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Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD, will Therapeuten besser vernetzen.

Psychotherapie

Karl Lauterbach stellt sich gegen Spahns Reformpläne

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Der SPD-Experte Karl Lauterbach lehnt Spahns Pläne für die Psychotherapie ab.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will die Wartezeit auf einen Therapieplatz verkürzen – unter anderem mit einer Voruntersuchung für psychisch Kranke. Der Plan trifft auf massive Kritik bei Therapeuten. Und auch der Koalitionspartner SPD stellt sich gegen die Reform.

Herr Lauterbach, warum wollen Sie das Vorhaben von Gesundheitsminister Spahn für eine Steuerung der psychotherapeutischen Versorgung nicht mitzutragen.
Wir wollen keine weiteren Hürden für seelisch hoch belastete Patienten schaffen, für die es ohnehin ein schwerer Schritt ist, sich behandeln zu lassen. Gerade Menschen, die Hilfe am nötigsten brauchen, haben die größten Schwierigkeiten damit. Wir dürfen diese Menschen nicht zusätzlich benachteiligen. Den Plan, in Voruntersuchungen zu entscheiden, welche Hilfs- und Therapieangebote geeignet sind, lehnt die SPD daher strikt ab.

Aber macht es nicht Sinn, die Patienten je nach Schwere der Erkrankung zu steuern?
Ich gehe davon aus, dass jeder Psychotherapeut einen Patienten, den er nicht versorgen kann, an einen Kollegen weiterleitet. Das ist geübte Praxis, etwa auch im Rahmen von Kooperationsnetzen, die in einigen Regionen bestehen. Eine Steuerung durch Dritte kann das nicht ersetzen. Neue bürokratische Hürden würden vielmehr nur eines bewirken: Patienten abschrecken. Aber wahrscheinlich ist das auch genau der Sinn, der hinter dem Vorhaben steckt.

Die Psychotherapeuten sagen, die 2017 eingeführte Sprechstunde gewährleiste bereits, dass die Patienten nach Dringlichkeit und Schwere behandelt würden. Sehen Sie das auch so?
Nein. Die Steuerung funktioniert noch nicht ausreichend. Insofern ist die Intention von Spahn ja grundsätzlich richtig. Ziel muss aber sein, die Vernetzung der Therapeuten deutlich zu verbessern. Zudem muss es eine engere Abstimmung zwischen der medikamentösen Therapie bei Psychiatern und den Psychotherapeuten geben. Wir brauchen eine bessere Kooperation zwischen Ärzten, Therapeuten und Kliniken. Auch die Telemedizin und die elektronische Patientenakte sollten eine größere Rolle spielen. Zudem müssen die Psychotherapeuten für dringliche sowie besonders schwierige Fälle besser honoriert werden.

Die Therapeuten fordern vor allem eines: zusätzliche Praxissitze, insbesondere in ländlichen Regionen und im Ruhrgebiet. Unterstützen Sie das?
Wir haben in bestimmten Gegenden tatsächlich zu wenige Therapeuten. Darauf müssen wir reagieren. Wir sollten uns aber vorher genau anschauen, wo sie fehlen. Das Problem auf ländliche Regionen oder das Ruhrgebiet zu begrenzen, ist mir zu pauschal.

Die Bundespsychotherapeutenkammer fordert, in einem Sofortprogramm die Zulassungsbeschränkungen aufzuheben und mindestens 1680 neue Praxissitze zu erlauben. Ist das angemessen?
Dieser Schnellschuss ist genauso wenig sachgerecht wie der Gesetzentwurf von Spahn. Wir müssen schnell reagieren, aber Kurzschlussreaktionen sind fehl am Platz. Sie können davon ausgehen, dass wir das Problem in den kommenden Monaten lösen.

Die Kassen argumentieren, mehr Therapeuten schaffen mehr Nachfrage. Schließlich seien die Wartezeiten dort am höchsten, wo es die meisten Therapeuten gibt. Ist da etwas dran?
Minister Spahn hat sich das ja leider auch zu Eigen gemacht. Aber man darf das nicht auf dieses platte Muster reduzieren. Es kann zum Beispiel sein, dass die Menschen nicht dort zum Therapeuten gehen, wo sie wohnen, sondern wo sie arbeiten. Es lohnt also, genau hinzuschauen.

Interview: Timot Szent-Ivanyi

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