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Wohin steuern wir? Die Wirtschaft kommt dank kräftiger Anschieber wieder in Schwung.
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Wohin steuern wir? Die Wirtschaft kommt dank kräftiger Anschieber wieder in Schwung.

Prognosen

Kein Zurück zur Normalität

  • vonStephan Kaufmann
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Die Wirtschaft könnte sich 2021 laut Prognosen von den Folgen der Pandemie erholen. Doch Staat und Ökonomie haben sich in einen dauerhaften Ausnahmezustand manövriert.

Das neue Jahr wird gut – wenn man den Vorhersagen der Ökonomen glaubt. Bleiben böse Überraschungen aus, folgt auf den Absturz 2020 der kräftige Aufschwung. Konsum, Investitionen, Welthandel, alles deutet aufwärts. Doch das ist nur das eine, die Oberfläche. Das andere ist, wie dieses Wachstum erreicht werden soll. Die Weltwirtschaft steht auf einer Basis, der man ansieht, dass sie über zehn Jahre Krise hinter sich hat. „Es herrscht ein befremdliches Gleichgewicht“, urteilt die französische Bank Natixis. In der Balance gehalten wird sie weniger durch die Marktkräfte, sondern durch Entscheidungen in Finanzministerien und Zentralbanken.

Die 2021er Prognosen der Ökonomen basieren auf der Annahme, dass die Corona-Impfungen wie geplant vorgenommen werden können. „Verwundbare Gruppen“, so die niederländische Bank ABN Amro, sollten im zweiten Quartal 2021 ein gewisses Maß an Immunität erreicht haben. Ab dem dritten Quartal würden dann die Massen geschützt. Unter dieser Annahme könnten die Beschränkungen des öffentlichen Lebens ab Ende des ersten Quartals schrittweise zurückgenommen werden und Ende des neuen Jahres im Wesentlichen aufgehoben werden.

Dies mache 2021 zum „Jahr der Erneuerung“, so die Schweizer Bank UBS. Die Unternehmen fassten wieder Vertrauen und investierten mehr. Einen Schub erhält der private Konsum, da die Menschen im vergangenen Jahr hohe Ersparnisse aufgebaut hätten und dieses Geld nun in die Geschäfte tragen würden. Die US-Wirtschaft dürfte dieses Jahr vier Prozent wachsen, in der Euro-Zone sollen es fünf Prozent sein und in Deutschland ein Wert dazwischen. Ende des Jahres dürfte die Wirtschaftsleistung in den großen Industriestaaten wieder das Vorkrisenniveau erreicht haben. Die Frage bleibt: Und dann? „Die langfristigere Entwicklung ist weniger vorhersehbar“, so die UBS.

Eine Fortsetzung des Booms wird nicht erwartet, das potenziell mögliche Wachstum hat sich durch die Corona-Krise eher noch weiter abgeschwächt. Natixis schätzt es auf weltweit derzeit etwas über ein Prozent – 2007, vor der Großen Finanzkrise, lag es noch über vier Prozent.

Die Staaten sind daher weiter als Finanziers und Stützen des Aufschwungs gefragt. Bereits 2020 hat sich weltweit die Staatsschuldenquote um 20 Prozentpunkte der Wirtschaftsleistung erhöht und 2021 geht es weiter: In den USA steht ein neues Konjunkturpaket über 900 Milliarden Dollar an, in Europa geht der 750 Milliarden Euro schwere Wiederaufbaufonds an den Start, die Bundesregierung plant mit einem Defizit von 180 Milliarden. „In den meisten anderen Euro-Ländern dürften sich die Fehlbeträge gemessen an der Wirtschaftskraft in einer ähnlichen Größenordnung bewegen“, prognostiziert die Commerzbank.

Möglich und finanzierbar bleiben die steigenden Schulden wegen der niedrigen Zinsen. Bereits 2020 brachte eine „nie dagewesene Fusion von Fiskal- und Geldpolitik“, so die UBS. Die Defizite der Regierungen summierten sich auf elf Prozent ihrer Wirtschaftsleistung, während allein die bedeutendsten Zentralbanken zwecks Zinssenkung fünf Billionen Dollar in den Markt pumpten. Dies bewerkstelligten sie, indem sie Massen an Staatsanleihen und anderen Schuldscheinen aufkauften und sich so indirekt als Finanziers betätigten. Auch diese Entwicklung geht weiter: Die Euro-Zentralbank hat gerade ihr Pandemie-Anleihekaufprogramm um 500 Milliarden Euro aufgestockt und verlängert. Damit „dürfte sie auch im kommenden Jahr faktisch die gesamten Haushaltsdefizite der Euroländer finanzieren“, so die Commerzbank.

Bedrohte Existenzen

Selbstständige: Der Bundesverband der Freien Berufe sieht infolge der Corona-Krise rund 140 000 Jobs bedroht. „Die Krise geht an die Substanz“, sagte Präsident Wolfgang Ewer. Hintergrund ist eine Umfrage unter Freiberuflern. Demnach bewerten 20,3 Prozent ihre momentane Geschäftslage als schlecht. 14,2 Prozent der Freiberufler erwarteten, in zwei Jahren weniger Beschäftigte zu haben. Für 25,3 Prozent von ihnen sei der Schaden bereits existenzbedrohend. Insolvenzen: Neue Sanierungsregeln und die anhaltende Corona-Krise werden wohl dafür sorgen, dass in diesem Jahr die Zahl der Firmeninsolvenzen steigt. Nach den Rückgängen im Jahr 2020 werde es 2021 eine drastische Zunahme geben, sagte der Sanierungsexperte Lucas Flöther. „Wenn ganze Branchen betroffen sind und die Krise bei Vielen prinzipiell das Geschäftsmodell infrage stellt, dann entsteht ein Krater in den Bilanzen, der sich (…) nicht wieder schließen lässt.“ dpa

Ende kommenden Jahres wird die EZB voraussichtlich 43 Prozent der deutschen Bundesanleihen halten und zwei Fünftel aller Anleihen des italienischen Staates. Ihre Politik hat die Zinsen so weit gedrückt, dass mittlerweile auch Staatspapiere des ehemaligen Euro-Krisenlandes Portugal unter null Prozent gefallen sind. Erreichten die Zinsen in den Industriestaaten real – also abzüglich Inflation – in den 80er-Jahren im Durchschnitt noch sieben Prozent, so bringen sie inzwischen fast keine Rendite mehr. Ein Ende ist nicht abzusehen. In den USA stehen „auf Jahre hinaus“ Nullzinsen an, so die Commerzbank, und in Europa und Japan dürfte das nicht anders sein. Nur so lassen sich die staatlichen Defizite und die hohen Schulden der Unternehmen finanzieren.

Diese Kombination – die Regierungen machen Schulden, die Zentralbanken kaufen sie auf und verwandeln sie im Zusammenspiel mit den Privatbanken in zusätzliches Geld – beruht darauf, dass die Inflation nicht anzieht. Davon gehen die Ökonomen derzeit auch aus. Die Preise für Güter dürften sich auf absehbare Zeit nicht stark verteuern. Ganz anders sieht es an den Finanzmärkten aus: Auf der Suche nach höheren Renditen wandern Milliarden in Häuser- und Aktienmärkte und pumpen dort die Bewertungen auf, obwohl das Wirtschaftswachstum nicht berauschend ausfällt. Über Börsengänge haben in den USA Unternehmen wie Airbnb oder Door Dash dieses Jahr rekordhohe 170 Milliarden Dollar eingesammelt. Das Geld fließt, „die Märkte bleiben abgekoppelt von den Fundamentaldaten“, urteilt die Commerzbank.

Zwar seien die Märkte bereits hoch bewertet. Beim Deutschen Aktienindex liege das Kurs-Gewinn-Verhältnis mit 15 bereits 20 Prozent über seinem Zehn-Jahresdurchschnitt, beim Euro Stoxx 50 und dem US-Börsenindex S&P 500 seien es sogar 40 Prozent. Doch angesichts der Nullzinsen bei Anleihen bleiben Aktien attraktiv. „Spekulationsblasen entweicht Luft, wenn die Zinsen steigen“, so Natixis, „aber die Zinsen steigen nicht, weil die Schulden hoch sind.“ Und die Schulden dürfen nicht zurückgefahren werden, denn „höhere Staatsausgaben sind im nächsten Zyklus unvermeidlich“, so die US-Bank J.P. Morgan. Das Umfeld für Investoren, so J.P. Morgan, bleibe daher über das kommende Jahrzehnt „herausfordernd“, das Risiko steige, denn „wirklich sichere Anlagen bringen keine Rendite mehr“.

So sieht es aus, das „befremdliche Gleichgewicht“ der Weltwirtschaft: Ihr Potenzialwachstum ist schwächlich, die Finanzpolitik bleibt daher expansiv angesichts der sozialen Probleme und der Notwendigkeit öffentlicher Investitionen in Energieversorgung, Greentech und Digitalisierung. Die stärkere Rolle des Staates, so die Schweizer Bank Credit Suisse, werde die Pandemie weit überdauern. Expansiv bleibt auch die Geldpolitik, denn die Zinsen müssen niedrig bleiben, um die Defizite zu ermöglichen. Die Furcht vor steigender Inflation, so Credit Suisse, sei „übertrieben. Was uns angesichts der Post-Covid-Welt mehr besorgt, ist das mäßige Wachstum“.

Das mäßige Wachstum lässt die Zinsen am Boden, was in vielen Ländern die Systeme der privaten Altersvorsorge belastet. Gleichzeitig hält dies die Finanzmärkte auf Rekordhöhen. Dies wiederum könnte laut Natixis zu „sozialen Spannungen“ führen angesichts des „schockierenden Kontrasts zwischen struktureller Arbeitslosigkeit und niedrigem Lohnwachstum auf der einen Seite und einem wachsenden Vermögen im Zuge von Finanzmarktblasen auf der anderen Seite“.

Aus dieser Situation scheint es nur einen Ausweg zu geben: starkes Wirtschaftswachstum. Doch das ist nicht zu erwarten, auch weil ein wesentlicher Wachstumsmotor seit der globalen Finanzkrise stillsteht: die Globalisierung. „Die großen Gewinne der Integration Chinas und anderer Schwellenländer mit ihrer billigen Arbeit sind im Wesentlichen ausgeschöpft“, urteilt die Berenberg Bank. Der KOF Globalization Index zeigt laut Credit Suisse, dass die wirtschaftliche Globalisierung bereits seit 2007 stagniert.

Das nächste Jahr wird also kaum eine Rückkehr zur ökonomischen Normalität bringen. Statt einem „Jahr der Erneuerung“ steht eine Verlängerung des Ausnahmezustands an: Er wird Normalität. „Manchmal“, schrieb der US-Ökonom Branko Milanovic, „glaube ich, dass das Virus auch gekommen ist, um uns zu lehren, dass die Hälfte aller selbstverständlichen Wahrheiten in politischer und ökonomischer Wissenschaft schlicht falsch sind.“

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