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"Wir brauchen viele, die sich organisieren": Masdon will noch mehr Arbeiterinnen und Arbeiter für seinen Kampf mobilisieren.

Palmölplantagen in Sumatra

Kämpfer gegen das Leid der Palmölsklaven

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Auf den Palmölplantagen in Sumatra schuften die Arbeiter unter menschenunwürdigen Bedingungen. Der ehemalige Anwalt Masdon will das ändern – und riskiert viel.

Am Ufer des braunen Flusses steht ein weißes Holzschild. „Harap hati-hati awas!!! Ada Buya“ steht da in frischer, roter Farbe. Eine Warnung vor Krokodilen. Die, sagt Masdon wütend, „kommt zu spät“. Eine Woche zuvor wurden hier zwei Frauen von einem Krokodil getötet. Sie hatten sich im Fluss gewaschen. Hier gibt es kein fließendes Wasser, der nächste Brunnen ist weit entfernt. Vom Ufer führt ein Pfad zu erbärmlichen Baracken, der Boden ist übersät mit Müll, ein Streifen Matsch stinkt bestialisch: eine offene Kloake. Nicht mal Plumpsklos gibt es hier, wo die Arbeiterinnen und Arbeiter leben.

Das Elend, in das mich Masdon geführt hat, liegt in einer riesigen Palmölplantage in Nordsumatra. Dort ließen die niederländischen Kolonialherrscher schon 1911 die ersten Ölpalmen pflanzen. Heute sind zwei Drittel der indonesischen Insel damit bedeckt. Dass für das meistproduzierte Pflanzenfett der Welt Regenwälder vernichtet und Indigene vertrieben werden, dass Orang-Utans vom Aussterben bedroht sind – all das hat für Aufmerksamkeit und Kritik gesorgt.

Leben in der Isolation

Das Leid der Palmölsklaven aber ist tief in den Plantagen verborgen. Dabei sind gerade sie es, die diesen Rohstoff so billig und die Palmöl- und Konsumgüterindustrie so reich machen – weil sie gnadenlos ausgebeutet werden und ihre Löhne noch schlechter sind als zur Kolonialzeit. Deshalb kämpft Masdon seit mehr als 20 Jahren für sie. Keine ungefährliche Angelegenheit: „In der Soeharto-Ära saß ich deswegen schon im Knast und wurde gefoltert. Heute hetzen mir Palmölfirmen Polizisten auf den Hals, die mein Büro auseinandernehmen und mich bedrohen.“ Masdon ist deshalb nicht der richtige Name des ehemaligen Anwalts, der 51-Jährige nutzt ein Pseudonym.

Vor der Baracke steht eine Kiste, in der stinkende Fische an der Sonne trocknen. In den winzigen düsteren Räumen liegen Matratzen und Tücher auf dem Boden. Manche Familien leben hier seit Generationen – seit der Kolonialzeit. Vor der Hütte sitzen vier Frauen: Sprüherinnen, die Pestizide ausbringen. Sie töten das Unkraut an den Stämmen, damit die Palmfrüchte besser geerntet werden können. Bis zu 30 Kilo wiegen die Kanister, die sie auf dem Rücken tragen und bis zu zwölfmal am Tag wieder auffüllen müssen. „Wir haben Ausschläge und Atembeschwerden“, sagt eine Frau zögerlich und zeigt ein Stück Stoff. „Eine Schutzmaske bekommen wir einmal im Jahr. Wenn sie kaputt ist, müssen wir eine neue selbst kaufen.“ Bezahlen müssen sie die von den drei Euro, die sie am Tag verdienen.

Plötzlich bremst neben uns ein Motorrad. Nach einem kurzen Wortwechsel hastet Masdon zum Auto: „Schnell weg, der ist von der Security.“ Kein Wunder, dass die Frauen so verängstigt waren. Wer aufmuckt, kann schnell seinen Job verlieren und damit auch seine Lebensgrundlage.

Als wir die Plantage der Firma Rimba Mujur Makato, ein Sublieferant des Konzerns Unilever, im Juni 2014 besuchen, wird diese vom TÜV Rheinland inspiziert. Sie soll das begehrte Nachhaltigkeitssiegel des Roundtable on Sustainable Palmoil (RSPO) erhalten. Die vom WWF, Unilever und der Palmölindustrie gegründete Initiative ist hochumstritten, weil Mitglieder illegal abholzen und Menschenrechte verletzen. Erst 2016 belegte eine Studie von Amnesty International schwere Arbeitsrechtsverletzungen auf RSPO-Plantagen: Zwang zu unbezahlten Überstunden, Einsatz des hochgiftigen, in Europa verbotenen Gifts Paraquat und gefährliche, ausbeuterische Kinderarbeit.

Masdon und ich fahren durch die endlose Monokultur. An den Rändern liegen stapelweise Ölfrüchte. Sie sehen aus wie gigantische Ananas. Männer verladen sie auf Lkw, die dahin donnern, woher der schwarze Rauch zieht: In den Ölmühlen müssen die Früchte binnen 24 Stunden verarbeitet werden, sonst wird das Fett unbrauchbar.

Für die Arbeiterinnen und Arbeiter ergibt sich daraus ein großes Machtpotenzial: Ein Streik könnte die Produktion lahmlegen. Würden Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Rechte und Forderungen durchsetzen, könnte das auch die Expansion der Plantagen stoppen. Es liegt an den niedrigen Löhnen, dass Palmölfirmen aus ihren Investitionen in neue Plantagen so schnell hohe Gewinne generieren. Die armen und erpressbaren Arbeiter sind ihre wichtigste nachwachsende Ressource. „Ja, das wäre natürlich das ganz große Ziel. Aber so einfach ist das leider nicht“, sagt Masdon. „Du hast ja gesehen, wie verängstigt die Frauen waren. Die Leute leben völlig isoliert in der Plantage, haben keinen Kontakt nach draußen, bekommen Informationen nur von den Bossen. Sie vertrauen ihr Leben der Firma an.“ Masdon ist ein gemütlicher Mann. Doch man hört, wie schwer es ihm fällt, geduldig zu bleiben. Für seinen Kampf ist er mit seiner Familie nach Medan gezogen und hat dort die NGO Oppuk gegründet, die Arbeiterinnen und Arbeiter dabei unterstützt, Gewerkschaften zu gründen und sich dem unabhängigen indonesischen Gewerkschaftsbündnis Serbundo anzuschließen, das rund 5000 Mitglieder hat. „Wir brauchen viele, die sich organisieren. Sonst wird die Firma Leute rausschmeißen.“

Achtjährige auf der Plantage

Ein Moped knattert vorbei. Darauf ein Vater mit Kind. Der Junge ist höchstens zwölf Jahre alt und hält eine riesige Sichel über der Schulter. Damit schneiden die Arbeiter die Früchte von den Palmen. Oft verletzten sich die Männer, wenn die bis zu 50 Kilo schweren Früchte herunterfallen. „Acht Jahre sind die Kinder alt, wenn sie zum ersten Mal auf der Plantage arbeiten“, sagt Masdon. Aber Kinderarbeit ist in Indonesien doch verboten? „Sicher“, lacht Masdon heiser, „auf dem Papier. Die Frauen und Kinder werden nicht bezahlt, sie helfen freiwillig, so einfach ist das.“

In einer Hütte außerhalb der Plantage will Masdon Arbeiter treffen. Vier Männer betreten den Raum, Hanif*, Bakti und Eddi* stützen den vierten, Rio*. Er hatte einen Arbeitsunfall, sein Bein ist verdreht, er kann nicht mehr laufen. Baktis Mutter ist eine der Frauen, die vom Krokodil getötet wurden. Die Männer erzählen uns vom System der Zwangsarbeit, das in vielen Plantagen üblich ist: „Wir müssen jeden Tag 60 Früchte ernten. Das schafft niemand allein“, sagt Eddi. „Wir müssen unsere Frauen und Kinder holen, damit sie uns helfen.“ Die Frauen haben bereits stundenlang Gift gesprüht, wenn sie die schweren Früchte herumwuchten. Früher oder später leiden sie an Gebärmuttervorfall, der extremen Variante, bei der der Uterus aus der Vagina herausfällt. „Wenn wir das Tagesziel nicht erreichen, bekommen wir manchmal keinen Lohn“, sagt Hanif. Umgerechnet 100 Euro im Monat würden sie verdienen, das reiche nicht zum Leben. Einer Gewerkschaft gegenüber sind sie trotzdem skeptisch. Als Masdon aber zum vierten Mal unbeirrt seine Faust erhebt und den Serbundo-Ruf „Es lebe der Arbeiter! Frei!“ ruft, rufen alle mit.

Ein Jahr später schickt mir Masdon ein Video. Es zeigt mehrere Männer, sie strahlen, recken die Faust und rufen den Serbundo-Ruf. Es ist ihnen gelungen, eine Gewerkschaft mit 200 Mitgliedern zu gründen. Rio hat daraufhin Entschädigung für sein Bein erkämpft und Bakti für den Tod seiner Mutter. Doch Rückschläge gibt es immer wieder: „Eigentlich hatten wir sogar erreicht, dass die Firma Schutzkleidung bereitstellen, die Löhne erhöhen und Versammlungsfreiheit garantieren wollte“, sagt Masdon heute. „Doch dann gründete die Firma eine eigene Gewerkschaft und drangsalierte die Serbundo-Mitglieder, manche wurden gekündigt.“ Und dennoch: „Wir geben nicht auf und arbeiten weiter daran, eine Gewerkschaft dort zu etablieren. Die Arbeiter müssen selbst für ihre Rechte kämpfen – sonst macht es niemand.“

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