KPMG-Gutachten

Kein Persilschein für Wirecard

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Das Sondergutachten der Wirtschaftsprüfer von KPMG zu Wirecard liegt endlich vor. In wesentlichen Fragen müssen die Prüfer aber passen. Der Aktienkurs bricht massiv ein.

 Es sollte Klarheit bringen in einen seit gut einem Jahr tobenden Streit zur Seriosität des Dax-Konzerns Wirecard. Die Rede ist von einem KPMG-Gutachten, an dem deren Wirtschaftsprüfer ein halbes Jahr gearbeitet haben. Der Zahlungsdienstleister aus Aschheim jubelt. „Belastende Vorwürfe gegen die öffentlich erhobenen Vorwürfe der Bilanzmanipulation wurden nicht gefunden“, erklärt Wirecard. Die Bilanzen für 2016, 2017 und 2018 müssten nicht korrigiert werden. Von KPMG monierte Schwächen in Dokumentation und Organisation würden bereits behoben. 

Das klingt beruhigend und entlastend. Dennoch ist die Wirecard-Aktie in einem allgemein aufwärts strebenden Dax um zeitweise gut ein Fünftel eingebrochen. Wer in den Prüfbericht blickt, versteht warum. Wirecard hat die 74-seitige Expertise auf einer Unternehmensseite veröffentlicht. Was man dort liest, widerspricht der Sichtweise des vermeintlich freigesprochenen Unternehmens und das bei zentralen Vorwürfen wie dem künstlich aufgeblähter Scheinumsätze. 

Solche wurden von der britischen Wirtschaftszeitung Financial Times (FT) in einer Serie von Artikeln identifiziert und als betrügerisch angeprangert. Es geht dabei um Geschäft in Form von Gebühren für bargeldlose Bezahlvorgänge, das dem Zahlungsdienstleister Wirecard über Partnerfirmen wie Al Alam aus Dubai in erheblichem Umfang vermittelt wird. 

2016 waren solche Beziehungen zu Dritten für die Hälfte der Wirecard-Gewinne verantwortlich. Brisant ist deshalb, was KPMG nun zu diesem Punkt ausführt. Hinsichtlich „Höhe und Existenz der Umsatzerlöse ... kann KPMG . in Bezug auf den Untersuchungszeitraum 2016 bis 2018 weder eine Aussage treffen, dass die Umsatzerlöse existieren, . noch die Aussage treffen, dass die Umsatzerlöse nicht existent . sind“, schreiben die Prüfer in einer fett gedruckten Passage ihres Gutachtens. 

Wirecard-Partner, die das Geschäft vermittelt haben, würden ihre Daten nicht herausrücken und sie damit einer Überprüfung entziehen. Wirecard selbst lägen sie nicht vor, was KPMG als „Mängel in der internen Organisation“ wertet. Damit sei es nicht möglich gewesen, die Existenz angeblicher Transaktionsvolumina oder manche Kundenbeziehung als solche nachzuvollziehen und zu verifizieren. KPMG äußert weitere Vorbehalte. Geprüft werden sollte auch, ob die Aschheimer bei einer Firmenübernahme in Indien einen überhöhten Kaufpreis ausgewiesen haben und ob Geld in dunklen Kanälen verschwunden ist. 

Aber KPMG konnte den wirtschaftlich Berechtigten strittiger Gelder nicht ermitteln. Auch in diesem Punkt war also schnell Schluss mit echter Nachprüfung. Der Vorwurf, dass beim Zukauf ein Mittelsmann im Spiel gewesen ist, sei nicht abschließend zu klären, räumen die Sonderprüfer ein. „Bei den von KPMG untersuchten Sachverhalten ist eine Häufung von Software-Verträgen ohne wirtschaftliche Substanz erkennbar“, heißt es an einer weiteren Stelle. Ein „übliches internes Kontrollsystem war in den Sachverhalten, die den Vorwürfen zugrunde lagen, nicht eingerichtet“, schreiben die Prüfer weiter. 

Verlangte Unterlagen habe Wirecard mehrere Monate verspätet oder gar nicht geliefert. Auf Vertragskopien hätten Unterschriften von Vertragspartnern gefehlt. Nach seriöser Rechnungslegung, die eines Dax-Konzerns würdig ist, klingt das nicht. Auch bei EY als regulärem Wirecard-Wirtschaftprüfer sind mit dem Prüfbericht nun offenbar Nachfragen aufgetaucht. Die für diesen Donnerstag vorgesehene Bilanzvorlage von Wirecard für 2019 wurde jedenfalls auf voraussichtlich Mai verschoben, erklärte Wirecard-Chef Markus Braun. EY müsse die Prüfungsarbeiten für 2019 erst noch unter Berücksichtigung Corona-bedingter Einschränkungen und auch des KPMG-Berichts abschließen. 

Weil KPMG noch weitere umfangreiche Datensätze auswerten müsse, werde ein wirklich vollständiger Prüfbericht auch erst in einigen Wochen vorliegen, sagt Braun. Er beharrt ungeachtet aller offenen Fragen darauf, dass alle Vorwürfe gegen sein Haus haltlos sind. Bei Anlegern und Börsianern bleiben indessen Zweifel. „Ein Persilschein und eine weiß gewaschene Weste ist es mit Sicherheit nicht“, urteilt Daniela Bergdolt über den KPMG-Prüfbericht. Die Aktionärsschützerin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) kann darin keinen Freispruch für Wirecard erkennen und hofft nun auf andauernde Ermittlungen von Staatsanwälten unter anderem in München.

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