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Sparkassentag

„Kein Teufelszeug“

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Bundesbank-Präsident Jens Weidmann verteidigt deutschen Leistungsbilanzüberschuss.

Bundesbankpräsident Jens Weidmann hat den Leistungsbilanzüberschuss der deutschen Wirtschaft am Donnerstag mit deutlichen Worten verteidigt. Ein Leistungsbilanzüberschuss bedeute, dass ein Land mehr spare als investiere. Dadurch könne eine andere Wirtschaft entsprechend mehr investieren als sparen. „Sofern der deutsche Sparüberschuss in ergiebige Investitionen im Ausland fließt, entstehen dort Wachstumsmöglichkeiten und Arbeitsplätze“, erklärte Weidmann vor etwa 2500 Teilnehmern des Deutschen Sparkassentages in Hamburg.

Ein Leistungsbilanzüberschuss entsteht, wenn ein Land mehr exportiert als importiert. Der deutsche Überschuss lag 2018 bei etwa 249 Milliarden Euro. Im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag er bei 7,25 Prozent – die EU-Kommission sieht sechs Prozent als Schwellenwert zur Feststellung eines makroökonomischen Ungleichgewichts an. In der längerfristigen Betrachtung hat Deutschland sich in den vergangenen Jahren zumindest etwas verbessert: Denn 2015 lag der Überschuss im Verhältnis zum BIP noch bei 8,5 Prozent.

Deutschland wird von anderen Ländern immer wieder wegen seines dauerhaft großen Leistungsbilanzüberschusses kritisiert. Erst vor wenigen Wochen erklärte der französische Präsident Emmanuel Macron: „Deutschland ist zweifellos am Ende eines Wachstumsmodells, das sehr von den Ungleichgewichten der Eurozone profitiert hat“. Auch US-Präsident Donald Trump hat Deutschland immer wieder wegen der Leistungsbilanzüberschüsse angegriffen, da sie angeblich zu Lasten der US-Wirtschaft gehen.

Weidmann erklärte in Hamburg, dass durch den Überschuss Forderungen – auf der anderen Seite dagegen Verbindlichkeiten entstünden. Dies sei im Grunde der Tausch von Gegenwartsgütern gegen Zukunftsgüter. „Der Tausch Gegenwart gegen Zukunft kann beiden genauso nützen wie der zeitgleiche Handel“, sagte er. Dies sei insbesondere der Fall, wenn Länder unterschiedliche demografische Entwicklungen erlebten oder einen unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungsstand hätten.

Da Deutschland altere, sei es „keine schlechte Idee, einige Gegenwartsgüter gegen Zukunftsgüter zu tauschen“, sagte er. Der demografische Wandel spiele für den deutschen Leistungsbilanzüberschuss eine relevante Rolle.

Gleichzeitig betonte Weidmann, dass der Überschuss durch Prozesse entstehe, „die für einen korrigierenden wirtschaftspolitischen Eingriff wenig Ansatzpunkte bieten“ – sprich: es gebe keine einfachen politischen Lösungen, um ihn zu beheben, so wie Kritiker wie Macron und Trump das suggerieren. So sollen Einfuhrzölle à la Trump die Importe verringern. Weidmann wies aber darauf hin, dass unter Zöllen auch die Ausfuhren litten. Am Ende könnte also quasi ein Nullsummenspiel stehen.

„Darüber hinaus würden einzelne Maßnahmen, etwa Steuersenkungen oder höhere staatliche Ausgaben, den Leistungsbilanzsaldo nicht wesentlich verschieben“, so der Bundesbankpräsident. Dies hätten interne Bundesbankberechnungen ergeben. Die Kritiker des deutschen Wirtschaftsmodells fordern Deutschland immer wieder auf, mehr zu investieren, etwa in die Infrastruktur. „Leistungsbilanzsalden sind grundsätzlich weder Teufelszeug noch Tugend“, resümierte Weidmann.

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