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Thomas Middelhoff war einer der Topmanager Deutschlands.

Thomas Middelhoff

"Junge Manager würde ich nach Bethel schicken"

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Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff über seine Läuterung in der Haft, Demut und das vermeintliche Glück, eine Jacht besessen zu haben.

Dunkler Anzug, weißes Hemd, ohne Krawatte. Das Gesicht gebräunt, das Haar sitzt bei Thomas Middelhoff. Er ist zum Talk in die „Nette Leute Lounge“ im Rheinloft Cologne in der Kölner Altstadt angereist. Das Interesse der Kölner daran ist groß, was der einstige Superstar unter den deutschen Managern, der tief gefallen ist, über sein Leben zu sagen hat. Doch zwischen dem Leben als Top-Manager und heute liegen Jahre.

Der einst gefeierte Unternehmenslenker verbrachte einige Jahre im Gefängnis. Als Vorstands- und Aufsichtsratschef von Karstadt-Quelle beziehungsweise Arcandor wurde Middelhoff zu drei Jahren Haft verurteilt. Nun sitzt er vor den Kölnern und erzählt seine Geschichte. In der anschließenden Fragerunde erhält er viel Zuspruch. Auch wegen seiner Offenheit. „Ich bin ein schlechter Menschen geworden“, hatte er über sich selbst gesagt. Wir unterhalten uns nach der Veranstaltung mit ihm – und führen das Gespräch stehend. 

Herr Middelhoff, Sie haben einen ganz besonderen Weg hinter sich – von einem der angesehensten Top-Manager Deutschlands bis nach ganz unten ins Gefängnis. Was hat das mit Ihnen gemacht?
Das ist eine Entwicklung, die ich nicht gewollt, aber selber verursacht habe. Das ist eine Entwicklung, die im Ergebnis zu einem bewussteren Leben führt und zu einer anderen Definition von Glück, die mit materiellen Dingen eigentlich nichts mehr zu tun hat. Und das ist – in der Rückkopplung zum gefühlten Ich, zur eigenen Persönlichkeit – ein anderes Erleben.

Zum Beispiel?
Wenn man früher immer der Beste sein wollte, der größte Konzern, das glänzendste Betriebsergebnis mit dem größten Gewinn, dann erfahre ich mein Glück heute dadurch, dass ich meine Erfahrungen an die jüngere Generation weitergebe. Auch bei meiner Tätigkeit in Bethel habe ich viele glückliche Momente gesammelt. Das ist etwas, worauf man nicht kommen würde, wenn man das – wie ich zuvor als Manager – nur von außen betrachtet. 

Bei der Beschreibung Ihrer Erfahrungen mit der Justiz entwerfen Sie ein doppeltes Bild: Die Fakten hinter dem Vergehen, das Sie ins Gefängnis gebracht hat, relativieren Sie durchaus; gleichzeitig stellen Sie klar fest, dass Sie die Strafe für verdient halten. 
Ich werde jetzt mein Urteil nicht kommentieren, aber was ich sagen kann: In dem Prozess, den ich anschließend im Sinne von Selbstfindung und Selbsterkenntnis durchlaufen habe, bin ich zu dem Ergebnis gekommen: In Summe hast du das schon verdient.

Das ist eine ziemlich philosophische Form des Schuldbegriffs.
Da liegen Sie richtig. 

Sie sitzen in der Zelle und nach dem ersten Schock reift in Ihnen die Erkenntnis: Das waren nicht die Justiz und der Richter, die Dich hierher gebracht haben ...
... sondern das warst du selbst. Genau so. Natürlich hat das eine Weile gebraucht. Und natürlich sage ich auch manchmal: Hättest du nur einen anderen Richter gehabt! Einige, die ziemlich hoch angesiedelt sind in der Justiz, sagen ja, dass ich in einem anderen Bundesland den Gerichtssaal als freier Mann verlassen hätte. Auch das kommentiere ich nicht, ich sage nur: Ich habe mich seither in meiner Persönlichkeitsstruktur und in Bezug auf meine charakterlichen Eigenschaften verändert. Und Ergebnis der Selbstreflektion ist: Ich hatte die Strafe – aber aus anderen Gründen – wirklich verdient. 

Als Opfer in dem Zusammenhang bezeichnen Sie nicht sich selbst, sondern Ihre Familie ... 
Ja, definitiv. Das ist ja nicht witzig, wenn die Familie an jedem zweiten Tag den Namen des Vaters in diesen Zusammenhängen sieht. Meine Kinder haben verständnisvolle Kollegen oder Chefs, sie werden nicht angefeindet. Sie sehen – anders als zum Beispiel die Zumwinkels – keinen Grund, Deutschland zu verlassen. Aber angenehm ist das alles nicht. Ganz zu schweigen von meiner Frau, die ja nie Teil des sogenannten öffentlichen Lebens war. Sie wurde dann plötzlich mit dadurch gezogen ...

Gibt es darüber hinaus ein Gefühl, dass Sie andere Menschen geschädigt haben könnten – Kollegen, Mitarbeiter, Angestellte?
Naja. Ich bin ja nicht verurteilt worden wegen der Insolvenz.

Es ist auch eher eine Frage nach Ihrem Reflexionsprozess.
Aber auch in der Selbstreflexion hätte es diese Insolvenz nicht gegeben. Die war nämlich unnötig, es war eine Planinsolvenz ohne Finanzierung, aber gut – lassen wir das. Und ja, es gibt eine Selbstreflektion: Ich habe etwa zu viel abverlangt von meinen Führungskräften.

Haben Sie ein Beispiel? 
Ja, vor ein paar Wochen habe ich jemanden wieder getroffen, der früher mit mir gearbeitet hat. Er hat erzählt, dass er das nicht durchgehalten habe, diese hohe Taktzahl rund um die Uhr. Denn das ist ja eine Kehrseite der Medaille: Ich hatte keine 70-Stunden-Woche, es war deutlich mehr: Samstagmorgens von New York rüberfliegen, sonntags in Gütersloh arbeiten, Montagfrüh in Gütersloh weiterarbeiten und Montagmittag mit der Concorde wieder zurück. Das war mein Leben. Die physischen Belastungen kann man kaum jemandem klar machen. 

Und diese Art Leben stimmte zu diesem Zeitpunkt überein mit Ihrem Selbstbild? 
Schon. Aber leider nahm es immer stärkere Formen an: Dann waren es irgendwann nicht mehr 80 Stunden in der Woche, dann waren es 90 Stunden und mehr. Ja, das war eine Art Sucht. Was ich nicht verstanden hatte: Je inhaltsleerer ich eigentlich war, desto mehr wollte ich immer noch obendrauf legen – immer noch mehr Arbeit, immer noch mehr materielle Dinge, für die ich sowieso keine Zeit hatte. Ja, ich bin geflogen und hab’ mich dabei selbst überholt. Ich wusste nicht mehr, wo ich war und wo ich aufwachte. Es war extrem. 

Wann fing das denn an bei Ihnen? Wann hatten Sie gemerkt, dass Sie das Talent haben für Ihre Art von Laufbahn? 
Ich glaube, das war mit 16, 17 Jahren. Da habe ich gemerkt: Wenn ich will, kann ich meine Umgebung wirklich in Bewegung setzen. Wenn ich mich für etwas begeistere, dann kann ich Menschen mitreißen, ganze Säle mitreißen. Und ich habe bemerkt, dass ich sehr kompetitiv bin. Das bin ich auch heute noch nicht ganz los. 

Wie macht sich das heute bemerkbar? 
Nicht lachen, bitte, aber wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin und da kommt einer, der 30 Jahre jünger ist und versucht mich zu überholen – da gebe ich noch mal mehr Gas. Da haben Sie’s: Selbst heute, auf dem Fahrrad lasse ich mich nicht gerne überholen. Das ist doch irre.

Wie hat sich dieser Ehrgeiz ausgewirkt auf Ihre Tätigkeit – war das ein steter Wettstreit mit anderen Managern?
Ja, man nimmt wahr, was die anderen tun: Aha, der hat diese Bilanz vorgelegt; der wird von den Investoren hoch geschätzt – da muss ich mithalten. Das ist schon eine Kaste für sich – auch über Industriegrenzen hinaus: Wird der besser gerankt und eingestuft? Das führt im Ergebnis zu absonderlichen Verhaltensmerkmalen. Topmanager sind etwa die einzige Berufsgruppe, die sich nicht solidarisiert.

Die Manager als Parallelgesellschaft – würden Sie den Begriff für sie verwenden?
Ja, das würde ich. 

Hat das allgemeine Volksempfinden also recht, dass Manager völlig abgehoben sind?
Ich meine nicht, dass sie per se abgehoben sind. Ich glaube, dass sie mit Instrumenten arbeiten, die sich für den normalen Bürger so nicht erschließen. Zum Beispiel der berühmte Business Jet: Man kann mit niemandem reden, arbeitet den ganzen Flug über und wird von A nach B gebracht. Das ist doch kein Luxus! Es ist ja nicht so, dass man Nutten an Bord hätte oder der Champagner in Strömen flösse. Stattdessen: Aktenstudium, Telefonate, E-Mails schreiben. 

Berühmt geworden ist aber etwa der Fall, als Sie Ihren Privatjet für 80 000 Euro nach New York kommen ließen, um vier Stunden früher zurück zu sein. Das wurde durchaus als abgehoben angesehen. Dahinter steckt ja: Vier Stunden Middelhoff sind 80 000 Euro wert.
Ich würde heute in diesem Einzelfall und mit dem Abstand, den ich habe, vielleicht anders entscheiden. Aber wenn man verantwortungsvoll arbeitet, muss es die Entscheidungskompetenz des Managers sein, welches Instrument er einsetzt, ob er den Zug, einen Linienflug oder den Business Jet nimmt. Ich kann nicht akzeptieren, dass so etwas ein Richter entscheidet. Woher denn? Der Richter, den ich hatte, hat nie einen Konzern geführt, war noch nie in New York und konnte nicht mal Englisch. 

Sie haben Boni in Höhe von 2,5 Millionen Euro erhalten, obwohl der Arcandor-Konzern bereits in Nöten war, und wurden dafür kritisiert.
Ja, klar, mich hat man kritisiert. 

Nicht nur Sie. 
Ach, hören Sie auf! Wer ist denn vor Gericht gekommen wegen Boni-Zahlungen? Auch nicht meine Vorstandskollegen, sondern ausschließlich ich – an meinem Geburtstag. Kein anderer Manager ist wegen Boni-Zahlungen vor Gericht gekommen. 

Sind Bonuszahlungen denn ein Übel?
Meine heutige Sicht ist die: Wenn man Boni zahlt, nur weil ein Manager die Kosten im Unternehmen reduziert hat, würde ich das außerordentlich kritisch sehen. Da ist für mich eine Grenze erreicht. Wenn es aber einen Bonus gibt, weil die Umsatzzahlen gestiegen sind und Arbeitsplätze geschaffen wurden, würde ich das begrüßen. Sollte man Steve Jobs keinen Bonus geben, obwohl der so viele Arbeitsplätze geschaffen hat?

Sie beklagen, dass es auf der Top-Managerebene keine Fehler-Kultur gebe, niemand gebe Irrtümer zu.
Ja, das ist ein Problem. In der Konzernstruktur klammert man einige Themen aus, die aus meiner heutigen Sicht wichtig sind. 

Was meinen Sie?
Wäre ich heute noch einmal für das Führungsstruktur-Konzept von Bertelsmann verantwortlich, würde ich die Führungsnachwuchskräfte für vier bis sechs Wochen in die Werkstatt für behinderte Menschen nach Bethel schicken. Ich würde sagen: Lernt Demut! Kümmert Euch um diese Menschen! Baut eine Beziehung auf! Ich bin sicher, dass man dann bei der Entscheidung, ob man Arbeitsplätze abbaut, etwas nachdenklicher sein würde. 

Sie sagen von sich, dass Sie Fehler gemacht haben und nun dabei seien, ein besserer Mensch zu werden. Das klingt, als seien Sie der Manager Ihrer neuen Biografie, der für eine positive Geschichte mit einem versöhnlichen Ende sorgt. 
Versöhnlich würde ich nicht sagen. Ich frage mich lediglich, wie ich die Erfahrungen, die ich in meinem Leben gesammelt habe, sinnvoll einsetzen kann. Für mich ist es wertstiftend, wenn ich ein, zwei, drei jungen Menschen helfen kann, die mich fragen: Was ist wichtig für mich, wie kann ich Karriere machen?

Was würden Sie Ihnen sagen?
Behaltet euren Charakter! Lasst euch nicht einreden, dass Ihr eine Entscheidung umsetzen müsst, nur um etwas zu beweisen. Lasst den nächsten Schritt aus, wenn es Eurem Charakter widerstrebt. Ich habe all das leider nicht gemacht. 

Sie sagen, Sie leben mit wenig Geld und kommen auch ohne materielle Güter klar. Es gibt aber Menschen, die vier Jobs nachgehen, um zu überleben – die streben nach materiellen Gütern, nach Sicherheit. 
Ja, ich habe es relativ einfach. Ich kann sagen, dass ich alles gehabt habe. Man müsste einmal im Leben eine Jacht haben? Ich hatte eine. Oder einen Jet? Auch das hatte ich. Ich habe mit der Familie von George W. Bush ein Wochenende verbracht und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie schön und menschlich bereichernd das war! Es gibt nichts, was ich nicht gehabt hätte. Wenn jetzt andere Menschen – vom Einkommen her meine neue Peer-Gruppe – über einen Ferrari oder eine Jacht bei St. Tropez staunen, dann kann ich sagen: Mein Gott, wenn Ihr das hättet – Ihr wärt nicht glücklich. Denn ich weiß es! Es macht nicht glücklicher.

Interview: Michael Hesse

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