Markus Braun
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Markus Braun

Wirecard

Kaution statt Haft

  • Thomas Magenheim-Hörmann
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Markus Braun ist Mitgründer, Großaktionär und langjähriger Chef des Finanzdienstleisters Wirecard. Nach dem Verschwinden von 1,9 Milliarden Euro hat die Staatsanwaltschaft München ihn festnehmen lassen.

Bis zum Ende der vorigen Woche war Markus Braun noch Vorstandschef des Dax-Konzerns Wirecard. Nun wurde der 50-jährige Österreicher in München festgenommen. „Er hat sich selbst gestellt, nachdem er vom Haftbefehl gegen sich erfahren hat“, erklärte Oberstaatsanwältin Anne Leiding von der Staatsanwaltschaft München I. Der Manager sei dazu eigens von Wien nach München angereist. Die Justiz wirft ihm vor, Bilanzsumme und Umsatzvolumen von Wirecard durch vorgetäuschte Einnahmen aufgebläht zu haben, um das Unternehmen finanzkräftiger und attraktiver darzustellen, als es war. Im Fokus der Ermittlungen stehen gut 1,9 Milliarden Euro, die der Zahlungsdienstleister auf nicht aufzufindenden Konten auf den Philippinen deponiert haben will.

Wirecard hält es mittlerweile für sehr wahrscheinlich, dass die enorme Summe verschwunden ist oder nie existiert hat. Wegen des Verdachts auf Marktmanipulation ermitteln die Münchner Staatsanwälte schon seit Wochen gegen den gesamten, damals vierköpfigen Wirecard-Vorstand. Nun kommt zumindest im Fall von Braun mit dem Vorwurf der unrichtigen Darstellung mindestens ein weiteres Wirtschaftsdelikt dazu. Ob die Liste der Vorwürfe noch durch Betrug und Bilanzfälschung angereichert wird, ist offen. Man stecke noch mitten in den Ermittlungen, erklärte Leiding.

Ausgelöst worden sei der Haftbefehl gegen Braun durch eine Wirecard-Mitteilung in der Nacht auf Montag. Der Konzern hatte darin das höchstwahrscheinliche Verschwinden der 1,9 Milliarden Euro eingeräumt und kurz danach dann auch den schon beurlaubten Vorstand Jan Marsalek fristlos gefeuert. Ob auch gegen ihn Haftbefehl erlassen wurde und er auf der Flucht ist, wollte Leiding weder bestätigen noch dementieren.

Marsalek ist wie Braun Österreicher und lebt in der Alpenrepublik. Ein Aufenthaltsort im Ausland gilt wegen Fluchtgefahr vielfach als Grund für einen Haftbefehl. Zu den Haftgründen im Fall von Braun wollte Leiding am Dienstagmorgen allerdings nur sagen, dass hinreichender Tatverdacht bestehe. Am Nachmittag teilte die Staatsanwaltschaft dann mit, dass Braun von der Ermittlungsrichterin gegen Zahlung einer Kaution von fünf Millionen Euro auf freien Fuß gesetzt wurde.

Hoch geflogen, tief gefallen

Wirecard war lange ein ausgesprochener Börsenliebling und konnte als solcher im Herbst 2018 die altehrwürdige Commerzbank aus dem Dax verdrängen. Um diese Zeit erreichte auch der Aktienkurs des Aufsteigers mit gut 193 Euro seinen Höhepunkt. Wirecard galt als eine der raren deutschen Erfolgsgeschichten im Bereich Internettechnologie. Die Technik des Konzerns regelt bargeldlosen Zahlungsverkehr zwischen Händlern aller Art und deren Kunden.
Der Konzern kämpft jetzt um seine Existenz. Der Börsenkurs liegt deutlich unter 20 Euro je Aktie, obwohl die Inhaftierung des früheren Firmenchefs Markus Braun für ein mehrprozentiges Kursplus gesorgt hat. Der Börsenwert beträgt noch rund 2,5 Milliarden Euro und damit etwa ein Zehntel einstiger Dimensionen. Allein in den letzten Tagen ist er um gut zehn Milliarden Euro gesunken. Das Überleben von Wirecard hängt kurzfristig an Bankkrediten. tma

Braun und Marsalek stehen im Zentrum des Wirtschaftskrimis um Wirecard. Marsalek war unter anderem verantwortlich für die Auswahl eines Treuhänders, der für Wirecard auf den Philippinen Treuhandkonten mit angeblich gut 1,9 Milliarden Euro eröffnet haben will. Die Konten gibt es aber nicht, haben dortige Banken klargestellt. Der Treuhänder stand schon vor seiner Tätigkeit für Wirecard in zweifelhaftem Ruf. Er hatte für das philippinische Verkehrsministerium gearbeitet und war 2018 von Staatspräsident Rodrigo Duterte wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten entlassen worden.

Wirecard steht schon seit Jahren unter Manipulationsverdacht, hatte sich aber stets als unschuldiges Opfer böswilliger Spekulanten bezeichnet. Besonders Braun hatte Vorwürfe, die Bilanzen manipuliert zu haben, immer wieder als diffamierend und irreführend dementiert. Sehr konkret wurden die Vorwürfe Anfang 2019 mit einer Serie von Enthüllungsberichten der britischen Finanzzeitung „Financial Times“ (FT), die im Wesentlichen das beschrieben haben, was nun im Zentrum der Ermittlungen steht.

Demnach hat Wirecard vor allem in Asien mit sogenannten Drittpartnern kooperiert, die in manchen Geschäftsjahren für große Teile der ausgewiesenen Umsätze und Gewinne gesorgt haben sollen. Wirecard verfügt als Zahlungsdienstleister über eine Banklizenz – aber nicht in allen Ländern. Wo sie fehlt, kooperiert der Dax-Konzern aus Aschheim mit Drittpartnern, die über eine solche Lizenz verfügen. Bei drei dieser rund 100 Partner hat die FT Hinweise auf vorgetäuschte Geschäfte im großen Stil gefunden, was deutsche Aufsichtsbehörden lange nicht sonderlich interessiert hat.

Die Finanzaufsicht Bafin hatte 2019 vielmehr zeitweise ein Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien erlassen, Anzeige gegen Spekulanten erstattet und sich damit hinter Wirecard und das Management um Braun gestellt. Umgeschwenkt ist die Bafin erst vor kurzem mit einer zweiten Anzeige, diesmal gegen Wirecard. Vorangegangen war ein Report der Wirtschaftsprüfer von KPMG, die beim Dax-Konzern erhebliche Bilanzierungsmängel festgestellt hatten. KPMG konnte nicht verifizieren, ob wesentliche Teile des Geschäfts wirklich existieren oder nur vorgetäuscht sind.

Die Braun vorgeworfenen Delikte können bei einer Verurteilung mehrjährige Haftstrafen nach sich ziehen. Das drohende Strafmaß hänge von den mit Hochdruck laufenden Ermittlungen und den sich am Ende ergebenden Vorwürfen ab, sagte Leiding. Braun hat sich bis zuletzt stets als Opfer von Betrügern und nicht als Täter dargestellt. Leicht werden die Ermittlungen nicht, denn sie führen auch auf die Philippinen, weshalb Rechtshilfeersuchen nötig sind, erklärte Leiding.

Geklärt werden muss insbesondere die Rolle des philippinischen Treuhänders und von Mitarbeitern der beiden philippinischen Banken mit den angeblichen Treuhandkonten für die 1,9 Milliarden Euro. Im Fokus stehen zudem drei Wirecard-Drittpartner, allen voran Al Alam aus Dubai. Das Unternehmen hat sich im Mai überraschend aufgelöst, was die Ermittlungen zusätzlich erschwert.

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