte angesprungen. „Sie stellen die Frage: Warum soll gerade die oder der in den Aufsichtsrat? Sie fordern immer mehr Transparenz über die Arbeit der Kontrolleure“, weiß Peter Ruhwedel, Professor für Strategisches Management und Organisation an der FOM Hochschule und Experte für das Thema Aufsichtsräte. Natürlich gebe es weiterhin Kontrolleure, die sich zu sehr auf die Aussagen und Kenntnisse des Vorstands und ihrer Aufsichtsratskollegen verließen und sich zu wenig engagierten. „Aber insgesamt ist das Bewusstsein für die Verantwortung, die man als Aufsichtsrat trägt, gewachsen. Die meisten sehen das nicht mehr als eine bezahlte Art von Freizeitbeschäftigung, sondern nehmen das Amt sehr ernst.“

Die Aufsichtsräte haben auch einen Rollenwandel vollzogen. „Die Gremien sind insgesamt aktiver als früher“, sagt Ruhwedel. Insbesondere der Aufsichtsratsvorsitzende habe inzwischen häufig große Macht in dem Unternehmen. „Aufsichtsräte waren früher rein kontrollierende Organe. Heute beraten sie den Vorstand viel stärker und sind auch häufiger in die strategische Planung des Unternehmens eingebunden“, sagt Redenius-Hövermann.

Dass Aufsichtsräte ihre Aufgabe heute tendenziell ernsthafter wahrnehmen als noch vor zehn Jahren, hat auch mit der verschärften Regulierung zu tun. Als Reaktion auf die Finanzkrise änderte der Bundestag 2009 das Kreditwesengesetz (KWG). Erstmals erhielt die Finanzaufsicht Bafin die Kompetenz, auch die Aufsichts- und Verwaltungsräte zu kontrollieren. Seitdem muss sie die Ernennung neuer Räte absegnen und kann diese auch abberufen, was schon mehrfach geschehen ist. Aufsichtsräte müssen laut KWG nun „Sachkunde“ mitbringen, sie müssen unter anderem „zuverlässig“ sein und dem Amt „ausreichend Zeit widmen.“ Das sind zwar alles nur sehr vage Formulierungen, zuvor gab es allerdings gar keine.

Zudem sind seitdem zahlreiche Klarstellungen und Verschärfungen hinzugekommen. So hat auch die Europäische Zentralbank Regeln für die Aufsichtsräte der von ihr beaufsichtigten Banken erlassen. Die europäische Bankenaufsicht EBA hat ebenfalls Leitlinien vorgelegt, von denen auch dieses Jahr eine weitere in Kraft tritt. In den verschiedenen Regelwerken wird beispielsweise klargestellt, wie viele Aufsichtsratsmandate ein Kontrolleur insgesamt haben darf, welche Kompetenzen im Aufsichtsrat vorhanden sein müssen oder wie Interessenskonflikte zu definieren und verhindern sind. Auch die Notwendigkeit von Fortbildungen ist ein Thema.

Der Weiterbildungsmarkt für Aufsichtsräte boomt dadurch. „Es ist ein neuer Markt für Fortbildungen für Aufsichtsräte entstanden. Aber nicht alle Angebote sind überzeugend, da muss man schon genau hinschauen“, sagt Ruhwedel. Viele Unternehmen bieten auch Weiterbildungen im eigenen Haus an. Auch die Frankfurt School of Finance & Management bietet ein Exzellenzprogramm für Aufsichtsräte an. „Das wird sehr gut angenommen“, sagt Redenius-Hövermann, die involviert ist. Laut Lehrplan wird auch eine Aufsichtsratssitzung simuliert, in der nicht alles nach Plan läuft. „Da kippt zum Beispiel der Protokollant um, ein Aufsichtsratsmitglied gibt Insiderinformationen an die Presse heraus oder das Unternehmen steht am Rande der Insolvenz und es braucht eine sofortige Entscheidung“, sagt Redenius-Hövermann. Die Aufsichtsräte lernten so, wie sie auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren sollen.

Auch wenn unter Experten die Meinung herrscht, dass sich die Kompetenz der Aufsichts- und Verwaltungsräte in den vergangenen Jahren insgesamt verbessert hat, gibt es an einer Sache doch immer wieder Kritik: An der Zusammensetzung der Verwaltungsräte von Sparkassen. Alleine die Größe der Organe legt den Verdacht nahe, dass dort vor allem lukrative Posten möglichst breit verteilt werden. So hatte selbst die kleinste deutsche Sparkasse Bad Sachsa mit gerade einmal 43 Angestellten und zwei Vorstandsmitgliedern 2016 einen Verwaltungsrat mit neun Mitgliedern, die immerhin insgesamt 40 000 Euro für ihre Tätigkeit erhielten. Zum Vergleich: Der Aufsichtsrat der Deutschen Bank hat 20 Mitglieder.

In den Verwaltungsräten der Sparkassen sitzen stets viele Lokalpolitiker. „Das hat zu einem gewissen Grad natürlich auch seine Berechtigung“, sagt Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft an der Universität Hohenheim. Schließlich müssten in Aufsichts- und Verwaltungsräten auch die Interessen der Eigentümer vertreten werden. „Die Politiker sind da sozusagen die Treuhänder der Bürger. Aber ich kriege teilweise schon graue Haare, wenn ich sehe, wer da so drinsitzt“, sagt er.

Zu hoffen bleibt da nur, dass auch Politiker aus der Finanzkrise ihre Lehren gezogen und einen größeren Ehrgeiz entwickelt haben, ihrer Aufsichtspflicht ordentlich nachzukommen. Das damals interviewte Verwaltungsratsmitglied der SachsenLB, das ob so vieler grüner Ampeln auf Vorstandsdokumenten den Niedergang seiner Bank gar nicht fassen konnte, war übrigens auch ein Politiker.

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