Mehr als die Hälfte der rund 150 000 Beschäftigten der Friseurbranche erhält nur den Mindestlohn.
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Mehr als die Hälfte der rund 150.000 Beschäftigten der Friseurbranche erhält nur den Mindestlohn.

Friseurkette Klier

Kein Freund von Betriebsräten

  • vonHermannus Pfeiffer
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Die Friseurkette Klier setzt sechs Arbeitnehmervertreterinnen vor die Tür. Nun sind die Gerichte am Zug.

Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns den Betriebsrat klaut!“ Zwei Dutzend Friseurinnen demonstrierten kürzlich vor dem Arbeitsgericht in Hamburg. Ihre Unterstützung galt sechs Mitarbeiterinnen der Friseurkette Klier, allesamt Betriebsrätinnen. Die Firmenleitung will den Betriebsrat der Region Hamburg/Schleswig–Holstein vor die Tür setzen. Im ersten Prozess gegen eine der Belegschaftsvertreterinnen gab gestern (07.07.2020) der Vorsitzende Richter Reinhard allerdings „nicht die Zustimmung“ zur Kündigung.

Das Unternehmen aus Wolfsburg sieht sich als „größte Friseurfamilie Europas“. Klier Hair Group GmbH beschäftigt nahezu 10 000 Menschen in 1486 Salons. Zum Konzern gehören bekannte Marken wie „Essanelle“, „Super Cut“ oder „Styleboxx“. Pro Tag werden nach Firmenangaben mehr als 50 000 Kunden verschönert. Außerdem gibt es einen Webshop und eine eigene Logistiksparte. Klier ist in der dritten Generation familiengeführt.

Im Handwerk sind Ketten wie Klier ungern gesehen. Oft bieten sie ihre Dienstleistungen zu Billigpreisen an. Gleichzeitig können sie hohe Mieten in günstigen Lagen zahlen, weil sie aus einzelnen Salons weniger Gewinn ziehen müssen als eine Friseurmeisterin, die von ihren Einnahmen lebt. So unterhalten zwei Dutzend Ketten bundesweit rund 10 000 Filialen. Nach Angaben der Berufsgenossenschaft stehen ihnen 75 000 kleinere Handwerksbetriebe gegenüber.

Bis zur Corona-Krise entwickelte sich die Branche insgesamt gut. Die Preise stiegen schneller als die allgemeine Preisentwicklung. In den Damensalons lag der Umsatz 2019 bei durchschnittlich 55 Euro; männliche Kunden „investierten“ immerhin 22 Euro pro Besuch. Die Branche erwirtschaftete im vergangenen Jahr rund sieben Milliarden Euro, ein Plus von einer Milliarde innerhalb von nur sieben Jahren. Trotzdem ist die Lage vieler Beschäftigter prekär. Der Friseurberuf ist in Deutschland traditionell einer der am niedrigsten entlohnten Berufe. Mehr als die Hälfte der rund 150 000 Beschäftigten erhält nur den Mindestlohn.

Vorwurf: Arbeitszeitbetrug

Der Betriebsrat von Klier vertritt seit seiner Gründung 2013 die Interessen von über 100 Beschäftigten in 17 Salons in Hamburg und Schleswig-Holstein. Viele Verbesserungen für die Beschäftigten konnten jedoch erst vor Gericht durchgesetzt werden, berichtet Verdi-Sekretär André Kretschmar. Anfang des Jahres eskalierte dann der Streit. Klier verdächtigte die sechs Frauen des „Arbeitszeitbetruges“. Die wöchentlichen Sitzungen im Hamburger Gewerkschaftshaus hätten laut Reisekostenabrechnungen nicht immer volle acht Stunden gedauert. Die Betroffenen konterten: Sitzungen müssten auch vor- und nachbereitet werden.

Klier wolle „in keiner Weise die Bildung von Arbeitnehmervertretungen verhindern oder Mitbestimmungsrechte einschränken“, versichert ein Sprecher nun auf Nachfrage der Frankfurter Rundschau. Gewerkschaftssekretär Kretschmar widerspricht. „Die Kündigungen gehören aus unserer Sicht zu einem Bündel von Maßnahmen gegen Betriebsratsarbeit.“ So liefen in den Klier-Regionen Berlin und Hannover an die zwanzig Gerichtsverfahren, in denen es um Betriebsräte geht. Und auch in Hamburg stehen während des Sommers noch fünf weitere Verfahren vor dem Arbeitsgericht an. Klier will erst nach der schriftlichen Urteilsbegründung entscheiden, ob Beschwerde vor dem Landesarbeitsgericht eingelegt werden soll.

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