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Kahlschlag in den Karpaten

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Von: Joachim Wille

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Die Karpaten seien eine „der letzten verbleibenden Bastionen wilder Natur“ , so Greenpeace.
Die Karpaten seien eine „der letzten verbleibenden Bastionen wilder Natur“ , so Greenpeace. © Iordache Magdalena/Imago

Greenpeace schlägt Alarm: Die Wälder der Gebirgskette schwinden in rasantem Tempo.

Die Gebirgskette der Karpaten ist ein Hotspot der biologischen Vielfalt in Europa. Sie stellt nach Skandinavien und der russischen Taiga das größte Gebiet des Kontinents dar, das noch mit Primär- und Urwäldern bewachsen ist. Satellitendaten zeigen laut einem von der Umweltorganisation Greenpeace vorgelegten Report jedoch, dass die Wälder dort in einem alarmierenden Tempo abnehmen. Die Abholzung finde auch in Nationalparks und Natura-2000-Gebieten sowie in vielen ungeschützten alten Wäldern statt. Im Schnitt gingen dabei jede Stunde mehr als fünf Fußballfelder Wald für die Holzgewinnung verloren.

Der Greenpeace-Bericht wurde jetzt im Vorfeld des UN-Biodiversitätsgipfels veröffentlicht, der nächsten Monat im kanadischen Montreal stattfindet. Dort soll ein neuer weltweiter Pakt zur Bekämpfung des Verlusts der biologischen Vielfalt beschlossen werden. Die Umweltorganisation kritisiert, dass die EU ihre Ziele, die sie sich 2010 im Rahmen der UN-Konvention über die biologische Vielfalt (CBD) gesetzt hat, nicht erreicht hat. Die Situation in den Karpaten sei ein besonders drastisches Beispiel für das Versagen.

Die Karpaten-Gebirgskette durchquert mehrere osteuropäische Länder, darunter Polen, die Slowakei, die Ukraine und Rumänien. Sie ist mit 1500 Kilometern länger als die Alpen, ihre Breite beträgt 100 bis 350 Kilometer. Laut dem Report wird in den unterschiedlich geschützten Wäldern der Region ein aggressiver Holzeinschlag betrieben. In den vergangenen zwei Jahrzehnten seien mehr als 7350 Quadratkilometer Waldfläche verloren gegangen. Das entspricht fast der dreifachen Fläche des Saarlandes.

Aktionsplan gefordert

In früheren Jahrzehnten wurde in den Karpaten nur wenig Holz geschlagen. Grund: Die Topografie ist stark zerklüftet, das Gelände war lange nur schwer zugänglich. Doch inzwischen wurden und werden Forststraßen gebaut, um Bäume auch in entlegenen Gebieten fällen zu können. Greenpeace hat hochgerechnet, dass bei ungebremster Abholzung bis 2050 fast 20 Prozent des Karpaten-Waldes verschwunden sein werden, die es 2000 noch gab. Dies müsse verhindert werden. Die jetzt noch vorhandenen Naturwälder speicherten enorme Mengen an Kohlenstoff und böten den Menschen in der Region Schutz vor Überschwemmungen, Dürren und anderen extremen Wettereinflüssen. Derzeit sind laut der Umweltorganisation nur drei Prozent der Karpaten-Wälder komplett vor Abholzung und dem Bau neuer Straßen geschützt.

Der polnische Greenpeace-Experte Robert Cyglicki, einer der Autoren des Berichts, kommentierte: „Die Karpaten sollten zu den am besten geschützten Regionen in Europa gehören, doch die Realität zeigt das Gegenteil.“ Bislang hätten die meisten Schutzmaßnahmen die beschleunigte Zerstörung nicht aufhalten können. Wolle die EU ihr Ziel der Biodiversitätsstrategie, bis 2030 zehn Prozent der Land- und Wasserflächen streng zu schützen, wirklich erreichen, müsse sie dies vor allem in Regionen wie den Karpaten umsetzen, die eine „der letzten verbleibenden Bastionen wilder Natur“ seien.

Greenpeace forderte die EU-Kommission und die nationalen Behörden in der Region auf, einen länderübergreifenden Aktionsplan zu entwickeln und EU-Mittel für dessen Umsetzung sicherzustellen. Flankierend brauche es ein sofortiges Verbot des Holzeinschlags in den Karpaten-Wäldern sowie ein zehnjähriges Moratorium für neue Forststraßen, um Zeit für die Umsetzung des Plans zu gewinnen.

Ein Teil des Karpaten-Holzes landet wahrscheinlich auch in Deutschland. „Es ist damit zu rechnen, dass Holz aus schützenswerten Wäldern in den Karpaten bei uns in Deutschland landet“, sagte Greenpeace-Campaignerin Gesche Jürgens, und zwar entweder durch Direktimporte oder über österreichische Unternehmen, die große Mengen Holz vor allem aus Rumänien umsetzten. „Da vielfach nicht nachzuvollziehen ist, woher das Holz wirklich kommt, können sich Kund:innen in Baumärkten und Möbelhäusern unwissentlich an der Waldzerstörung mitschuldig machen“, so Jürgens. Die Produkte seien dort nur selten genau gekennzeichnet, teilweise sei selbst die Holzart falsch angegeben. Große Hoffnung setzt Greenpeace in die von der EU geplante Verordnung für Lieferketten, die Entwaldung oder nicht nachhaltige Forstwirtschaft ausschließt.

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