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Kampfansage an die Vespa

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Von: Björn Hartmann

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Die drei Tykesson-Brüder und ihr Produkt.
Die drei Tykesson-Brüder und ihr Produkt. © Kumpan Electric

Ein kleines deutsches Unternehmen legt sich mit dem italienischen Marktführer Piaggio an. Der will den Remagenern den Verkauf seiner E-Roller verbieten.

Patrik, Daniel und Philipp Tykesson wollen im November 2018 auf der Messe in Mailand mit ihrem neuen E-Moped Kumpan Electric die Branche aufmischen. Tempo 100, neueste Technik. Dann kommt die Polizei und nimmt die Fahrzeuge mit. Plagiatsverdacht. Marktführer Piaggio (Vespa) klagt beim Europäischen Markenamt. An diesem Tag im November 2018 könnte die Geschichte zu Ende sein. Doch die drei Gründer sind sehr hartnäckig. Und offenbar ist der Erfindergeist aus der deutschen Provinz überlegen.

Hersteller Piaggio – 2021 rund 1,67 Milliarden Euro Umsatz, 5700 Beschäftigte – wollte damals seine E-Vespa vorstellen. Aber: „Unser Fahrzeug war technisch einfach besser“, behauptet Patrik Tykesson heute. Er ist Geschäftsführer von E-Bility – eher übersichtlicher Umsatz, 85 Beschäftigte –, der die Marke Kumpan Electric gehört. Der Verdacht: Piaggio will den Konkurrenten einfach aus dem Verkehr ziehen. Der anschließende Rechtsstreit hat fast vier Jahre gedauert. Die Beschwerdestelle des Markenamtes EUIPO entschied jetzt in zweiter Instanz – zugunsten der Deutschen (Az. R 1663/2020-3).

Die Geschichte von Kumpan Electric beginnt in der Garage – und mit der Leidenschaft des Großvaters für seinen alten Volvo. „Wir haben immer schon geschraubt und Fahrzeuge restauriert“, sagt Tykesson. Nach dem Studium und Praktika in Unternehmen wollte Patrik sich 2009 selbstständig machen, die Brüder waren schnell mit dabei. Elektroantrieb sollte es sein - die Entscheidung fiel auf E-Mopeds.

85 Prozent der Teile kommen aus Deutschland

Und weil Asien als führend galt, flog Bruder Patrik nach China und Taiwan, besuchte Hersteller und fand schließlich einen, der passte. Er baute Benzinroller für den europäischen Markt. „Wir haben dann das Fahrzeug überarbeitet, praktisch mit der Flex zerlegt, und nach unseren Ideen wieder zusammengebaut“, erinnert sich der Geschäftsführer. Und elektrifiziert. Daraus entstand der erste Roller, den der asiatische Hersteller dann für die 2010 gegründete E-Bility baute.

Auf Dauer waren die drei Brüder mit dem E-Roller jedoch nicht zufrieden. 2015 entschieden sie, ein neues Produkt zu entwickeln. 85 Prozent der Teile kommen heute aus Deutschland, die vier Hauptmodelle werden in der eigenen Fabrik in Remagen gebaut. Die erste Maschine lief im August 2018 vom Band. Akku, Controller und Motor haben die Tykessons selbst entwickelt. „Wir sind heute noch Technologie-Marktführer“, behauptet Patrik Tykesson. Als Konkurrenten sieht er neben Piaggio vor allem Honda und Yamaha.

Stolz ist man auch auf das Design. „Wir haben Elemente der 50er und 60er Jahre genommen und integriert. Wir haben uns bewusst für ein klassisches Design entschieden“, sagt der Geschäftsführer. Nur eben deutlich moderner. Eigene Technik, eigenes Design, beim europäischen Markenamt eingetragen. Fehlte 2018 nur noch etwas Aufmerksamkeit.

Bei der Intermot in Köln hatte Kumpan schon einen Stand neben Marktführer Piaggio gebucht. „Da kommen Händler aus aller Welt vorbei, das wollten wir nutzen.“ Und den Erfolg dann in Mailand bei der EICMA, der wichtigsten Messe der Branche, wiederholen. Doch statt der erhofften Journalisten und der Fachhändler kamen Anwälte und Polizisten.

Kein Verkauf in Italien

Die vier ausgestellten Fahrzeuge wurden beschlagnahmt. Das italienische Gesetz ist da anders als im Rest Europas. Über Nacht brauchte Kumpan eine Abwehrstrategie. Die lief übers Netz und machte das Unternehmen bekannter. Schließlich kämpft nicht jeden Tag ein kleiner Newcomer gegen den Marktführer. Das Verfahren vor dem EUIPO zog sich, Piaggio verlor in erster Instanz und jetzt auch vor der Beschwerdestelle, die keine Übereinstimmung des Kumpan-Rollers mit der Vespa feststellte, nur allgemein für solche Fahrzeuge übliche Ähnlichkeiten.

Das Verfahren hat Kraft gebunden, das Geschäft aber nicht vollständig blockiert. „Wir können unser Fahrzeuge grundsätzlich überall verkaufen, außer in Italien“, sagt Tykesson. Schwerpunkt ist bisher Deutschland. Kumpan-Roller sind aber auch in anderen europäischen Ländern und sogar in Florida unterwegs. Verkauft wird vor allem online.

Hätte Piaggio gewonnen, hätte das auch Folgen für andere Anbieter und Märkte gehabt, sagt der E-Bility-Geschäftsführer. Noch läuft die Einspruchsfrist. Piaggio hat sich auf Anfrage nicht geäußert, ob sie die Niederlage akzeptieren oder vor das Gericht der EU ziehen wollen. Stichtag ist der 3. Oktober.

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