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In den Reisfeldern am großen Strom: Thuy Thi Luong weiß nicht, wie sie ihre beiden Kinder künftig ernähren soll.

Vietnam

Katastrophe auf den zweiten Blick

Noch sind die Reisfelder saftig grün, suhlen sich die Wasserbüffel im Matsch – doch kaum ein Ort auf der Welt ist stärker vom Klimawandel bedroht als das Mekongdelta in Vietnam. Auf dem Klimagipfel in Madrid entscheiden die Politikerinnen und Politiker ab heute auch über die Zukunft einer Region, in der Lebensmittel für rund 200 Millionen Menschen angebaut werden.

Klimawandel? Thuy Thi Luong schaut irritiert und zupft verlegen an ihrem Strohhut. Nein, mit diesem Begriff kann sie offensichtlich nichts anfangen. Doch fragt man die Reisbäuerin aus dem kleinen Dorf Vinh Hung im Herzen des Mekongdeltas, ob sich das Wetter gegenüber früher verändert hat, dann muss sie nicht lange nachdenken. „Das Wetter macht was es will. Man kann es nicht mehr vorhersagen“, klagt die 39-Jährige. „Früher gab es die Regenzeit mit Regen und die Trockenzeit “, erinnert sie sich. „Aber heute bleibt es auch in der Regenzeit für lange Zeit trocken und in der Trockenzeit regnet es plötzlich.“ Es gebe mehr Stürme, mehr heftige Regengüsse. „Ich weiß nicht, wie lange ich überhaupt noch Reis anbauen kann“, sagt die Mutter zweier Kinder.

Wenn die Politikerinnen und Politiker aus aller Welt ab dem heutigen Montag in Madrid erneut über Maßnahmen zum Klimaschutz beraten, dann geht es letztlich auch um die Zukunft von Reisbäuerin Thuy Thi Luong. Vietnam gehört zu den zehn am stärksten vom Klimawandel bedrohten Ländern weltweit. Die Durchschnittstemperatur ist hier in den vergangenen 50 Jahren doppelt so stark gestiegen wie im weltweiten Durchschnitt. Durch die über 3000 Kilometer lange Küste ist das asiatische Land extrem verwundbar. Verstärkt wird der Gefahr, weil vielerorts die schützenden Mangrovenwälder abgeholzt wurden – insbesondere im Mekongdelta. Taifune zerstören immer wieder ganze Landstriche.

Die Folgen des Klimawandels sind im Mekongdelta nicht auf den ersten Blick zu sehen. Die Reisfelder sind saftig grün, Wasserbüffel suhlen sich im Matsch, Frauen mit den typischen kegelförmigen Strohhüten verkaufen Waren am Straßenrand, auf den unzähligen Flussarmen und Kanälen tuckern Schiffe. Doch der schöne Schein trügt. „Wenn wir nichts unternehmen, wird bis 2050 fast 40 Prozent des Mekongdeltas überflutet sein“, sagt Klimaexperte Tran Thuc, der 2015 für die kommunistische Regierung an den Weltklimaverhandlungen in Paris teilgenommen hat.

Intensive Nutzung des Mekong durch alle Anrainer-Staaten

Andere Studien kommen sogar zu dem Ergebnis, dass 2050 das gesamte Delta im Meer versunken sein wird – inklusive eines Fünftels der Millionenmetropole Ho-Chi-Minh-Stadt. Die kommunistische Führung des Landes tut das zwar als Panikmache ab. Doch selbst deren konservative Schätzung wäre eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes: Denn das Mekongdelta – das weltgrößte Flussdelta – ist nicht nur die Heimat von 18 Millionen Menschen. Hier werden Reis, Gemüse und Obst für rund 200 Millionen Menschen angebaut. Das Delta ist nicht nur die „Reisschüssel“ Vietnams, sondern das Hauptanbaugebiet von Nahrungsmitteln für einen großen Teil Südostasiens.

Warum gerade diese Region so vom Klimawandel betroffen ist, hat mehrere Gründe. Zum einen steigt der Meeresspiegel durch das Abschmelzen der Polkappen. Erwartet wird ein Anstieg von bis zu einem Meter bis zum Ende des Jahrhunderts. Die Auswirkungen sind schon heute zu besichtigen. Durch die fehlenden Mangroven, die normalerweise wie ein Damm wirken, würden pro Jahr an vielen Stellen des Deltas 20 bis 50 Meter Küste einfach weggespült, berichtet Kirsten Hegener von der bundeseigenen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die im Auftrag der Bundesregierung in Vietnam bei zahlreichen Klimaschutzprojekten hilft.

Im Herzen des Mekongdeltas: Die Zukunft von rund 18 Millionen Anwohnerinnen und Anwohnern ist völlig ungewiss.

Von der Küste des Mekongdeltas mit einer Gesamtlänge von 720 Kilometern ist schon weit über die Hälfte so erodiert, dass dringend Schutzmaßnahmen nötig sind. Allein der Anstieg des Ozeans wäre für ein Gebiet, das weniger als einen Meter über dem Wasserspiegel liegt, ein ernstes Problem. Im Fall des Mekongdeltas kommen aber mehrere andere Probleme hinzu. Denn parallel zum Anstieg des Meeres sinkt die Landfläche auch noch ab. Vermutet wird, dass wegen des starken Bevölkerungswachstums und der intensiven Landwirtschaft zu viel Grundwasser abgepumpt wird, weshalb der Boden nach unten nachrutscht.

Erschwerend kommt eine Entwicklung hinzu, die nichts mit dem Klimawandel zu tun hat: Die intensive Nutzung des Mekong durch alle Anrainer-Staaten. Derzeit gibt es in China, Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam am Mekong und seinen Zuflüssen insgesamt 74 Staudämme mit Wasserkraftwerken. Die Zahl soll sich bis 2040 auf 146 verdoppeln und dann bis 2060 sogar auf 168 steigen. Die Dämme verhindern, dass im Mekongdelta genug Süßwasser ankommt. Auch dadurch kann das Meerwasser immer tiefer in das Delta eindringen.

Noch verheerender für das Flussdelta ist aber eine andere Folge der Staustufen: Normalerweise führt der Mekong tonnenweise Lehm, Sand und andere Sedimente mit sich, die sich im Mekong -Delta wieder ablagern und so den Landabtrag durch das Meer kompensieren. „Durch die Dämme wird bis 2040 nur noch fünf Prozent der ursprünglichen Menge an Sedimenten im Delta ankommen“, erklärt Do Duc Dung, Direktor des Instituts für Wasserressourcen in Ho-Chi-Minh-Stadt. Die Effekte aus Klimawandels und intensive Wassernutzung verstärken sich also gegenseitig. „Die Erosion und die Versalzung durch Meerwasser wird immer schlimmer“, berichtet der Experte.

„Heute bleibt es auchin der Regenzeit für lange Zeit trocken und in der Trockenzeit regnet es plötzlich.“

Thuy Thi Luong Reisbäuerin

Der Schutz der Küste ist nach Ansicht von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine der wichtigsten Maßnahmen, um die Folgen zumindest abzumildern. Zusammen mit Hilfsorganisationen aus Australien hat die GIZ in den vergangenen Jahren Methoden zur Aufforstung von Mangroven entwickelt. Als sehr wirksam, leicht herzustellen und kostengünstig haben sich schmale Zäune aus Bambusstangen und geflochtenen Ästen erwiesen, die im flachen Meerwasser errichtet werden. Sie dienen als Wellenbrecher und halten Sand zurück. Dadurch wird das Meer schrittweise zurückgedrängt. Auf der verlandeten Fläche können dann schnell wachsende Mangroven angepflanzt werden.

Eines der Pilotprojekte befindet sich in der Provinz Kien Giang dicht an der Grenze zu Kambodscha. Tong Nhat Anh zeigt alte Fotos. Auf ihnen ist zu sehen, dass man noch vor ein paar Jahren von seinem Haus direkt aufs Meer schauen konnte. „Wenn das salzige Meerwasser kam, haben wir gleich die gesamte Ernte verloren“, erinnert sich der 66-Jährige, der früher als Soldat gedient hat und heute Reis, Bananen und Gemüse anbaut. Nun liegt zwischen seinem Grundstück und dem Meer ein etwa 200 Meter breiter, undurchdringlicher Mangrovenwald. „Seitdem hat es keine Überschwemmungen mehr gegeben“, sagt der Vietnamese.

Nahe der Grenze zu Kambodscha: Ein Mangrovenwald wurde wieder aufgeforstet.

Die Methode soll jetzt schrittweise an der gesamten Küste im Mekongdelta angewendet werden, doch dafür fehlt dem Land das Geld. Die Sicherung kostet nach Schätzungen immerhin bis zu einer Milliarde Euro. „Wir schaffen das nicht allein, deshalb sind wir auf internationale Hilfe angewiesen“, räumt ein Parteifunktionär ein. Die planungsverliebte Parteiführung hat aber zumindest schon den „Mekongdelta-Master-Plan“ erarbeitet. Die Bevölkerung oder Umweltgruppen wurden daran allerdings nicht beteiligt. Einige Nichtregierungsorganisationen werden zwar geduldet, doch sie dürfen allenfalls kleinere lokale Umweltprojekte betreuen, bei denen sie der kommunistischen Führung nicht in die Quere kommen.

Da im Mekongdelta der Küstenschutz allein nicht ausreichen wird, um mit dem Klimawandel fertig zu werden, setzt die Führung parallel auf eine andere Strategie: Die Anpassung. „Wir sind auf die wirtschaftliche Nutzung des Mekongdeltas angewiesen, aber wir müssen sie neu justieren“, meint der Direktor des Wasser-Instituts. „Bisher stand Reis an erster Stelle, dann Früchte und dann Shrimps. Wir müssen die Priorität umdrehen: Zuerst Shrimps, dann Früchte, dann Reis.“ Reis wird aus zwei Gründen nur noch eine kleinere Rolle zugebilligt. Er braucht extrem viel Süßwasser, das es im Delta nicht mehr ausreichend gibt.

„Wenn wir nichts unternehmen, wird bis 2050 fast 40 Prozent des Mekong-Deltas überflutet sein.“

Tran Thuc, Klimaexperte.

Etwa fünf Kubikmeter Wasser werden für die Produktion von einem Kilo Reis verbraucht. Zudem gilt Reis geradezu als Klimakiller, wie Expertin Hegener von der GIZ erläutert. Da der Reis fast die gesamte Wachstumszeit im Wasser steht, bildet sich durch Bakterien Methangas, das 20 Mal klimaschädlicher ist als Kohlendioxid. Unterstützt von der GIZ wird versucht, den Wasser- und Düngerverbrauch durch neu entwickelte Anbaumethoden zu reduzieren. Doch bis die modernen Methoden in einem größeren Maße von den Bäuerinnen und Bauern angewendet werden, dürfte noch einige Zeit vergehen. Bisher gibt es lediglich Pilotprojekte.

Das Parteimotto „Shrimps first“ haben viele Bäuerinnen und Bauern dagegen schon beherzigt – zwar mischt sich die Regierung nicht mehr direkt in die Privatwirtschaft ein, doch gerade auf dem Land ist der Einfluss der kommunistischen Kader groß. Überall sieht man Becken, in denen Garnelen gezüchtet werden. Shrimps gelten als idealer Ersatz für den Reisanbau im Mekongdelta, weil dabei aus der Not eine Tugend gemacht wird: Das immer weiter ins Inland drängende Meer liefert genau das Brackwasser, das die Shrimps benötigen. Außerdem gilt die Produktion als wesentlich klimafreundlicher als der Reisanbau.

Umweltverträglich ist die Garnelenzucht deshalb noch lange nicht: Häufig setzen die Züchter hohen Mengen an Antibiotika ein, um die empfindlichen Tiere vor Krankheiten zu schützen. Auch im Mekongdelta liegen am Rand der Becken oft säckeweise Hormonmittel und Antibiotika. Reisbäuerin Thuy Thi Luong wird sich möglicherweise auch bald umstellen müssen. „Verwandte aus anderen Dörfern näher an der Küste haben mir erzählt, dass das Wasser immer salziger wird“, sagt sei. „Wenn meine Nachbarn zu Shrimps wechseln, kann ich von ihnen lernen, wie das geht“, hofft sie.

Ob sie denn glaube, dass ihre Kinder noch eine Zukunft im Mekongdelta haben, auch wenn das Wetter künftig noch verrückter spielt? Über diese Frage schüttelt sie den Kopf: „Natürlich. Sie werden hier leben und arbeiten wie ihre Eltern.“ Do Duc Dung, der Direktor des Wasserforschungsinstituts, dürfte auch derartige Sätze seiner Landsleute im Kopf haben, wenn er mahnt: „Wir dürfen das Mekongdelta nicht versinken lassen.“

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