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Eine ehrenamtliche Helferin (l) versucht, im Repair Café in Berlin-Spandau zwei jungen Leuten bei der Reparatur eines CD-Players zu helfen.

Konsumkritik

Kauf nichts am Kauf-Nix-Tag

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Unsere Wirtschaft lebt vom Konsum, doch die Welt ist endlich. Deshalb forschen Wachstumskritiker nach einer anderen Art von Ökonomie. Und auch Verbraucher sind gefragt: Am Kauf-Nix-Tag können sie ihren Lebensstil überdenken.

Was endlos wächst, sprengt irgendwann seinen Rahmen. Auch die Wirtschaft. Während Deutschland seinen Konjunkturboom feiert und weltweit der nächste Aufschwung an Fahrt gewinnt, werden die Grenzen des ewigen Wachstums überall sichtbar – beim Klima, bei den Rohstoffen, in Meeren, Böden und der Luft. Irgendwie ist klar, dass es so nicht weitergehen kann. Unklar ist gleichzeitig, wie es anders gehen soll. Das zu erforschen, hat sich eine kleine Schar von Wachstumskritikern zur Aufgabe gemacht. Am heutigen Samstag ist ihr Tag: der Kauf-Nix-Tag.

Das aktuelle Wirtschaftssystem ist auf Wachstum ausgelegt. Unternehmen streben nach Expansion, Umsatz- und Gewinnsteigerung. Schon ein leichter Rückgang der Produktion wird mit tiefen Krisen und Arbeitslosigkeit bezahlt. Es muss aufwärts gehen, immerzu. „Die gute Wirtschaftslage ist kein Freifahrtschein zum Ausruhen auf Erreichtem“, mahnt der deutsche Industrieverband und fordert von der Politik „Wachstumsvorsorge“. Schnelleres Internet und bessere Bildung, sichere Straßen, stabile Energienetze, eine stabile Regierung – alles soll dem Mehr dienen.

Doch mehr Wirtschaftsleistung bedeutet mehr Materialverbrauch, mehr Klimagasemission und Umweltverschmutzung, bedeutet gerodete Regenwälder und überfischte Meere. Die Welt ist endlich, sowohl als Ressource wie als Schadstoffdeponie. Gemessen am Kriterium der Nachhaltigkeit, leben insbesondere die Menschen in den reicheren Ländern bei weitem über ihre ökologischen Verhältnisse – und zwar umso mehr, je reicher sie sind.

Wenige Ökonomien kümmern sich um Grenzen des Wachstums

Beispiel Klimaschutz: Soll das Zwei-Grad-Celsius-Klimaschutzziel noch erreicht werden, stehen jedem Deutschen im Durchschnitt 2,7 Tonnen CO2 pro Jahr zur Verfügung, so Wachstumskritiker Niko Paech. Der reale Ausstoß liege bei dem Vierfachen. Milliarden Menschen leiden unter Wassermangel – dabei verbraucht jede Jeans bei ihrer Produktion rund 8000 Liter Wasser, errechnet die niederländische Universität Twente, ein Kilo Rindfleisch sogar über 15 000 Liter. Würden die Menschen in den armen Ländern leben wie hierzulande, gäbe es zwar keine Flüchtlingswellen, dafür wäre das Ökosystem aber wohl schon ruiniert.

Die Mehrzahl der Ökonomen kümmert sich um die Bedingungen des Wachstums, nicht um seine Grenzen. „Privat ist das für mich ein Thema, beruflich nicht“, sagt der Chefvolkswirt einer Bank, der damit aber nicht namentlich zitiert werden möchte. Die Hoffnungen ruhen auf einer Entkopplung von Wachstum und Umweltverbrauch, auf einem grünen Wachstum, das immer weiter gehen kann. Doch das bleibt eine Illusion, da jede Effizienzsteigerung durch Mehrverbrauch überkompensiert wird. „Eine dauerhafte Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch ist schlicht unmöglich“, urteilt James Ward von der University of South Australia.

In eine andere Richtung deutet der Kauf-Nix-Tag: Laut seinen Initiatoren sollen die Menschen am letzten Samstag im November innehalten und vom Einkauf Abstand nehmen. Es ist „ein Tag, unseren konsumorientierten Lebensstil zu überdenken“, so Paech. Denn die Wachstumsparty sei vorüber.

Andere Bedingungen müssen von der Politik gesetzt werden

Die Wirtschaftsleistung müsste also schrumpfen. Doch der Ökonom Branko Milanovic hält das für nicht machbar. Wüchsen die Einkommen nicht mehr und bliebe die globale Verteilung der Einkommen gleich, so würde damit ein Viertel der Menschheit zu dauerhafter extremer Armut verurteilt, rechnet Milanovic vor. Würde man dagegen – über welche Wege auch immer – die aktuelle globale Wirtschaftsleistung so umverteilen, dass alle Menschen auf dem Globus gleich viel haben, so müssten die Menschen im reichen Westen im Durchschnitt fast zwei Drittel ihres Wohlstands aufgeben.

Dem widerspricht Jason Hickel von der London School of Economics. Erstens sei Schrumpfung nicht so schlimm, wie sie klinge. Schließlich liege die Wirtschaftsleistung pro Kopf der Bevölkerung in Europa 40 Prozent unter der in den USA, ohne dass hier durchgängig katastrophale Zustände herrschten. Vor allem aber gehe es den Wachstumskritikern gar nicht um eine Umverteilung des bestehenden Reichtums bei gleichbleibender Produktion. Dies sei schon deswegen nicht möglich, weil das aktuelle System auf Kredit beruhe, der Zinsen und mithin Wachstum benötige. Eine Schrumpfung würde unweigerlich eine Finanzkrise heraufbeschwören. „Die nötigen Veränderungen sind nicht mit der Logik der existierenden Ökonomie vereinbar“, schreibt Hickel, „wir brauchen eine andere Art von Ökonomie.“

Laut Paech verbleibt als Option lediglich ein gemessen an europäischen Verhältnissen drastisch verkleinertes Industriesystem. Die Lebensdauer von Gebrauchsgegenständen müsse verlängert werden durch Reparatur-Netzwerke, Umbau oder Instandhaltung. Weitere Elemente seien Verschenk- und Tauschbörsen, die den individuellen Verbrauch reduzieren. Dazu kämen Formen der Selbst- oder Kollektivversorgung über Haus- oder Gemeinschaftsgärten als Teil einer lokaleren Produktion – eine Tomate darf nicht um die Welt zum Konsumenten reisen. Auf Dinge wie große Autos oder Flugreisen muss schlicht verzichtet werden. Während Paech also für Verzicht plädiert, fordert Hickel weniger eine Verringerung als eine Verbesserung der Produktion, bei der das Wohlergehen der Menschen im Vordergrund stehe und nicht „höhere monetäre Einkommen“.

Noch befinden sich diese Überlegungen im Anfangsstadium. Viel Begeisterung wecken sie bislang nicht, da die Menschen „die Ziele, die den Kapitalismus florieren lassen, vollständig akzeptiert haben“, so Milanovic. Doch der Kauf-Nix-Tag könnte Anlass sein, den eigenen Verbrauch zu hinterfragen. Individuelle Lösungswege wie verantwortungsvoller Konsum allein werden das große Problem allerdings nicht lösen, schon weil die Verbraucher damit überfordert sind. Denn sie wissen schlicht nicht, wie viel Ausbeutung und Umweltbelastung im Gut steckt. „Zum überwiegenden Teil verfügen die Verbraucher nicht über die nötigen Informationen“, so die österreichische Ökonomin Fiona Schweitzer. Gegenüber den Produzenten seien sie stets im Nachteil.

Daher bleibt die Politik in der Verantwortung, andere Bedingungen zu setzen. Druck machen können die Menschen allerdings schon: „Die 40-Stunden-Woche wurde nicht erkämpft, weil die Ausbeuterfirmen damals boykottiert worden wären“, schreibt der Ökonom Nico Beckert auf dem Blog Makroskop. „Sondern weil sich die Arbeiter zu Gewerkschaften zusammengeschlossen haben.“

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