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David Greaber: "Nicht nur entstehen immer mehr Bullshit-Jobs ? eigentlich sinnvolle Tätigkeiten werden zunehmend mit Bullshit belastet."

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"Jobs, die die Welt nicht braucht"

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US-Bestsellerautor David Graeber über immer mehr sinnlose Arbeit, Manager-Feudalismus und die wunderbare Chance, endlich zu einer Freizeit-Gesellschaft zu werden.

Der Kapitalismus ist hart und effizient. Im Kampf um Rentabilität und Marktanteile streichen Unternehmen Arbeitsplätze, erhöhen die Arbeitsleistung – alles Überflüssige und Unnötige wird weggeschnitten. Doch darin sieht der Anthropologe und Bestseller-Autor David Graeber nur die eine Seite des Systems. Auf der anderen Seite sieht er eine rapide Zunahme sogenannter „Bullshit Jobs“, also von Arbeitsplätzen, die keinerlei erkennbaren Nutzen haben. Sie vermehren sich im Management, in der Verwaltung, in der Werbung und im Finanzsektor. „Man bekommt den Eindruck, immer mehr Jobs werden nur zu dem Zweck eingerichtet, damit wir alle ständig arbeiten“, so Graeber. „Irgendetwas an unserer Zivilisation ist grundlegend falsch.“

Herr Graeber, was meinen Sie, wenn Sie von Bullshit-Jobs sprechen?
Ein Job, den die Welt eigentlich nicht braucht. Es handelt sich nicht um eine schlechte Stelle, bei der man für harte Tätigkeit wenig Geld verdient. Bullshit Jobs sind häufig gut bezahlt. Allerdings ist die Beschäftigung sinnlos oder gar schädlich. 

Nennen Sie ein paar Beispiele.
Da ist die Rezeptionistin, die nichts zu tun hat, weil das Unternehmen gar keinen Publikumsverkehr hat – sie wird aber dennoch eingestellt, weil die Firma meint, sich eine Empfangsdame schuldig zu sein. Eine Frau schrieb mir, ihre Aufgabe sei es gewesen, die Pfefferminzbonbonschale aufzufüllen und eine alte Uhr im Konferenzraum aufzuziehen. Andere Menschen werden nur eingestellt, weil es Vorgesetzte gibt, die unbedingt möglichst viele Untergebene als Statussymbol haben wollen. Sehr viele Beschäftigte in der Werbung beklagen die Sinnlosigkeit ihres Tuns, das nach ihren Worten dazu dient, Bedürfnisse nach nutzlosen Dingen zu wecken. Daneben arbeiten unzählige Menschen an Unternehmens-Hauszeitschriften, die nie jemand liest, die das Management aber liebt, weil sie das Unternehmen gut aussehen lassen.

Maßen Sie sich an zu beurteilen, welche Tätigkeiten gesellschaftlich nützlich sind oder nicht?
Das kann ich gar nicht. Obwohl es Hinweise auf die Nützlichkeit gibt: Wenn zum Beispiel Reinigungskräfte streiken, dann ärgert das viele – schlicht weil die Reinigungskräfte nötig sind, weil wir sie brauchen. Was würde aber geschehen, wenn alle Telefonwerber oder Konzernlobbyisten streiken würden? Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Ärger groß wäre. 

Wie definieren Sie dann Bullshit Jobs?
Ich gehe nicht vom objektiven Nutzen des Jobs aus, sondern vom subjektiven Empfinden des Arbeitenden: Es ist eine Tätigkeit, die die Ausführenden selbst als sinnlos oder schädlich bezeichnen.

Ist das subjektive Empfinden ein guter Maßstab? Schließlich hassen wir alle gelegentlich unsere Jobs, auch wenn das nichts über den objektiven Nutzen unserer Arbeit aussagt.
Es gibt in dieser Frage keinen idealen Maßstab. Ich gehe vom subjektiven Urteil der Arbeitenden aus, erstens weil ich denke, dass sie den Job am besten beurteilen können, schließlich führen sie ihn täglich aus. Zweitens neigen Menschen dazu, eher einen Sinn in ihrer Arbeit zu sehen und ihren Job damit zu rechtfertigen. Bullshit-Jobs hingegen sind so sinnlos, dass nicht einmal der Beschäftigte selbst ihre Existenz rechtfertigen kann – und das, obwohl er sich unter Umständen dazu sogar verpflichtet fühlt. 

Ein Hedgefonds-Manager, der auf Pleiten, Pech und Pannen spekuliert und Milliardenverluste riskiert, hat also keinen Bullshit-Job, solange er seine Tätigkeit nicht für gesellschaftlich schädlich hält?
Exakt. Darin ähnelt er dem Auftragsmörder der Mafia.

Sie zitieren in Ihrem Buch zahlreiche Menschen aus der Werbebranche, die ihre Arbeit gesellschaftlich nutzlos finden, weil sie letztlich den Konsumenten überflüssige Dinge aufschwatzen. Nun wird ein Werber nicht dafür bezahlt, gesellschaftlichen Nutzen zu stiften, sondern den Umsatz und Gewinn seines Kunden zu mehren.  Ein Werber, der unter Sinnlosigkeit leidet, hat vielleicht bloß ein naives Gesellschaftsbild.
Das kann schon sein. Aber es bleibt dabei, dass die meisten von uns ungern ihre Lebenszeit dafür hergeben, die Eigentümer der Unternehmen reicher zu machen. Das mag man naiv nennen. 

Ist das Phänomen der Bullshit- Jobs wirklich so verbreitet?
Das Meinungsforschungsinstitut Yougov hat vor einigen Jahren in Großbritannien eine Umfrage gemacht mit der Frage „Leistet ihre Arbeit einen sinnvollen Beitrag zur Welt?“ 37 Prozent verneinten dies, 13 Prozent waren sich nicht sicher.

Eine Umfrage ist noch nicht gerade eine solide empirische Basis …
Nein, und es gibt bemerkenswerterweise kaum Erhebungen zu dieser Frage. Es spricht jedoch einiges dafür, dass Bullshit-Jobs weit verbreitet sind und zunehmen. Seit ich mich mit dem Thema beschäftige, habe ich hunderte von Zuschriften aus aller Welt bekommen von Menschen, die an ihrer Tätigkeit zweifeln oder sie komplett überflüssig empfinden. Nicht nur entstehen immer mehr Bullshit-Jobs – eigentlich sinnvolle Tätigkeiten werden zunehmend mit Bullshit belastet.

Was meinen Sie damit?
Mir schrieb ein Mann, der in einer Cafeteria bediente. Gab es gerade nichts zu tun, sollte er Tische abwischen, die bereits sauber waren – bloß um beschäftigt zu wirken. Bullshitisierung von Arbeit kenne ich aber auch aus eigener Erfahrung: Hochschullehrer verbringen immer mehr Zeit mit Verwaltung und Papierkrieg, anstatt zu lehren oder zu forschen.

Woran liegt das?
Interessanterweise hat der Papierkrieg an den Hochschulen deswegen so stark zugenommen, weil sie effizienter werden sollen. Nun müssen Wissenschaftler immer mehr Zeit dafür aufwenden, ihre Tätigkeit zu beurteilen und zu rechtfertigen – es ist der Versuch, quantifizierbare Methoden der Leistungsbeurteilung anzuwenden, analog zum Unternehmensmanagement, in dem es von „strategischer Führung“, „strategischen Zielerreichungsmethoden“ oder „strategischen Aufgabenbeschreibungen“ nur so wimmelt. All dies dient definitiv nicht der Erweiterung des Wissens der Menschheit.

Warum sind Bullshit-Jobs überhaupt ein Problem? Schließlich kann es doch ganz angenehm sein, für viel Geld wenig zu tun.
Die herrschende Wirtschaftslehre zeichnet den Menschen als homo oeconomicus, der versucht, das Verhältnis von Aufwand zu Ertrag zu maximieren. Für den homo oeconomicus wäre ein Bullshit Job also kein Problem, sondern ein Glücksfall. Wir Menschen funktionieren jedoch anders. Wir haben offensichtlich das Bedürfnis, mit unserem Job nicht nur Geld zu verdienen, sondern auch etwas gesellschaftlich Sinnvolles zu erledigen. Bei vielen Menschen ist dieses Bedürfnis so groß, dass sie sich einiges einfallen lassen, um ihre Arbeit als letztlich doch nützlich zu bewerten. Häufig gelingt jedoch nicht einmal das. Bullshit-Jobs sind daher eine seelische Qual – sie hinterlassen seelische Narben.

Warum sollte ein Unternehmen jemanden bezahlen, den es nicht braucht?
Vielleicht ist der Kapitalismus nicht so effizient, wie immer gesagt wird. Oder wir leben eigentlich gar nicht im Kapitalismus, sondern in einer Art Manager-Feudalismus, in dem – wie früher bei Hofe – viele Menschen einen Job haben, nur um die Macht und Herrlichkeit der Manager oder Unternehmenseigentümer zu repräsentieren. Zwischen der wachsenden Bedeutung des Finanzsektors, dem Anwachsen der Informationsbranche und der Vermehrung von Bullshit-Jobs scheint ein starker Zusammenhang zu bestehen. Die Politik kümmert das nicht, weil „Arbeit“ als Wert an sich gilt. „Arbeitsplätze schaffen“ – auf diesen Slogan können sich Rechte und Linke immer einigen. Dabei interessiert es offensichtlich nicht, ob diese Arbeitsplätze für irgendetwas gut sind. 

Sollte man nicht froh sein über die Bullshit Jobs? Denn im Zuge der Digitalisierung wird vermehrt davor gewarnt, dass die meisten Arbeitsplätze wegautomatisiert werden. Nicht die Ausbreitung sinnloser Tätigkeiten gilt als Bedrohung, sondern menschenleere Fabriken und Büros.
Für arbeitende Menschen ist beides eine Bedrohung. Dass davor gewarnt wird, das Schuften abzuschaffen, ist für aber ein eindeutiges Anzeichen dafür, dass wir es mit einem irrationalen Wirtschaftssystem zu tun haben. Dass die Maschinen die Arbeit übernehmen, könnte doch etwas Wunderbares sein. Wir könnten zu einer Freizeitgesellschaft werden und eine 24-Stunden-Woche einführen. Stattdessen sind wir als Gesellschaft dazu verdammt, den größten Teil unserer Zeit bei der Arbeit zu verbringen und Dinge zu tun, von denen wir den Eindruck haben, dass sie der Welt keinen Nutzen bringen und uns ansonsten davor zu fürchten, unsere Jobs zu verlieren.

Haben Sie einen Vorschlag zur Lösung?
Eine deutliche Verringerung der Arbeitszeit oder eine Politik des bedingungslosen Grundeinkommens könnten wichtige Schritte in eine rationalere Wirtschaft sein. Mir geht es zunächst allerdings vor allem darum, ein gesellschaftliches Problem darzustellen, von dem sich die meisten Menschen nicht einmal eingestehen, dass es existiert. Mit politischen Empfehlungen dagegen bin ich vorsichtig.

Warum?
Erster Grund: Wenn ich ein Problem wie die Bullshit-Jobs beschreibe und dann eine Lösung wie zum Beispiel ein bedingungsloses Grundeinkommen fordere, dann bewerten Kritiker meine gesamte Problemanalyse nur noch danach, ob das Grundeinkommen ein gangbarer Weg ist. Mit dem Lösungsvorschlag wird also meine gesamte Analyse abgelehnt. Mein zweiter Einwand gegen politische Empfehlungen ist, dass ich Politik gegenüber generell misstrauisch bin. Politik bedeutet meist, dass eine kleine Elitegruppe Entscheidungen für den Rest der Bevölkerung trifft – nicht „wir“ lösen ein Problem, sondern „die“ tun es für uns. Als Anarchist bevorzuge ich Lösungen, die den Menschen Mittel und Wege eröffnen, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln, anstatt Regierungen und Großkonzerne immer mächtiger zu machen.

Interview: Stephan Kaufmann

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