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Gelbe Säcke für den Müll mit dem Grünen Punkt: Remondis will auch die Markenrechte für das Zeichen erwerben.

Grüner Punkt

Kampf um den Müll

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Das deutsche Abfallsystem ist unter privaten Anbietern hoch umkämpft. Eine Unternehmensübernahme wirbelt den Markt nun durcheinander.

Für solche Geschäfte hat sich die Bezeichnung Elefantenhochzeit etabliert. Im vorliegenden Fall handelt es sich um die Firma Remondis, die die DSD – Duales System Holding übernimmt. Damit schluckt das mit Abstand größte hiesige Entsorgungsunternehmen den Marktführer der dualen Systeme, die die Verwertung des Verpackungsmülls organisieren. Mittelständler und Kommunen warnen nun eindringlich vor einer weiteren Marktkonzentration. Die Zeche würden früher oder später die Verbraucher zahlen.

Zu dem Deal gehört auch, dass Remondis künftig die Markenrechte für das Grüne-Punkt-Zeichen mit den beiden ineinander geschlungenen Pfeilen erwirbt. Es ist weit über Deutschland hinaus zum Symbol für Recycling geworden. Es wurde Anfang der 1990er Jahre kreiert, als ein Müllnotstand drohte. Damals verdonnerte die Bundesregierung Hersteller und Händler dazu, neben der kommunalen Müllabfuhr ein eigenes, duales System zur Entsorgung des Verpackungsmülls aus privaten Haushalten zu organisieren. DSD war zunächst ein Monopolist – die Bundesregierung hatte nichts dagegen. Doch die EU-Wettbewerbsbehörde setzte durch, dass dieser Sektor für andere Anbieter geöffnet wurde.

Kartellamt hat die Branche auf dem Kieker

Derzeit sind neun miteinander konkurrierende duale Systeme aktiv, die im Prinzip als Müll-Makler agieren. Hersteller und Händlern melden die Menge der Verkaufsverpackungen, die sie in Umlauf bringen, und bezahlen zugleich den Maklern viele Millionen Euro. Diese beauftragen Müllabfuhr-Firmen, die die gelben Säcke sammeln und die gelben Tonnen leeren, um deren Inhalt zu sortieren und dann entweder zu recyceln oder verbrennen zu lassen. Die Kosten für das Betreiben der dualen Systeme fließen letztlich in die Preise ein, die die Verbraucher im Supermarkt für Joghurt oder Milch und andere Produkte bezahlen, die in Plastik und Verbundmaterialien wie Tetra-Paks verpackt sind.

Die Konstruktion der dualen Sammelsysteme macht die Übernahme so brisant: Übertragen auf die Autobranche wäre es ungefähr so, als würde Marktführer Volkswagen Bosch als wichtigsten Zulieferer schlucken. Künftig können die DSD-Manager die Müllmänner ihrer Muttergesellschaft damit beauftragen, sich um den Grüne-Punkt-Abfall zu kümmern. Doch ein Remondis-Sprecher verweist darauf, dass die DSD Anbieter der eigenen Unternehmensgruppe nicht bevorzugen dürfe, sondern gehalten sei, das Sammeln und Verwerten des Mülls auszuschreiben und das beste Angebot zu nehmen.

Doch es ist ein offenes Geheimnis in der Branche, dass die Grauzonen groß sind. Zumal Remondis künftig von der Makler-Funktion der DSD profitieren könnte, da so Einblicke in die Kalkulationsgrundlagen von konkurrierenden Entsorgungsfirmen möglich werden. Kein Wunder, dass der Verband der kommunalen Unternehmen (VKU) schon vor der Elefantenhochzeit wetterte: Der Zusammenschluss ermögliche, dass sich die beiden Unternehmen „gegenseitig mit maßgeschneiderten Angeboten versorgen und damit auch den Preis für die Verpackungsentsorgung beeinflussen, den die Verbraucher zahlen“, so Patrick Hasenkamp, VKU-Vizepräsident. Dem müsse unbedingt entgegengewirkt werden.

Ähnlich sieht es Eric Rehbock, Hauptgeschäftsführer des Entsorgungsverbandes BVSE, in dem sich vor allem mittelständische Unternehmen organisiert haben. „Wir warnen eindringlich vor dieser Hochzeit der Giganten“, sagt er. Das Bundeskartellamt müsse jetzt ganz genau hinschauen und dürfe diese Übernahme nicht durchwinken.

Die Bonner Behörde hat die Abfall-Branche schon seit einiger Zeit auf dem Kieker. Es laufen zwei großangelegte Sektoruntersuchungen. Die Kartell-Experten vermuten, dass der Wettbewerb massiv eingeschränkt wird. So macht auch Hasenkamp darauf aufmerksam, dass man die Konzentration im Entsorgungsmarkt schon seit einiger Zeit „kritisch“ sehe. Remondis habe bereits viele kleine und mittelständische Entsorger aufgekauft. Der Wettbewerb sei in einigen Regionen zum Erliegen gekommen. Dabei geht auch um die Hausmüllsammlung, die viele Kommunen an private Firmen vergeben.

Und beim Verpackungsmüll gibt es bereits eine vergleichbare Konstellation zur Remondis-DSD-Hochzeit. Zum Berliner Müllabfuhr-Unternehmen Alba gehört auch der Duale-System-Betreiber Interseroh. Allerdings handelt es sich hier um erheblich kleinere Dimensionen. Während DSD gut ein Drittel des deutschen Verpackungsmülls managt, gehört Interseroh mit weniger als zehn Prozent zur Gruppe der kleineren Makler. Und während Alba 2017 einen Umsatz von 1,8 Milliarden Euro eingefahren hat, ist es bei Remondis mit 7,3 Milliarden mehr als viermal so viel.

In der am Donnerstag verbreiteten Mitteilung von DSD wird jedenfalls bereits präventiv versucht, Argumente gegen die Fusion zu entkräften. Nicht nur, dass sich die Marktdominanz des ehemaligen Monopolbetreibers DSD deutlich relativiert habe. Auch habe die Schwarz-Gruppe jüngst das fünftgrößte Recyclingunternehmen hierzulande, die Firma Tönsmeier, übernommen. Dahinter steckt tatsächlich eine mittelschwere Eruption für die Branche. Denn die Schwarz-Gruppe macht ihre Umsätze vor allem mit dem Discounter Lidl und der Kaufland-Kette; insgesamt kamen da im vorigen Jahr knapp 97 Milliarden Euro zusammen. Bemerkenswert ist zudem, dass ein Handelsriese nun einen Entsorger betreiben will, der 2020 mit einem eigenen dualen System antreten soll. Hinzu kommen überdies die beiden französischen Groß-Entsorger Veolia und Suez, die in Deutschland ebenfalls Verpackungen verwerten.

All dies zeigt, dass finanzstarke und international agierende Konzerne im Verwerten von Plastikmüll ein Riesengeschäft wittern. Und zwar nicht nur hierzulande, sondern auch in der EU, die Recyclingquoten in den nächsten Jahren deutlich steigern will. Noch viel interessanter dürften Schwellenländern sein.

Deutschlands duales System gilt in vielen Ländern als vorbildlich. Das Grüne-Punkt-Logo ist das Zeichen dafür. Auch das hat für die Remondis-Manager eine wichtige Rolle gespielt: Beide Unternehmen reagierten mit der Transaktion „auf die Wachstumschancen, die sich insbesondere im Bereich Verpackungsdesign und Kunststoffreycling ergeben“, heißt es in der DSD-Mitteilung.

Gemeinsam wolle man die Verwertung für alle Stoffströme optimieren und ein breites Portfolio von Dienstleistungen bieten. „Der Markt sortiert sich neu“, sagt Remondis-Geschäftsführer Herwart Wilms, der den Kaufpreis für DSD nicht verraten will. Der Branchendienst Euwid geht von 140 bis 150 Millionen Euro aus. Der Großteil des Geldes fließt an zwei britische Finanzinvestoren, die zusammen 80 Prozent der Anteile gehalten haben.

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