Analyse

Kampf der Giganten

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Europäische Champions sollen der chinesischen Konkurrenz Paroli bieten. Ist Größe im Wettbewerb wirklich entscheidend?

Die Europäische Union ringt derzeit um eine einheitliche Haltung gegenüber Peking. Auf dem EU-Gipfel diese Woche sollen Eckpunkte der China-Strategie festgeklopft werden. Teil dieser Strategie soll nach dem Willen der französischen und deutschen Regierung die Bildung großer europäischer Unternehmen sein, die im Wettbewerb mit Chinas Giganten bestehen können. Um größere Einheiten zu schaffen, soll das europäische Wettbewerbsrecht geändert werden. Kritik an den geplanten „europäischen Champions“ kommt nicht nur von kleineren EU-Staaten, sondern auch von Ökonomen, die darauf hinweisen, dass es bei Unternehmen nicht auf die Größe, sondern auf die Wettbewerbsfähigkeit ankomme. Das stimmt nur zum Teil, wie das Beispiel Italien zeigt.

Italiens Konjunkturschwäche erweist sich als Dauerzustand und könnte auf Dauer den Bestand der Euro-Zone gefährden. Das Land ächzt unter seiner großen Schuldenlast. Zwar spart Italiens Staat seit langem eisern. Doch wenn die Wirtschaftsleistung nicht zulegt, sinkt auch nicht die Schuldenquote, also das Verhältnis von Staatsschulden zum Bruttoinlandsprodukt. Die Dauerkrise lastet auch auf den italienischen Banken und lässt ihre faulen Kredite anschwellen.

Warum wächst Italiens Wirtschaft nicht, obwohl die Regierung in den vergangenen Jahren – dem Ökonomen-Rat folgend – den Arbeitsmarkt flexibilisiert, den Kündigungsschutz abgebaut und die Steuern gesenkt hat? Und obwohl das Land über einen großen Industriesektor verfügt, der dem Land Exportüberschüsse beschert?

Das Problem der italienischen Wirtschaft ist struktureller Natur. Die Produktivität wächst nicht, die Innovationskraft ist gering. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Wirtschaftsstruktur: Italiens Unternehmen sind schlicht zu klein. 46 Prozent der Beschäftigten arbeiten in Firmen mit maximal neun Arbeitsplätzen – in Deutschland sind es nur 20 Prozent, in Frankreich 28 Prozent. Großfirmen mit mehr als 250 Beschäftigten schaffen in Italien 33 Prozent der Bruttowertschöpfung – in Deutschland sind es 46 und in Frankreich 45 Prozent.

Damit hat Italien ein grundlegendes Größen-Problem. Denn große Unternehmen können umfangreiche Investitionen stemmen, weil sie über die Mittel verfügen, weil sie Zugang zu den Kapitalmärkten haben und weil sie die Investitionskosten auf eine große Stückzahl von Produkten umlegen können. Als Folge davon können sie den Weltmarkt für sich erschließen, sie sind meist überdurchschnittlich produktiv, was wiederum dazu führt, dass sie höhere Löhne und bessere Sozialleistungen zahlen.

Auf Grund ihrer Investitionsmacht spielen Großunternehmen eine zentrale Rolle für die Innovationskraft eines Standortes. Sie geben mehr Geld für Forschung und Entwicklung aus und erlangen mehr Patente auf Innovationen. Beeindruckend führen dies die US-Giganten Google, Amazon, Microsoft und Facebook vor, die 2018 zusammen fast 78 Milliarden Dollar für Datenzentren, Künstliche Intelligenz und anderes ausgaben. Und schließlich sind Großunternehmen oft in der Lage, sich kleinere Konkurrenten einzuverleiben, sollten sie produktiver oder innovativer sein.

Der Fall Italien zeigt: Zwar gilt bei Unternehmen nicht die Regel „Je größer, je stärker“. Größe ist aber eine wesentliche Voraussetzung, im Wettbewerb zu bestehen.

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