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Kein Geld für Kinder

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Von: Stefan Brändle

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Eine junge Französin mit ihrem Baby im Necker-Krankenhaus in Paris.
Eine junge Französin mit ihrem Baby im Necker-Krankenhaus in Paris. © afp

Frankreich hat traditionell die höchste Geburtenrate Europas. Doch jetzt bringen die Französinnen weniger Kinder auf die Welt. Deutschlands Wirtschafts- und Sozialmodell gilt plötzlich als Vorbild.

Der französischen Nationalstolz ist angekratzt. Seitdem das Statistikamt Insee diese Woche die neusten Geburtenzahlen publiziert hat, geht ein Lamento durchs Land: Nur noch 767 000 Geburten waren in Frankreich 2017 zu verzeichnen, 17 000 weniger als im Vorjahr. In den vergangenen drei Jahren zählten die französischen Statistiker insgesamt sogar einen Rückgang von 50 000 Geburten. Denn der Rückgang im abgelaufenen Jahr ist nicht der erste, sondern bereits der dritte in Folge. 

Vor 2015 war Frankreich in Europa noch unumstrittener Spitzenreiter bei der Geburtenrate. Nach der Finanzkrise von 2008 hatte sie bei über zwei Kindern pro Frau im gebärfähigen Alter gelegen. Jetzt bringen Französinnen im Schnitt „nur“ noch 1,88 Sprösslinge auf die Welt. Das liegt noch über dem EU-Schnitt von 1,58 Kindern pro Frau. Aber der Trend zeigt seit nunmehr drei Jahren klar nach unten. 

Der Nationalstolz ist auch deshalb getroffen, weil damit die bisherige Annahme, Frankreich (67,2 Millionen Einwohner) werde Deutschland (82,5 Millionen Einwohner) in einem halben Jahrhundert als bevölkerungsreichstes Land Europas ablösen, in weite Ferne rückt. Zumal die Deutschen wieder mehr Kinder als in den Jahren zuvor auf die Welt bringen und wieder die Schwelle von 1,5 Kindern pro Frau erreichen. Es sind vor allem die Gründe für diese Entwicklung in Frankreich, die den Pariser Demografen zu denken geben. Viele fragen sich, ob die ebenso ehrgeizige wie generöse Familienpolitik an Grenzen stoße.

Frankreich hatte das Kinderkriegen schon vor einem Jahrhundert zur Staatsaffäre erklärt, um den hohen Blutzoll der Weltkriege wettzumachen. Überall entstanden Krippen und Tagesschulen für – teils erst sechs Monate alte – Kleinkinder. Werktätige Erzeugerinnen gelten bis heute nicht als schlechte Mütter, sondern als gute Patriotinnen. 60 Milliarden Euro gab der Staat bislang für seine Familienpolitik aus. Kinderzulagen und Familienbeiträge, Steuervorteile und subventionierte Elternurlaube, Wohnhilfen und Reisevergünstigungen – nichts blieb unversucht, um die Einwohnerzahl anzukurbeln.

Es fehlt an Mitteln

Allerdings fehlen der Grande Nation heute zunehmend die Mittel für die teuren Hilfen. Der Geograph Laurent Chaland rechnete diese Woche vor, dass seit 2005 landesweit nur 50 000 neue Krippenplätze entstanden seien, während Deutschland im gleichen Zeitraum derer 400 000 erstellt habe. Deutsche Mütter würden gezielt unterstützt, während die Französinnen zum Teil unabhängig von ihrem Einkommen die gleichen Zulagen erhielten. Die Familienpolitik ist in Frankreich nicht sozial, sondern „natalistisch“ ausgerichtet, das heißt gleich für alle. Das bringt die Gefahr mit sich, dass bedürftige Mütter zuwenig unterstützt werden, wohlhabende Familien dagegen Zulagen erhalten, die sie gar nicht brauchen.

Der Abgeordnete Guillaume Chiche, Parteikollege von Präsident Emmanuel Macron, schlägt nun in Vorwegnahme eines neuen Regierungsberichtes vor, wie Deutschland mehr soziale Kriterien bei der Verteilung der Kinder- und Familienzulagen zu berücksichtigen. Das wäre ein Bruch mit der französischen Geburtenpolitik, ja „das Ende des französischen Modells“, bedauert die Zeitung „Le Figaro“.

Langfristig muss aber jeder Versuch, eine schwache Wirtschaftsleistung durch hohe Kinderzulagen zu kompensieren, um die Geburtenrate hochzuhalten, zum Scheitern verurteilt sein: Damit der Staat die Familien großzügig subventionieren kann, muss er über die entsprechende Finanzkraft verfügen.

In Frankreich wurde diese Entwicklung lange Zeit wettgemacht durch die leicht höhere Geburtenrate (2,4 Kinder pro Frau) von Immigrantinnen, die in dem ehemaligen Kolonialland zahlreicher sind als in der europäischen Nachbarschaft. Laut Insee fällt dieser Umstand aber kaum mehr ins Gewicht: Schon ab der zweiten Einwanderergeneration passt sich die Kinderzahl dem nationalen Durchschnitt an. Das mag jene Franzosen beruhigen, die Angst vor einer „Überfremdung“ haben. Bald dürfte die Nation froh sein, wenn wenigstens noch die eingewanderten Frauen Kinder bekommen und die Einwohnerzahl etwas hochtreiben. Auch mit dieser Einstellung nähert sich Frankreich Deutschland an.

Gemeinsam ist den beiden Ländern ferner, dass die Französinnen sich ebenso wie die deutschen Frauen mit dem Kinderkriegen immer mehr Zeit lassen – im Durchschnitt bringen sie ihren Nachwuchs erst mit 30,6 Jahren zur Welt. Jüngere Frauen sind häufig schlicht nicht in der Lage, die finanziellen Mittel für ein Kind aufzubringen. 

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