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Bauer Paul François auf seinem Feld. Seit mehr als zehn Jahren versucht er, eine Entschädigung von Monsanto zu erhalten.

David gegen Goliath

Kämpfer gegen Monsanto

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Der französische Landwirt Paul Francois ist überzeugt: Ein Unkrautvernichter des nun zu Bayer gehörenden US-Konzerns Monsanto hat seine Gesundheit ruiniert. In Europa könnte er mit seiner Klage einen Präzedenzfall schaffen.

Die Ackerfurchen sind tief, die Schollen trocken und hart, doch Paul François stolpert über etwas anderes – ein Wort. Diesmal will ihm das Substantiv „Anbau“ nicht einfallen, als er erzählt, er habe mittlerweile vollständig auf biologischen Anbau umgesattelt. „Ab und zu habe ich ganz kurze Aussetzer, wie Gedächtnislücken“, meint der Landwirt, der sonst ebenso schnell wie präzise spricht. „Es ist, wie wenn der Motor für eine Sekunde stockt. Dann springt mein Gehirn wieder an.“

Schuld ist ein Unfall – als François giftige Gase einatmete. Doch darüber redet er ungern. Lieber berichtet der 53-Jährige über die Entwicklung seines 240 Hektar großen Guts in Bernac (Westfrankreich), auf dem er geboren wurde. „Die Umstellung auf Bio dauerte Jahre und verlangte viel Einsatz, doch heute bewirtschafte ich die grünen Bohnen, den Raps und Weizen nur noch nachhaltig.“ Unkrautvertilger kommt nicht mehr zum Einsatz. Dafür ein zusätzlicher Angestellter, meint François mit Genugtuung in der Stimme. Denn ohne Chemie erfordere der Anbau – jetzt kommt das Wort problemlos über die Lippen – nun einmal etwas mehr Aufwand.

Der temperamentvolle Franzose legt Wert auf die Feststellung, er setze nicht erst seit seinem Unfall im Jahr 2004 auf Bio. Schon Jahre zuvor habe er sich mit der Idee befasst. Aber er räumt ein: Auf dem elterlichen Gut „Beauregard“ habe man früher stets mit Herbiziden und Pestiziden gearbeitet. „Das war praktischer und ging schneller.“

Als er den Hof übernahm, blieb er zunächst dabei. Bis zu dem besagten „Unfall“. Dieses Wort muss der Getreidebauer nicht suchen. Auch das Datum nicht: „Es war am 27. April 2004, einem Tag mit blauem Himmel.“ François öffnete einen Tank mit dem Pflanzenvernichtungsmittel Lasso, um nachzuschauen, ob es aufgebraucht war. War es nicht. In der Hitze hatte es starke Dämpfe entwickelt – die François inhalierte, als er den Deckel öffnete. Bald darauf wurde ihm schlecht und schwindlig. Ins Haus zurückgekehrt, verlor er das Bewusstsein. Seine Frau, eine ausgebildete Krankenschwester, rief sofort die Ambulanz und forderte die Notfallstation auf, das Beatmungsgerät zu aktivieren. Das rettete möglicherweise sein Leben.

Seither kämpft François mit schweren Symptomen, darunter Kopfschmerzen, Gedächtnislücken, Immunschwäche. Und er kämpft gegen den US-Konzern Monsanto, den Hersteller von Lasso. Der Franzose fand schnell heraus, dass das Herbizid in Ländern wie Kanada und England verboten war. Auf dem französischen Etikett stand hingegen zu lesen: „Erfordert keine spezielle Ausrüstung.“ Also auch keine Atemschutzmaske.

Monsanto bestritt – bestreitet noch heute – jeden Bezug zu François’ Gesundheitsproblemen. Der Landwirt verlangte vergeblich eine Entschädigung und ging 2007 vor Gericht. Wenige Monate danach untersagte auch Frankreich den Einsatz von Lasso.

Der Rechtsstreit ist ein Präzedenzfall: Wenn der Landwirt aus der Charente-Gegend vor Gericht recht erhält, dürften andere Lasso-Opfer seinem Vorbild folgen, und auch Kunden des noch heute verwendeten Herbizids Glyphosat. Und in Frankreich, dem größten Agrarland der EU, könnten die Geschädigten in die Dutzende, ja Hunderte gehen, schätzt der Verein „Phyto-Victimes“, der sich für Chemieopfer wie François einsetzt.

Beide Seiten kämpfen daher mit letztem Einsatz. François hat bereits 50.000 Euro in den Rechtsstreit investiert, wovon ein kleiner Teil durch Spenden des Vereins gedeckt ist. „Ich hätte nie gedacht, wie brutal es sein würde“, sagt François. Damit meint er nicht einmal seine Migränen, gegen die sogar morphinhaltige Schmerzmittel die Wirkung verlieren. Er meint das Verhalten von Monsanto. „Ich habe vor Gericht noch nie einen Vertreter der Firma zu Gesicht bekommen. Nur die Anwälte lassen sich blicken, um eiskalt zu erklären, ich hätte nach dem Einatmen der Lasso-Dämpfe zuerst einen Gerichtsvollzieher holen sollen, um alles aufzuzeichnen.“ Die Notfallambulanz hätte warten sollen.

Der Prozess dauert bereits zehn Jahre. Auf dem Instanzenweg erhielt François zweimal recht mit dem Argument, das Lasso-Etikett habe ungenügend auf die Gefährlichkeit des Produkts hingewiesen. Der Kassationshof, höchstes ordentliche Gericht in Frankreich, befand hingegen 2017, die Kernfrage – die Gefährlichkeit des Unkrautmittels – sei nicht genügend abgeklärt worden und ordnete einen neuen Prozess an.

Monsanto kommuniziert zu dem laufenden Verfahren nicht, hat aber seinen Standpunkt in einer Pressemitteilung zusammengefasst: „Die fundierte Analyse des Falles hat ergeben, dass es für den Zusammenhang zwischen dem Herbizid Lasso und den Symptomen von Herr François keinen Beleg gibt.“

François verweist dagegen auf mehrere Studien, die bestätigen, dass der Lasso-Wirkstoff Monochlorbenzol das Immun- und Nervensystem angreift. „Mein Abwehrsystem ist so geschwächt, dass jede Infektion tödlich ausgehen kann“, erklärt der Landwirt. „Dank einer Algentherapie falle ich wenigstens nicht mehr regelmäßig ins Koma.“

Dennoch muss François nun mitten am Nachmittag eine Pause einlegen: Der Gutsbesitzer wird plötzlich sehr müde. Auf dem Rückweg in sein Büro sinniert er, ob die Übernahme des US-Multis durch den deutschen Pharma- und Agrarchemiekonzern Bayer vielleicht etwas an dem – wohl erst 2020 anstehenden – neuerlichen Gerichtsverfahren ändern könnte. „Das politische Umfeld ist in Deutschland und Frankreich anders“, sagt er. In Paris sei eben der grüne Umweltminister Nicolas Hulot zurückgetreten, unter anderem, weil sich Präsident Emmanuel Macron geweigert habe, Glyphosat zu verbieten.

„Seither gilt Hulot als mutig, Macron als lobbyabhängig“, so François. „Dieser Kritik durch die öffentliche Meinung können sich die Politiker, aber auch die Großfirmen nicht verschließen.“ Ein Vertreter von Bayer-France habe ihm unter vier Augen gesagt, man könne nur den Kopf darüber schütteln, wie sich Monsanto mit seinen Kunden auf der halben Welt anlege. Das habe Bayer bei der Übernahme unterschätzt.

Jetzt bricht der Landwirt das Gespräch ab. Zu den guten Wünschen für seine Gesundheit meint er beim Abschied: „Wünschen Sie das den Bauern in China und Afrika. Dort scheint dieses Herbizid noch zugelassen zu sein.“

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