Gut die Hälfte der Deutschen heizt mit Gas.
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Gut die Hälfte der Deutschen heizt mit Gas.

Gas-Preise

Kein günstiges Gas für Verbraucher

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
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Die Preise für den Brennstoff sinken. Möglich wird dies unter anderem durch die umstrittene Frackingmethode. Allerdings profitiert von den niedrigen Preisen hauptsächlich der Großhandel. Bei den Kunden kommt das günstige Gas kaum an.

Wann haben Sie sich zuletzt Ihre Gasrechnung angeschaut? Zugegeben, es ist nicht unbedingt der größte Spaß, die komplizierten Zahlenwerke zu studieren. Aber es wird sich in vielen Fällen lohnen. Denn beim Brennstoff für die Heizung und fürs Kochen können Verbraucher viel sparen. Das geht aus einer Studie des Beratungsbüros Energy-Comment im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion hervor. Denn die Gaspreise sinken. Allerdings nur im Großhandel. Bei den Kunden kommt davon wenig an. Die Tarife sind vielfach überhöht.

Der Gasmarkt in Europa war einst eine ziemlich träge Angelegenheit. Er war durch lange Lieferverträge gekennzeichnet. Mächtige Importeure dominierten. Sie hatten es sich in vielen Ländern in monopolartigen Strukturen bequem gemacht. Doch seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 ist einiges in Bewegung. Damals brach die Nachfrage ein. Im Großhandel gingen die Preise in den Keller. Zugleich stieg das Angebot: Mit der umstrittenen Frackingmethode sind vor allem in den USA, aber auch in Australien neue, riesige Ressourcen erschlossen worden. Das hat den gesamten Weltmarkt durcheinander gebracht. Die Vereinigten Staaten sind vom Importeur zum Exporteur geworden.

Dies macht sich auch in Europa bemerkbar. Denn zugleich hat sich der Transport des Brennstoffs in verflüssigter Form (LNG) mit Schiffen immer stärker durchgesetzt. Das bedeutete für Europa härteren Wettbewerb für das Pipelinegas, das aus Norwegen und Russland nach Deutschland transportiert wird. Der Preisdruck hat sich in jüngster Zeit noch einmal verschärft, da es beim Konkurrenzprodukt Heizöl heftige Abschläge gegeben hat. Milde Winter taten ein Übriges, um die Nachfrage nach Brennstoff zu drücken.

Rund 130 Euro zu viel bezahlt

Nach den Berechnungen von Energy-Comment lag der durchschnittliche Importpreis in Deutschland im ersten Halbjahr 2012 noch bei 2,95 Cent pro Kilowattstunde. Im zweiten Semester 2015 waren es noch 1,96 Cent. Gashändler und Stadtwerke, die Mitte Dezember kurzfristig einkauften, konnten den Brennstoff sogar für nur noch 1,59 Cent bekommen.

Doch bei den Endkunden sah es ganz anders aus. Für Abnehmer aus der Industrie ging es in den gut drei Jahren nur um 13 Prozent nach unten. Bei den Privatkunden bleiben die Preise sogar nahezu konstant (hierzulande heizt jeder zweite Haushalt mit Gas). Im vorigen Jahr lag der Durchschnittspreis bei 6,52 Cent pro Kilowattstunde. Er hätte aber aufgrund der günstigeren Einkaufskonditionen damals schon bei 6,07 Cent liegen können, schreibt Steffen Bukold, Autor der Studie. Dieses Jahr wären 5,72 Cent möglich gewesen. Stattdessen gab es nur einen Abschlag auf 6,38 Cent. Einem Musterhaushalt sind durch das Nichtweiterreichen der Großhandelspreise in diesem Jahr rund 132 Euro an Einsparungen fürs Heizen entgangen. Wobei die Unterschiede von Bundesland zu Bundesland groß sind. In NRW waren es sogar 157 Euro, in Sachsen-Anhalt 128, in Hessen nur 124 Euro, in Sachsen sogar nur 68 Euro. Nur in Berlin wurden als einzigem Bundesland die günstigen Konditionen weitergereicht.

Wer hat von der Trägheit der Preise profitiert? Die Antwort ist einfach: Gashändler und die Stadtwerke. Die Gewinnspannen der Unternehmen sind seit 2013 kontinuierlich gestiegen. Dieses Jahr brachte ihnen das zusätzliche Erträge von 1,3 Milliarden Euro – zu Lasten der Verbraucher.

Das Spiel setzt sich im neuen Jahr fort, obwohl nach den Zahlen des Verbraucherportals Verivox etwas stärkere Absenkungen zu erwarten sind. Von insgesamt 766 Anbietern haben 166 Preissenkungen angeboten. Die Abschläge liegen im Schnitt bei 4,6 Prozent. Hier gibt es vielfach noch Potenzial nach unten.

Für Bärbel Höhn, Energie- und Umweltexpertin in der Grünen-Bundestagsfraktion, sind die Mechanismen klar: „Die örtlichen Grundversorger senken selten ihre Preise, weil immer noch verhältnismäßig wenig Kunden wechseln.“ Grundversorger, das sind in der Regel Stadtwerke oder andere kommunale Unternehmen. Sie genießen einerseits bei den Bürgern häufig großes Vertrauen und nutzen andererseits Trägheit oder mangelnde Kenntnis beim Lieferantenwechsel aus. Nach den Zahlen der Bundesnetzagentur geht denn auch die Zahl der Haushalte, die sich einen günstigeren Anbieter suchen, seit 2011 zurück. Damals gab es noch knapp 940 000 Wechsler, voriges Jahr waren es nur noch 805.000.

Der Effekt: Die Grundversorger werden in ihrer starken Position bestärkt. Und die Wettbewerber orientierten sich bei ihren Konkurrenzangeboten dann an deren Tarifen, so Höhn. „Dies führt insgesamt zu einem hohen Preissegment in Deutschland.“ Der Wettbewerb kommt vielfach also einfach nicht in Gang. Höhn rät: „Wenn nicht im Laufe der nächsten Monate eine Preissenkung ankündigt ist, sollte man einen Wechsel seines Versorgers in Betracht ziehen.“

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