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Arbeiten bis zum Umfallen: Textilfabrik in Phnom Penh.

Freie Meinungsäußerung

Der Kämpfer

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Tola Moeun engagiert sich in Kambodscha für das Recht auf freie Meinungsäußerung und Streik. Auch von Anklagen der Regierung lässt sich der Menschenrechtler nicht unterkriegen.

Es ist schwierig, den vielbeschäftigten und rastlosen Tola Moeun für ein paar ruhige Minuten in Beschlag zu belegen. „Ich war in Thailand und habe dort kambodschanische Wanderarbeiter besucht“, erklärt der 44-jährige Direktor des „Center for Alliance of Labor and Human Rights“ (Central) in Phnom Penh seine lange Abwesenheit vor und nach den letzten Wahlen in seiner südostasiatischen Heimat.

Jetzt wartet schon wieder jemand vor dem Eingang des Büros in Khan Menchey, einem Stadtviertel von Kambodschas Hauptstadt, im Schatten der Tum-Nup-Tuek-Kirche und der Dombok-Khpous-Pagode gelegen. Aber der Vater von drei Kindern will von seinen Träumen erzählen und nimmt sich etwas Zeit. „Ich wünsche mir wirkliche eine Demokratie, in der wir alle gleiche Rechte besitzen“, sagt er. „Mein Vorbild ist Mahatma Gandhi mit seinem Glauben an den gewaltfreien und passiven Widerstand. Das ist auch unser Weg.“

Es kommt in diesen Zeiten selten vor, dass sich jemand an die Ideale des schmalen Rechtsanwalts mit der Nickelbrille erinnert, der mit starrsinniger Beharrlichkeit das damals noch als Großmacht geltende Großbritannien in die Knie zwang und die Unabhängigkeit Indiens erreichte. Mit seinem kahlgeschorenen runden Kopf teilt Tola Moeun zwar die Glatze mit Indiens Nationalhelden. Aber die fröhliche Persönlichkeit, das gewinnende Lächeln und der stämmig wirkende Körperbau des kambodschanischen Menschenrechtlers und Vorkämpfers der Arbeiterbewegung haben wenig mit dem rechthaberischen Asketen gemein, zu dem Gandhi sich während des Unabhängigkeitskampfes wandelte.

Tola Moeun steht zudem mit seiner kleinen Organisation vor Herausforderungen, die das knapp 17 Millionen Einwohner zählende südostasiatische Land zum ungewöhnlichen Mittelpunkt aufeinanderprallender wirtschaftlicher Interessen, geopolitischer Intrigen und gegensätzlicher Ideologien machen. „70 Prozent aller Ausfuhren Kambodschas kommen aus der Textil- und Schuhwerkindustrie“, sagt Tola Moeun. „Die Auftraggeber sitzen im Westen. Die Fabrikbesitzer stammen aus China, Taiwan, Südkorea oder Japan. Die Arbeiter – viele von ihnen Frauen – aus Kambodscha produzieren billig für den Weltmarkt.“

Sie erhalten einen monatlichen Mindestlohn von 170 US-Dollar und liegen damit weit über den Löhnen anderer Arbeitnehmer in Kambodscha. Dennoch verkündet Central fast täglich schlechte Nachrichten aus der Welt der rund 500 000 bis 650 000 Beschäftigten. „Ein Drittel aller Arbeiterinnen wurde ohnmächtig“, heißt es nüchtern in einem Tweet von Central. An anderen Tagen fallen mal zehn Arbeiterinnen um. Dann wiederum wird das Personal einer ganzen Schuhfabrik bewusstlos. „Das ist ein weiterverbreitetes Problem“, sagt Tola Moeun, „in vielen Fabriken gibt es eine unzureichende Lüftung.“

Dank dem Kampf von Central und Gewerkschaften für bessere Arbeitsbedingungen besitzen 88 Prozent der Betriebe inzwischen Erste-Hilfe-Stationen. Manche –haben zudem Räume eingerichtet, damit Mütter ihre Kinder stillen können. Wie schwer es fällt, diese kleinen Erfolge zu erzielen, machen zwei Zahlen deutlich. Während der vergangenen zwei Jahre vertrat Central 3500 Gewerkschaftsfunktionäre, die illegal entlassen wurden. 100 Gewerkschafter benötigten gar den Beistand von Central, weil ihnen kriminelle Vergehen vorgeworfen wurden.

„In Kambodscha besitzen wir in der Praxis nicht das Recht auf freie Organisation. Das Streikrecht wird uns verwehrt. Und wir kommen auch nicht in den Genuss der freien Meinungsäußerung“, sagt Tola Moeun. Der 44-jährige Familienvater warf während der 1990er Jahre angesichts unverhohlener Vetternwirtschaft und wachsender Korruption ernüchtert seinen Job als Regierungsbeamter hin und schlug sich eine Zeit lang als Englischlehrer durch. Mit gleichgesinnten Freunden gründete Moeun dann vor etwas mehr als zehn Jahren schließlich Central.

In der Regierung des Alleinherrschers Hun Sen besitzt er keine Freunde. Im vergangenen Jahr strengte sie einen Prozess wegen Veruntreuung gegen ihn an. Der Vorwurf: Gemeinsam mit Pa Nguon Teang, einem für Medienfreiheit kämpfenden Aktivisten, und dem Mönch But Buntenh habe er Geld beiseitegeschafft, das für die Beerdigung von Kem Ley gesammelt worden war. Der Arzt und Regimekritiker war am 10. Juli 2016 in einem Café nahe einer Tankstelle in Phnom Penh erschossen worden. Das Motiv der Bluttat, so glauben viele Kambodschaner: Kem Ley hatte die Regierung kritisiert, nachdem die internationale Organisation „Global Witness“ in einem Report den Reichtum von Premierminister Hun Sen und seiner Familie auf etwa 200 Millionen US-Dollar beziffert hatte.

Das Verfahren wurde nach internationalen Protesten mittlerweile eingestellt. Über ein zweites, immer noch anhängiges Verfahren will Tola Moeun nicht öffentlich sprechen. Offenbar will der Kläger seine Anzeige zurückziehen, wird aber von Behörden an dem Schritt gehindert.

Die Willkür autoritär gestrickter Behörden verfolgt Tola Moeun seit seiner Geburt im Jahr 1974 – ein Jahr bevor die Roten Khmer die Macht übernahmen. Aus einer Studentenorganisation kambodschanischer Maoisten hervorgegangen, verwandelte die Bewegung das südostasiatische Land in die berüchtigten „Killing Fields“. Bis zu drei Millionen Menschen – ein Viertel der Bevölkerung – fielen den Wahnvorstellungen des Anführers Pol Pot und seiner Genossen bis zum Jahr 1979 zum Opfer.

Der Vater von Tola Moeun gehört zu den Kambodschanern, die in Arbeitslagern verhungerten oder erschlagen wurden. „Meine Mutter lebt noch. Aber sie leidet immer noch an den traumatischen Erfahrungen von damals“, sagt Tola Moeun. Dann dreht er das Gespräch schnell in eine andere Richtung. Tola Moeun redet lieber über die Machenschaften von Hun Sen.

Dabei ist es lebensgefährlich, laute Kritik an Hun Sen zu üben. Der seit 28 Jahren herrschende Regierungschef nimmt Tadel jeder Art sehr persönlich, obwohl er nicht um die Macht fürchten muss. Schließlich machte er sich zum Handlanger der Volksrepublik China, die Millionen von US-Dollar nach Kambodscha pumpen. Im Gegenzug verteidigt Kambodscha seit Jahren Chinas internationale Positionen.

„Es sieht so aus, also ob unser Traum von wirklicher Demokratie weit entfernt ist“, sagt Tola Moeun, „aber wir geben nicht auf.“ Seine Hoffnung: Die internationalen Modelabels, die billig in Kambodscha produzieren, könnten ihren Einfluss stärker zur Geltung bringen, um den Einfluss der Großmacht China zu mindern und Hun Sen, der selbst ein Textilunternehmen sein Eigen nennt, demokratische Zugeständnisse abzuringen. „Sie sind bereits aktiv“, sagt Tola Moeun, „aber sie könnten mehr tun.“

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