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Ernte in Shahapur im Nordwesten von Indien. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft kann zur Lösung des Hunger-Problems beitragen. Kuni Takahashi/Getty Images
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Ernte in Shahapur im Nordwesten von Indien. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft kann zur Lösung des Hunger-Problems beitragen. Kuni Takahashi/Getty Images

Welternährungsgipfel

Kampf gegen Hunger: „Hier steht die Glaubwürdigkeit der Weltgemeinschaft auf dem Spiel“

  • Tobias Schwab
    VonTobias Schwab
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Dominik Ziller, Vizepräsident des UN-Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung, über Perversionen im Ernährungssystem und das Versprechen, den Hunger zu beenden.

Herr Ziller, ein Viertel der Menschheit hat keinen sicheren Zugang zu Nahrungsmitteln. Mehr als 800 Millionen Menschen hungern. Warum versagt die Weltgemeinschaft so kläglich dabei, das Menschenrecht auf Nahrung endlich zu verwirklichen?

Ja, es ist ein Skandal, dass wir da noch nicht weiter sind. Das internationale Versprechen, den Hunger bis zum Jahr 2030 zu beenden, ist das Nachhaltigkeitsziel, bei dem wir von allen 17 „Sustainable Development Goals“ am stärksten hinterherhinken. Dabei ist es für mich das Wichtigste von allen. Keine Armut, kein Hunger, das steht schon noch einmal eine ganze Ecke vor vielen anderen auch wichtigen Zielen. Hier steht die Glaubwürdigkeit der Weltgemeinschaft auf dem Spiel. Diejenigen, die Verantwortung tragen, werden damit so ohne weiteres nicht davonkommen.

Noch einmal, was sind die Gründe für dieses Versagen?

Viele sagen, Covid hat uns vor zusätzliche Herausforderungen gestellt. Das ist ja auch richtig. Aber auch lange vor der Pandemie, seit 2015 schon, sind die Zahlen wieder gestiegen. Die Ursachen sind sehr heterogen. Hunger und Armut konzentrieren sich mehr und mehr in fragilen, konfliktbetroffenen Staaten, in Ländern mit schlechter Regierungsführung. Da ist es sehr schwierig, über Nothilfen hinaus strukturbildende Initiativen zu starten, um die Ernährungssituation nachhaltig zu verbessern. Dazu kommt der Klimawandel, von dem kleine Produzenten besonders betroffen sind. Die Böden trocknen aus, das Saatgut funktioniert nicht mehr, die Erträge gehen weiter zurück. Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, die eigentlich die Nahrung für andere herstellen, bekommen für ihre Produkte so wenig, dass sie oft selber hungern. Eine völlige Perversion. Die Erderwärmung verschärft diese Situation noch einmal.

Das sind ja nun keine völlig neuen Erkenntnisse. Fehlt es international am politischen Willen, den Hunger wirksam zu bekämpfen?

Es ist komplex. Wir haben einerseits Geberstaaten, die ihre Budgets für die Entwicklungszusammenarbeit nicht in dem Maße aufstocken, wie das nötig wäre, andererseits aber auch arme Länder, die sich in der Ernährungssicherung nicht ausreichend engagieren. Da gibt es eine ganze Reihe, die ihr landwirtschaftliches Potenzial nicht ausnutzen und nur auf einen Rohstoff wie Erdöl setzen. Nehmen Sie beispielsweise Nigeria, das Land könnte mit seinen Bodenressourcen eigentlich vom Importeur zum Exporteur von Nahrungsmitteln werden. Das würde auch viele Jobs schaffen.

Kampf gegen Hunger: UN-Gipfel muss ein „Weckruf“ sein

Mit dem „UN Food Systems Summit“ sollen an diesem Donnerstag in New York während der Vollversammlung der Vereinten Nationen Impulse für einen Wandel des gesamtem Ernährungssystems gegeben werden. Was erwarten Sie von diesem hochrangigen Treffen?

Der Summit mit UN-Generalsekretär António Guterres und mehr als 80 Staats- und Regierungschefs muss ein Weckruf werden, ein Signal, dass alle gemeinsam das Ziel, den Hunger zu besiegen, systemischer angehen und innovative Instrumente einsetzen. Dazu gehört, dass Staaten auch in Post-Pandemie-Zeiten, wenn wieder eine Austeritätspolitik droht, in diesem Bereich nicht sparen und bereit sind, zusätzliche Mittel bereitstellen.

Wie viel Geld wäre denn nötig, um alle Menschen mit ausreichend Nahrungsmitteln zu versorgen und damit das zweite Nachhaltigkeitsziel bis 2030 zu erreichen?

Wir gehen von einem Bedarf von jährlich bis zu 350 Milliarden Dollar aus, um die Landwirtschaft so auszubauen, dass sie dem Welthunger effektiv begegnen könnte. Die gesamte weltweite offizielle Entwicklungshilfe beläuft sich zurzeit etwa auf 160 Milliarden Dollar.

Woher soll das Geld kommen?

Es wird künftig auch darum gehen, stärker Mittel vom Kapitalmarkt für die Entwicklung zu mobilisieren. Da sind sowohl nationale als auch internationale Entwicklungsbanken gefragt, die beispielsweise Garantien geben oder Anleihen auflegen. Denkbar sind auch Food Bonds, die Länder zur Finanzierung von Projekten in der ländlichen Entwicklung und zur Ernährungssicherung beigeben könnten. Wir als Ifad planen jetzt auch, Bonds auszugeben, um von privaten, sozial geneigten Investoren Geld zu generieren und damit zusätzliche Kredite an unsere Partnerländer ausreichen zu können.

„Wir haben nach wie vor ein großes Problem mit der Verschwendung von Nahrungsmitteln“: Dominik Ziller, Vizepräsident des International Fund for Agricultural Development (Ifad).

Kampf gegen Hunger: „Mehr Konkurrenz auf der Nachfrageseite schaffen“

Eigentlich gibt es doch heute schon genug Nahrungsmittel. Fachleute sagen, dass die Rekordweizenernte der Saison 2020/2021 theoretisch ausreichen würde, um 14 Milliarden Menschen satt zu machen.

Es stimmt, wir könnten auch eine wachsende Weltbevölkerung ernähren. Aber wir haben nach wie vor ein großes Problem mit der Verschwendung von Nahrungsmitteln, insbesondere in reichen Staaten. Hinzu kommen in armen Ländern massive Verluste in der Lieferkette, weil es an Möglichkeiten der Weiterverarbeitung fehlt. Wir müssen in den ländlichen Regionen unbedingt mehr Betriebe ansiedeln, die den Produzenten ihre Ware abnehmen und damit auch mehr Wertschöpfung schaffen. Das würde auch mehr Konkurrenz auf der Nachfrageseite schaffen und dazu führen, dass Landwirte nicht mehr nur einem oder sehr wenigen Abnehmern ausgeliefert sind und fairere Preise erhalten.

Welche Rolle spielen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern bei der Hungerbekämpfung?

Ihr Beitrag ist enorm – in Afrika produzieren sie 80 Prozent der Nahrungsmittel. Sie erzielen höhere Erträge pro Hektar als agrarindustrielle Betriebe, obwohl sie in der Regel ohne Chemie agrarökologisch arbeiten. Sie bauen keine Monokulturen, sondern verschiedene Früchte und Gemüse nebeneinander an, ackern also auf eine Art und Weise, die die Böden schont und außerdem auch das Klima weniger belastet. Sie erzielen dafür aber keinen fairen Preis, weil auf der Nachfrageseite Oligopole oder Monopole bestehen. Gleichzeitig sind sie am stärksten vom Klimawandel betroffen, erhalten aber aus den Töpfen zur Anpassung an die Erderwärmung am wenigsten Geld.

Zur Person

Dominik Ziller ist seit 1. August 2020 Vizepräsident des International Fund for Agricultural Development (Ifad) in Rom. Zuvor war der 54-jährige Leiter der Abteilung für internationale Entwicklungspolitik im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

Der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Rom. Chef des Ifad ist der togoische Politiker Gilbert Houngbo. Die Organisation investiert in die Landbevölkerung und will sie damit in die Lage versetzen, ihre Armut zu verringern und ihre Ernährungssituation zu verbessern.

Seit 1978 hat der Ifad rund 23,2 Milliarden Dollar als Zuschüsse und zinsgünstige Darlehen für Projekte bereitgestellt, die rund 518 Millionen Menschen erreicht haben. tos

Zivilgesellschaftliche Organisationen kritisieren, dass der „UN Food Systems Summit“ das Machtgefälle zwischen Kleinbetrieben und der Agrarindustrie widerspiegelt, und sehen den Privatsektor beim Gipfel in einer dominanten Rolle.

Diese Kritik teile ich nicht. Es gab im Vorlauf des Gipfels 145 nationale Dialoge, in die weit über 100 000 Menschen involviert waren, da waren natürlich auch kleine Produzenten und Indigene beteiligt, Vertreter der Kommunen und kleiner Banken. Es sind so viele Beteiligte zu Wort gekommen und Perspektiven eingeflossen, der Input ist so reichhaltig, da kann man nicht behaupten, es sei eine Veranstaltung für die Großkonzerne.

Kampf gegen Hunger: „Probleme oft nicht monokausal“

Wie bewerten Sie den deutschen Beitrag zur globalen Hungerbekämpfung?

Entwicklungsminister Gerd Müller hat früher als andere erkannt, wie wichtig das Thema ist. Er hat mit seiner Initiative „Eine Welt ohne Hunger“ beachtliche Finanzmittel mobilisiert und es geschafft, den Entwicklungsetat insgesamt in seiner Amtszeit mehr als zu verdoppeln. So eine Steigerung kriegt man nur hin, wenn man überzeugend in der Sache ist. Er hat den Hunger neben dem Lieferkettengesetz zu seinem Thema gemacht und damit hoffentlich auch zum Bewusstseinswandel in Deutschland beigetragen.

Die Handelspolitik konterkariert das Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit aber immer wieder, wenn beispielsweise tiefgefrorene Hähnchenteile nach Westafrika exportiert und dort billiger als die frischen aus heimischer Haltung verkauft werden. Mit der Folge, dass kleine Zuchtbetriebe aufgeben.

Ich bin schon ein großer Anhänger des freien Handels und froh darüber, dass die EU afrikanischen Ländern für ihre landwirtschaftliche Produkte im Großen und Ganzen einen privilegierten Zugang zum europäischen Markt gibt. Das Problem ist nun aber, dass europäische Landwirte zwar nicht mehr in dem Maß wie früher Subventionen für Produkte bekommen, aber über Flächenstilllegungsprämien und ähnliche Zahlungen eine Art Grundeinkommen haben. Deshalb können sie in der eigentlichen Produktion mit relativ geringen Margen auskommen.

Lebensmittelhilfe: Frauen sammeln im Südsudan Pakete mit Getreide ein, die Flugzeuge des Welternährungsprogramms abgeworfen haben.

Mit der Folge, dass afrikanische Bäuerinnen und Bauern nur schwer konkurrieren können …

Ja, aber afrikanische Staaten hätten andererseits natürlich auch die Möglichkeit, Einfuhren wie die Hähnchenschenkel zu besteuern und damit ihre eigene Wirtschaft zu schützen. Auch hier zeigt sich, dass die Probleme oft nicht monokausal sind und an vielen Stellen nicht global verantwortlich gehandelt wird.

Kampf gegen Hunger: „Wir beobachten das genau“

Was müsste denn – global verantwortlich – künftig auf unserem Speiseplan stehen, um bis 2050 zehn Milliarden Menschen ernähren zu können und gleichzeitig die Ökosysteme nicht zu überfordern.

Weniger Fleisch, das ist völlig klar, wenn Sie sich die Ökobilanz der Erzeugung anschauen. Auch weniger Fisch für uns in den reicheren Ländern, für viele Menschen in ärmeren Ländern ist das eher schwierig, weil es für sie eine wichtige Eiweißquelle ist. Dann deutlich mehr Gemüse, Hülsenfrüchte und Getreide, möglichst nachhaltig und ohne Pestizide und Chemie angebaut, mit dem Know-how, über das die Kleinbauern verfügen.

Das ist jetzt keine gute Nachricht für Unternehmen wie Bayer.

Es ist ja auch nicht meine Aufgabe, Bayer und Co. glücklich zu machen.

Was macht Ihnen Hoffnung, dass der „UN Food Systems Summit“ nach all den vorausgegangenen Selbstverpflichtungen nun die richtigen Weichen stellt?

Wenn es ihn nicht gäbe, hätten wir jedenfalls eine Chance vertan, jetzt doch noch die Kurve in der Hungerbekämpfung zu kriegen. Freuen würde mich, wenn junge Menschen, die sich etwa bei Fridays for Future engagieren, das Signal senden würden: Wir beobachten das genau und wir lassen es Euch nicht durchgehen, wenn Ihr wieder nur Versprechen macht und nicht liefert. (Interview: Tobias Schwab)

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