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Rein, reiner, am reinsten? Geruchstest bei der Bundesmonopolverwaltung für Branntwein (BfB).
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Rein, reiner, am reinsten? Geruchstest bei der Bundesmonopolverwaltung für Branntwein (BfB).

Ende des Branntweinmonopols

Kein Schnaps zum Abschied

  • Martin Brust
    VonMartin Brust
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Erst sollte es kontrollieren, dann Geld einbringen, nun endet nach hundert Jahren das Bundesmonopol für Branntwein. Was hat das für Konsequenzen?

Der letzte Inlandsflug der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin war emotional: Passagiere durften sich auf der Kabinentür verewigen, der Pilot drehte vor der Landung eine Schleife am Berliner Himmel in der Form eines Herzens. In Offenbach passiert zum Jahresende nichts Vergleichbares. Knapp vor seinem runden 100. Geburtstag endet das deutsche Branntweinmonopol mit dem Jahr 2017. Die noch rund 20 Beschäftigten in der Bundesmonopolverwaltung für Branntwein, die seit 1954 ihren Sitz in Offenbach hat, hatten am Freitag (29. Dezember 2017) normalen Dienstschluss, sofern sie nicht sowieso zwischen den Jahren freimachen.

Wenn sie am Dienstag, 2. Januar, ihren Dienst wieder antreten, werden sie neue Türschilder an ihren Amtsstuben vorfinden – oder bald bekommen. Denn für den letzten Rest der zu Hochzeiten 650 Beschäftigten ändert sich wenig. Sie wickeln bis Ende 2018 ihre Behörde ab und werden nach und nach in die Zollverwaltung eingegliedert, berichtet der stellvertretende Behördenleiter Ulrich Metzen. Für einige könnte der künftige Dienstort Frankfurt statt Offenbach sein, aber das dortige denkmalgeschützte Gebäude bleibt Standort der Zollverwaltung.

Kein Schnaps, nicht mal ein Sektchen zum Abschied vom Monopol. 1954 zum Start war das anders, damals erhielt jeder Bezieher der Offenbacher Lokalzeitung auf Wunsch einen Viertelliter Schnaps von der neuen Behörde geschenkt.

So geruhsam das Ende der Verwaltung, so unauffällig auch das des Monopols. Denn die Auswirkungen waren seit Jahren absehbar, die Marktbereinigung hat bereits stattgefunden. Laut Gerald Erdrich, Geschäftsführer beim Bundesverband der Deutschen Klein- und Obstbrenner und vertretungsberechtigter Gesellschafter der Karlsruher Destillerie Kammer-Kirsch, gab es vor sieben Jahren noch rund 23.000 Abfindungsbrennereien. Heute seien es rund 16.500.

Geht nun der Schnaps aus?

Geht den Deutschen nun der Schnaps aus? Nein, aufgegeben hätten vor allem solche Brenner, die ausschließlich oder überwiegend für das Monopol gebrannt hätten. Oft seien sie alt gewesen oder hätten Investitionen stemmen müssen, um Produkte herzustellen, die für Endkunden attraktiv sind. „Ich schätze, dass mittelfristig 12.000 Kleinbrenner bleiben“, sagt Erdrich. „Manche warten sicher erst ab, wie sich der Markt entwickelt.“ Er befürchtet vor allem eine Veränderung der Landschaft. „In der Eifel gibt es Gebiete mit großflächig zunehmender Verbuschung von Streuobstwiesen, weil das Interesse der Stoffbesitzer daran nachlässt“, so Erdrich.

Früher habe es in guten Jahren bis zu 150.000 Stoffbesitzer gegeben, heute noch 60.000. Das Obst von Streuobstwiesen eignet sich selten zur Vermarktung als Tafelobst. Es wird deshalb als Most oder Saft, Apfel- oder Obstwein und in Süddeutschland oft als Branntwein vermarktet. Weil der Aufwand, marktfähigen Schnaps zu brennen, hoch ist, haben viele Obstwiesenbesitzer nur mindere Qualität für das Branntweinmonopol gebrannt. Fällt diese Einnahmequelle weg, so fürchtet Erdrich, lasse das Interesse an den Obstbaumwiesen nach. Ohne deren Pflege verbuscht die Landschaft. Schnapsbrennen für den Naturschutz.

Ein Monopol aus der Kaiserzeit

Bis 1976 hieß es: Brennen für den Bundeshaushalt. Die Einfuhr von Alkohol aus dem Ausland war streng reglementiert, um das staatliche Monopol zu schützen. Die EU kippte dann diese Regelung. Zuvor hatte die Bundesmonopolverwaltung Gewinne eingefahren, seither wurde sie subventioniert. Denn sie kaufte den Alkohol der Stoffbesitzer und Abfindungsbrenner teurer ein, als sie ihn nach Reinigung und Aufarbeitung an industrielle Kunden verkaufen konnte – eine Form der Subvention.

Seinen Anfang nahm das Monopol 1918 unter Kaiser Wilhelm II. mit dem Gesetz über das Reichsbranntweinmonopol. Zuerst ging es darum, die bis dato weitgehend unkontrollierte Herstellung zu ordnen, auch um gesundheitliche Gefahren von der Bevölkerung durch übermäßige Produktion oder minderwertigen Alkohol abzuwenden. Schnell kam auch das finanzielle Interesse des nach dem Ersten Weltkrieg klammen Staates hinzu. Die 1922 gegründete Reichsmonopolverwaltung war direkte Vorgängerin der 1951 ebenfalls in Berlin neu gegründeten Bundesmonopolverwaltung. Das erste Gebäude der Reichsmonopolverwaltung in der Ringbahnstraße in Berlin-Tempelhof steht heute noch; später zog die Reichsmonopolverwaltung nach Lichtenberg. Auf dem dortigen Gelände war später der VEB Bärensiegel („Früher oder später trinkt ein jeder Wurzelpeter“) angesiedelt.

Die Bundesmonopolverwaltung war eine Doppelkonstruktion: staatliche Behörde und bestimmender Faktor im bundesdeutschen Alkoholmarkt – soweit man ein Monopol als Markt verstehen will. Sie kontrollierte bis 2013 etwa 80 Prozent der Alkoholaufbereitung für den deutschen Markt und hatte am Alkoholmarkt selbst einen Anteil von 30 Prozent. Das Monopol bestimmte zwar nicht die Preise für Korn, Obstler und Willie, wohl aber die Preise für deren wichtigsten Grundstoff. Etwa 30 bis 50 Millionen Deutsche Mark steuerte sie bis 1976 jährlich zum Bundeshaushalt bei.

Vergleich zum Reinheitsgebot für Bier

Behördenleiter Ulrich Metzen erwartet keine großen Änderungen im Spirituosenmarkt, denn Großbrennereien sind bereits seit gut zehn Jahren aus dem Monopol ausgeschieden. Allerdings wird die bevorzugte Besteuerung der Kleinbrenner ab 2018 in ganz Deutschland gelten. In großen Wein- und Obstbaugebieten wie dem Alten Land in Norddeutschland, Unstrut-Saale oder auch rund um Dresden sowie in touristischen Regionen wie etwa auf Rügen werden deshalb „einige Abfindungsbrennereien neu entstehen“, sagt Metzen, die mit hochwertigen Produkten in die regionale und touristische Vermarktung gehen werden. Allerdings würden diese zahlenmäßig kaum das Ausscheiden der süddeutschen Brenner aufwiegen. Und das werden keine Hobby-Brenner sein: Metzen beziffert die nötigen Investitionen für Equipment auf 50.000 bis 100.000 Euro.

Franziska Bischof ist Abfindungsbrennerin in vierter Generation. Die Edelbrennerei Bischof aus dem unterfränkischen Wartmannsroth hat bisher schon auf hochwertige Edelbrände gesetzt, aber ohne großen Marketingaufwand. Das ändert die junge Frau nun, die sich als „Franziska, die Brennerin“ vermarktet. Ihre aufwendigen und ausgezeichneten Produkte im modernen Design erschließen neue Zielgruppen. Bischof hofft darauf, dass Kunden Spirituosen künftig ähnlich beurteilen wie hochwertige Weine oder wie das aktuell im Trend liegende Craft-Bier. „Neue Abfindungsbrenner, die auf Qualität setzen, haben das gleiche Ziel wie ich, das hilft eher. Es ist viel Aufklärung nötig, merke ich bei Verkostungen. Kunden fehlt das Wissen: Viele wissen trotz des aktuellen Gin-Trends nicht, dass viele Gin nicht von einer Brennerei hergestellt werden, sondern nur aromatisierter Industriealkohol sind.“

Arno Dirker aus dem Kahlgrund im hessisch-bayrischen Grenzgebiet sieht es ähnlich. Der Quereinsteiger – der gelernte Zimmermann ist ein führender deutscher Edelbrenner – bedauert zwar, dass die Europäische Union eine kulturelle Tradition kaputtmacht. Er glaubt aber auch, dass sich künftig stärker „die Spreu vom Weizen trennen wird“. Dirker sagt: „Alkohol muss von einer Droge zu einem Genussmittel werden“ und zieht den Vergleich zum Reinheitsgebot für Bier. Dessen Ende habe auch nicht nur Nachteile gebracht.

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