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Alles steht still: Auf dem Werksparkplatz von Fiat-Chrysler in Belvidere, Illinois, herrscht gähnende Leere. 

Lockdown

Kann sich die Welt ihre Rettung leisten?

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Im herrschenden Wirtschaftssystem bedeutet Stillstand Zerstörung. Um die Zahlungsketten notdürftig zu flicken, häufen Regierungen Rekordschulden an.

Vor der Frage „Kann ich mir das leisten?“ stehen die meisten Menschen regelmäßig – jeder und jede muss sich beim Einkauf das knappe Budget einteilen. Auch dass sich ganze Bevölkerungsteile vieles nicht leisten können, ist als Armutsproblem bekannt und wird oft als individuelle Notlage der Betroffenen beschrieben. In der Corona-Krise jedoch ist diese Notlage eine kollektive: Hält die Gesellschaft den Lockdown der Wirtschaft, also den Schutz der Menschen vor dem Virus aus? Und aus den Billionen Schulden, die im Zuge der Krise auf die Staaten zukommen, erwächst die Frage: Kann sich die Gesellschaft die Aufrechterhaltung ihrer Wirtschaft überhaupt leisten? Diese absurd anmutende Frage wirft ein Licht auf das System, in dem wir leben.

Um die Ausbreitung des Virus Sars-CoV-2 zu verlangsamen, sind in vielen Ländern Fabriken und Geschäfte geschlossen worden – es herrscht weitgehender Lockdown der Wirtschaft. Die Unternehmen und im Gefolge ihre Beschäftigten bekommen dies als Einnahmeausfälle zu spüren: Es droht ein Mangel an Zahlungsmitteln - und damit „eine dauerhafte Zerstörung der Wirtschaft“, wie Mario Draghi, Ex-Chef der Europäischen Zentralbank, warnt. Ähnliches befürchten viele andere Ökonomen. Gefordert wird daher, den Lockdown bald wieder zu beenden. Die Frage bleibt: Was hält die Wirtschaft hier nicht aus?

Das Virus hat nicht Ernten vernichtet, nicht Fabriken und Anlagen zerstört. Rohstoffe und Mittel zur Produktion des Notwendigen sind weiter vorhanden und werden genutzt – die Versorgung wäre von daher weitgehend gesichert. Das Problem der Unternehmen ist anders gelagert. Denn im herrschenden Wirtschaftssystem gilt die betriebswirtschaftliche Logik: Erst wird Geld investiert, um Maschinen zu kaufen, zu betreiben, um Löhne und Mieten zu zahlen. Dann wird produziert, um die Güter anschließend mit Gewinn zu verkaufen. Anschließend werden die Einnahmen wieder investiert.

Diese permanente Bewegung ist durch den Lockdown unterbrochen. Aus bloßem Stillstand folgt daher schrittweise Zerstörung: Der deutsche Mittelstand warnt vor einem Massensterben in Folge der Corona-Krise. „Die Lage ist dramatisch“, so Mittelstandsverbandspräsident Eckhard Schwarzer. Denn Produktionsanlagen liegen brach und können damit ihrem Zweck – der Vermehrung der investierten Geldsummen – nicht mehr dienen. Aus dieser „verlorengegangenen Wertschöpfung“ addiert das Münchener Ifo-Institut die Kosten des Stillstands: „Eine einzige Woche Verlängerung verursacht zusätzliche Kosten in Höhe von 25 bis 57 Milliarden Euro und damit einen Rückgang des Wirtschaftswachstums von 0,7 bis 1,6 Prozentpunkten.“ Kosten bedeutet hier: entgangene Einnahmen.

Bei den vom Ifo-Institut prognostizierten Kosten von 255 bis 500 Milliarden Euro für die deutsche Volkswirtschaft handelt es sich also nicht um eine physische Vernichtung oder Veraltung von Produktionsanlagen, wie häufig nahegelegt wird, analog zu einem Hochofen, der funktionsuntüchtig wird, sobald er erlischt. Was durch den Lockdown „vernichtet“ wird, sind Prozentpunkte des Wirtschaftswachstums. Denn die Zahlungsketten sind gerissen, es findet vielfach keine Wertschöpfung mehr statt. Fabriken, Geschäfte und Anlagen könnten zwar auch nach Monaten der Corona-Pause noch Güter produzieren und verteilen. Doch weil sie aktuell nicht mehr der Vermehrung von Umsatz und Gewinn dienen, folgt daraus die Pleite von Unternehmen – und erst daraus dann möglicherweise auch die physische Vernichtung von Produktivvermögen. „Angesichts dieser Kosten ist es besonders dringlich, Strategien zu entwickeln, um die Wiederaufnahme der Wirtschaftstätigkeit mit dem Eindämmen der Corona-Epidemie vereinbar zu machen“, mahnt daher das Ifo-Institut.

Das herrschende Wirtschaftssystem kann sich einen Stillstand, und sei er nur kurz und für die Gesundheit der Menschen unbedingt nötig, nicht leisten. Eigentlich. Daher machen sich die Regierungen daran, die Zahlungsketten notdürftig zu flicken, indem sie mit eigenem Geld den Ausfall der privaten Nachfrage ausgleichen. Dieses Geld haben sie nicht vorrätig, sie müssen es sich leihen. Die europäischen Regierungen müssen nach Einschätzung von Draghi rasch den Schock der Corona-Krise für die Wirtschaft überwinden – auch um den Preis hoher Schulden. Der Staat müsse Arbeitsplätze und Produktionskapazitäten der Unternehmen schützen. Schulden in der Privatwirtschaft müssten übernommen und gestrichen werden, damit Arbeitsplätze und damit das Einkommen der Familien erhalten blieben.

Folge ist ein drastischer Anstieg der öffentlichen Schulden: Für zusätzliche Ausgaben und Kredite wird die US-Regierung dieses Jahr voraussichtlich einen Betrag aufwenden, der zehn Prozent der Wirtschaftsleistung entspricht. Das wäre ein stärkerer Anstieg des Haushaltsdefizits als in den Krisenjahren 2008 und 2009. In den meisten großen Volkswirtschaften dürfte das Verhältnis von Staatsschulden und Wirtschaftsleistung durch die Stützungsmaßnahmen um zehn bis zwölf Prozentpunkte steigen. Für Frankreich und Deutschland rechnet die Commerzbank sogar mit 18 Prozentpunkten.

Dieses Geld leihen sich die Staaten zumeist durch Ausgabe von Anleihen und anderen Schuldpapieren. Ihre Zentralbanken wiederum haben angekündigt, große Teile dieser Schuldpapiere aufzukaufen, um die Zinsen niedrig und die Schulden finanzierbar zu halten.

Die Zentralbanken nehmen also einen großen Teil der Staatsschulden in die eigene Bilanz und blähen sie damit auf: Laut der britischen Zeitung Financial Times könnte die Bilanz der US-Zentralbank um 2000 bis 3000 Milliarden Dollar anwachsen. „Viele Investoren“, so die „Financial Times“, „fragen sich, ob ein derartiger Stimulus überhaupt ‚erschwinglich‘ ist.“ Sollten sie diese Frage verneinen, folgert die Zeitung, verlören sie das Vertrauen in die Fähigkeit der Regierungen, mit der kommenden Rezession fertig zu werden.

Damit stehen die Gesellschaften also vor der Frage, ob sie sich die Rettung ihrer Wirtschaft, ihrer Arbeitsplätze und Finanzsektoren, also die Reproduktion der gesamten Gesellschaft überhaupt leisten können? Gestellt wird sie ihnen von ihren Gläubigern, von den Akteuren an den Finanzmärkten. Angesichts dieser existenziellen Frage erscheint es naheliegend, dass die Zentralbanken sich bereit erklären, als letzte Garanten und Gläubiger der Regierungen einzuspringen – und gegebenenfalls die Corona-Schulden in ihren Bilanzen verschwinden zu lassen. Denn ein Staat, der Schulden bei seiner Zentralbank hat, hat sie nur bei sich selbst.

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