Der Bremer IT-Experte Amir Karimi greift den Kassenzettel an. Eckhard Stengel
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Der Bremer IT-Experte Amir Karimi greift den Kassenzettel an.

Digitalisierung

Kassenbon: Schluss mit der Zettelwirtschaft

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Ein Bremer Start-up entwickelt eine App, die Kassenbons digital speichert und verwaltet. Der Handelsverband Deutschland ist interessiert, hat aber auch eine Befürchtung.

Alles begann mit einer Kassenschlange. Der Bremer IT-Experte Amir Karimi war bei seinem Wochenend-Einkauf endlich mit dem Bezahlen dran, als plötzlich die Rolle für die Kassenbons ausgewechselt werden musste. „Alle waren soooo genervt“, erzählt der 32-Jährige im Gespräch mit der FR. „Wieso geht das nicht digital?“, fragte sich Karimi damals – und gründete 2017 zusammen mit Gerd Köster die Firma A&G (wie Amir und Gerd). Ihr einziger Geschäftszweck: die Entwicklung einer Smartphone-App, mit der sich Kassenbons direkt beim Bezahlen speichern und hinterher bequem verwalten lassen. Dadurch entfällt das Ausdrucken, und Belege für Garantiefälle müssen nicht länger in Schuhkartons gesammelt werden. Ein Ende der Zettelwirtschaft also.

Zwei Jahre lang tüftelte die Firma an dem System herum und kooperierte dabei laut Karimi auch mit dem Weltkonzern Epson. Jetzt sind noch letzte Tests geplant. Im ersten Halbjahr 2020 soll die neue App namens „admin“ auf den Markt kommen.

Damit könnte A&G zu den wenigen Profiteuren der neuen Kassenbon-Vorschrift zählen. Denn statt gedruckter Belege erlaubt der Gesetzgeber auch digitale. Allerdings muss das Bremer Team noch genug Händler oder Restaurants finden, die bereit sind, ihr Kassensystem für digitale Bons umzurüsten – natürlich nur als Zusatzangebot neben dem herkömmlichen Quittungsausdruck. Karimi hat nach eigenen Worten rund 35 größere Firmen an der Hand, von denen der Großteil bereits zugesagt habe.

Kassenbon-App: Lieber gleich aufs Smartphone übertragen

Die Bremer Firma, die laut Karimi inzwischen 20 Fachleute beschäftigt, ist nicht die einzige, die den Kassenzettel digitalisieren will. Im Internet stößt man auf Konkurrenten wie Anybill, Epap, Wunderbon oder Bill.less.

Aber nicht jede App macht den Papier-Bon komplett überflüssig. Erst ausdrucken, dann mit dem Handy abfotografieren – so lauten oft die Arbeitsschritte. „Das ist ein Schritt zu viel“, findet Karimi. Er lässt die Daten aus dem Kassensystem lieber gleich aufs Smartphone übertragen: per kontaktloser Nahfeldkommunikation (NFC) oder über das Abscannen eines QR-Codes.

Die Smartphone-Besitzer müssen beim Installieren der kostenlosen App lediglich ihren Namen, ihr Geburtsdatum und eine Mailadresse hinterlegen. Alle Daten würden auf einem zentralen Server in Deutschland gespeichert und nicht weiterverkauft, sagt der Firmengründer. Ähnlich wie andere Kassenbon-Apps bietet auch sein System die Möglichkeit, die Kaufbelege zu sortieren oder nach Begriffen zu durchsuchen. So findet man schneller den Bon für den nächsten Umtausch. Außerdem lassen sich berufliche Ausgabenposten an den Steuerberater oder die Firmenbuchhaltung weiterleiten.

Kassenbon-App: Betrieb brauchen NFC-Technik

Die teilnehmenden Geschäfte oder Restaurants können ebenfalls von der Digitalisierung profitieren: Je stärker die Kundschaft auf Smartphone-Apps umsteigt, desto weniger Papierrollen müssen sie anschaffen; die Kassendrucker brauchen nicht mehr so oft gewartet zu werden; und die Abfertigung geht angeblich schneller.

Dafür müssen die Betriebe allerdings die nötige NFC-Technik anschaffen (falls sie sich nicht auf QR-Codes beschränken). Und bei Karimis App müssen sie für jede Buchung einen Cent zahlen. Auch die Umwelt soll vom Umstieg profitieren: Bäume werden nicht mehr zu Bons, und ökologisch wie gesundheitlich bedenkliches Thermopapier landet nicht auf dem Müll.

Beim Handelsverband Deutschland (HDE) stoßen die neuen Apps auf wohlwollendes Interesse. „Aus meiner Sicht hat das Potenzial“, sagt der HDE-Experte Ulrich Binnebößel. Er hat aber eine Befürchtung: dass sich Konzerne wie Google breitmachen und ihren riesigen Datenschatz noch vergrößern. Wenn es nach dem HDE ginge, dann sollten lieber die Kreditinstitute ihre Girocards und Apps auch für das Sammeln digitaler Belege einrichten. Dann wären die sensiblen Daten dezentraler gespeichert als bei Google.

Kassenbons sind nicht nur lästig, sie sind auch gefährlich. Das Thermopapier enthält oft gesundheits- und umweltschädliche Substanzen.

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