1. Startseite
  2. Wirtschaft

Im Anflug auf Davos

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Hannes Koch

Kommentare

WEF-Chef Klaus Schwab.
WEF-Chef Klaus Schwab. © Fabrice Coffrini/afp

Kanzler Olaf Scholz reist zum Weltwirtschaftsforum in die Schweiz, doch viele wichtige Staatsspitzen fehlen dort.

Mit ein paar Schrammen kommt das Weltwirtschaftsforum in Davos aus der erzwungenen Corona-Pause zurück. Erstmals seit 2020 findet der Gipfel der Manager- und Politikelite vom kommenden Montag wieder zum gewohnten Wintertermin in dem Schweizer Bergstädtchen statt. Allerdings fehlen viele große Namen auf der Liste der angekündigten Prominenten.

Weder US-Präsident Joe Biden reist an noch Chinas Staatspräsident Xi Jinping. Narendra Modi aus Indien, der Brasilianer Inácio Lula da Silva und Emmanuel Macron aus Frankreich kommen ebenfalls nicht. Auch Großbritanniens Premierminister Rishi Sunak hat anscheinend etwas Besseres zu tun.

Kanzler Scholz hält seine Rede in Davos am Mittwoch

Trotzdem bekam WEF-Chef Klaus Schwab die üblichen gut 50 Regierungs- und Staatschefs zusammen – eine Zahl, die als Aushängeschild des Kongresses dient. Bundeskanzler Olaf Scholz hält seine Rede im Kongresszentrum unter den verschneiten Gipfeln am kommenden Mittwoch. Auch EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen, UN-Generalsekretär Antonio Guterres, EZB-Präsidentin Christine Lagarde und Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg reisen in die Graubündener Alpen. Ob der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj virtuell oder real teilnimmt, wird nicht verraten.

2021 fand das Weltwirtschaftsforum nur online statt – schlecht für einen Kongress, der von der persönlichen Begegnung lebt. 2022 musst es in den Sommer verschoben werden, weil die Corona-Pandemie noch zu gefährlich war. In diesem Jahr ist vieles wieder normal – aber nicht alles. So müssen sich alle Teilnehmenden auf dem Veranstaltungsgelände auf das Virus testen lassen. Bei positivem Test haben sie keinen Zutritt.

Zwar versuchen Schwab (84) und sein Team den Eindruck alter Frische zu vermitteln, doch ganz stimmt das nicht. Um allzu großes Gedränge zu vermeiden, sind mit 2700 Gästen ein paar Hundert weniger zugelassen als früher. Die Delegation aus China fällt deutlich bescheidener aus – die dortige Aufhebung der Corona-Restriktionen kam zu spät für die Anmeldung. Und aus Russland reist quasi niemand an, denn das WEF folgt den Sanktionen des Westens wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine.

Privatjets

Greenpeace hat kurz vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos ein Verbot von klimaschädlichen Flügen mit Privatjets gefordert. Die EU-Kommission solle bei der aktuellen Überarbeitung der Luftverkehrsverordnung den Weg für eine solche Vorschrift ebnen, teilte die Umweltorganisation mit. Während des Treffens in den Schweizer Bergen in der kommenden Woche werde die Zahl klimaschädlicher Kurzstreckenflüge mit Privatjets wieder stark steigen.

Einer Studie der Beratungsfirma CE Delft im Auftrag von Greenpeace International zufolge sind in der Zeit der Jahrestagung 2022 auf den sieben Flughäfen in der Nähe von Davos 1040 Privatjets gelandet oder gestartet. In normalen Wochen seien es dagegen durchschnittlich 540 Flüge. Etwa jeder zweite könne daher dem Treffen zugerechnet werden. dpa

Daher lässt sich das Motto des diesjährigen Treffens – „Zusammenarbeit in einer fragmentierten Welt“ – nur teilweise erfüllen. Thematisch bilden die veränderte geopolitische Lage und die neuen Spannungen zwischen den Machtblöcken das Zentrum der Veranstaltung. Ein weiterer Fokus liegt auf der globalen Energie- und Klimapolitik, weshalb auch Luisa Neubauer („Fridays for Future“) in die Schweiz reist. Zusätzliche Themen: das Problem der Inflation, die weltweite soziale Ungleichheit sowie die internationale Geld- und Handelspolitik. Außerdem lässt Schwab einen Probelauf des sogenannten Metaverse veranstalten, das auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg propagiert. Ausgewählte Teilnehmende können als künstliche Personen in eine virtuelle Kongresswelt eintauchen.

Das Forum ist in der Schweiz anerkannt als internationale Organisation für Public Private Partnership, also für die Kooperation zwischen privaten und öffentlichen Akteuren. Getragen wird die Organisation mit Sitz in Genf von Hunderten der finanzkräftigsten Konzerne der Welt. Für diese bietet Davos eine Mischung aus Bildungsurlaub und Geschäftsreise.

Weltwirtschaftsforum agiert auch als Lobbyorganisation für Unternehmen gegenüber der Politik

In den Hotels des Ortes finden dann ständig Business-Meetings statt, um neue Geschäfte anzubahnen und Kontakte zu pflegen. Außerdem agiert das WEF als Lobbyorganisation transnationaler Unternehmen gegenüber der Politik. Deren Vertreterinnen und Vertreter schätzen den Kongress, weil sie ihre politischen Botschaften effektiv und gezielt an viele wichtige Personen gleichzeitig vermitteln können.

Manche Angehörige der internationalen Wirtschafts- und Politikelite verweigern sich Davos aber auch ostentativ. Twitter- und Tesla-Eigentümer Elon Musk begründete kürzlich, warum er nicht hinreist: „Because it sounded boring as fuck“, vornehm ausgedrückt: „absolut langweilig“.

Auch interessant

Kommentare