Thyssen-Krupp

„So kann es nicht weitergehen“

Die neue Konzernchefin lässt daran keinen Zweifel: Thyssen-Krupp steckt in einer tiefen Krise.

Hohe Verluste, keine Dividende und möglicherweise ein stärkerer Personalabbau als geplant: Bei Thyssen-Krupp wird es unter der neuen Vorstandsvorsitzenden Martina Merz ungemütlich. „So wie bisher kann es nicht weitergehen“, kündigte Merz am Donnerstag bei der Vorlage der Bilanz des angeschlagenen Stahl- und Industriekonzerns an. Thyssen-Krupp habe sich in der Vergangenheit „durchgewurschtelt“, statt die Probleme „konsequent und ernsthaft anzugehen“. Treffen wird der neue Kurs alle: Mitarbeiter, Manager, Aktionäre.

Zwei bis drei Jahre veranschlagt Merz für die Sanierung des Traditionsunternehmens mit seinen weltweit mehr als 160 000 Mitarbeitern. Doch das kostet zunächst einmal, einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag hat der Konzern für den Umbau reserviert. Für eine erwartete Kartellstrafe sind 370 Millionen Euro zurückgelegt.

Da auch der konjunkturelle Rückenwind fehlt, wird der Konzern im neuen Geschäftsjahr 2019/20 noch tiefer in die Verlustzone rutschen, prognostizierte das Unternehmen am Donnerstag. Im abgelaufenen Jahr (Oktober 2018 bis September 2019) hat Thyssen-Krupp unter dem Strich ein Minus von 304 Millionen Euro eingefahren - das ist rund fünf Mal so viel wie im Vorjahr.

Merz hatte erst am 1. Oktober das Ruder in Essen übernommen – nach turbulenten Jahren für Thyssen-Krupp mit Chefwechseln, dem Verbot der Stahlfusion mit dem Konkurrenten Tata durch die EU, der abgesagten Konzernteilung und schließlich dem Abstieg aus dem Dax. Bei ihrem ersten Auftritt auf großer Bühne zog die Ingenieurin eine vernichtende Schlussbilanz der Arbeit ihrer Vorgänger. „Nicht zufriedenstellend“, „viel zu wenig in der Umsetzung“, „weit hinter den Ansprüchen zurück“, „Zeit mit anderen Themen verbracht“ – Merz hängte Kritikpunkt an Kritikpunkt.

Auf die Beschäftigten kommen neue Unsicherheiten zu. Thyssen-Krupp wird möglicherweise mehr als die bisher geplanten 6000 Arbeitsplätze streichen. „Zum aktuellen Zeitpunkt können wir noch nicht ausschließen, dass es mehr Stellen werden, die wir abbauen müssen“, sagte Personalvorstand Oliver Burkhard. „Schritt für Schritt werden wir da genauer werden können.“ Für den Abbau von 2100 Arbeitsplätzen gebe es bereits Vereinbarungen mit den Arbeitnehmervertretern.

Erste Maßnahmen beim Personalabbau hat Thyssen-Krupp inzwischen mitgeteilt. In der Essener Unternehmenszentrale soll fast die Hälfte der bislang etwa 800 Arbeitsplätze wegfallen – nur für einige wird es einen neuen Job im Konzern geben. Im Autozuliefergeschäft sollen 640 Stellen abgebaut werden. In den nächsten Wochen und Monaten werde es „immer wieder Meldungen zu Stellenreduzierungen geben“, kündigte Burkhard an.

Die Aktionäre müssen für das abgelaufene Geschäftsjahr auf eine Dividende verzichten – zum dritten Mal in den vergangenen acht Jahren. Das trifft vor allem die Kruppstiftung, die mit den Dividenden ihre wissenschaftlichen und kulturellen Förderprogramme finanziert.

Merz will zudem den Wettbewerb zwischen den einzelnen Sparten des Konzerns anheizen. „Die Geschäfte stehen miteinander im Wettbewerb um Investitionen“, sagte sie. Wenn einzelne Geschäfte nicht zu den Branchenbesten aufschließen könnten, müsse sich Thyssen-Krupp eingestehen, „dass wir nicht der beste Eigentümer sind“. Einen dauerhaften Ausgleich von Verlusten werde es nicht mehr geben. Wenn die Manager nicht die erwarteten Ergebnisse bringen, müssten sie „dafür geradestehen“.

Geld für die Sanierung soll die profitable Aufzugssparte bringen. Ob dies über einen Börsengang, einen Komplettverkauf oder einen Teilverkauf geschehen soll, bleibt vorerst offen. Im ersten Quartal kommenden Jahres werde eine Entscheidung fallen, „welche Option wir primär weiterverfolgen“, sagte Finanzchef Johannes Dietsch. (dpa)

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