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Für Banker trüben sich die Berufsaussichten ein.

Deutsche Bank

Stellenabbau im Bankensektor: Die Hälfte der Arbeitsplätze in Gefahr

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Experte Robert Melnyk spricht in der FR über die schrumpfende Bankenbranche, welche Sparten von Stellenabbau besonders betroffen sind - und warum.

Robert Melnyk ist Partner und Bankenexperte der Unternehmensberatung E&Y.

Herr Melnyk, seit Jahren bauen Banken weltweit in großem Stil Stellen ab. Ist das Bankgewerbe eine sterbende Branche?
Nein, die Banken werden nicht verschwinden. Klar ist aber: Die Branche schrumpft. Über die letzten Jahre hat sich der Abbau von Jobs bei den Geldhäusern beschleunigt. Dieser Trend wird weitergehen. Einige Studien gehen davon aus, dass ein Drittel bis sogar die Hälfte der Arbeitsplätze im deutschen Kreditgewerbe verloren gehen könnten.

Kann man daraus schließen, dass es lange Zeit große personelle Überkapazitäten in dem Sektor gab? Oder warum wird nun so stark abgebaut?
Die größeren Veränderungen begannen mit der Finanzkrise. Die striktere Regulierung mit höheren Kapitalanforderungen hat das Investmentbanking weniger profitabel gemacht – da wurden viele Investmentbanker nicht mehr gebraucht. Zudem schreitet die Digitalisierung voran, die Kunden übernehmen durch das Onlinebanking viele Prozesse selbst, dazu kommt die Automatisierung von internen Prozessen und Vorgängen. Das kostet Jobs. Die Niedrigzinspolitik der vergangenen Jahre hat die Profitabilitätsprobleme der deutschen Banken zudem beschleunigt. Da Personalkosten der größte Kostenblock der deutschen Geldinstitute sind, liegt es für sie nahe, Jobs abzubauen. In Deutschland kommt noch die Konsolidierung des Bankensektors hinzu – es gibt hierzulande immer noch knapp 1800 Geldhäuser, die Zahl sinkt aber jedes Jahr.

Die Arbeitsplatzsicherheit hat sich stark reduziert

Eine Karriere im Bankensektor galt jahrzehntelang als gute Option, wenn man einen sicheren Job gesucht hat. Das ist heute anders, oder?
Ja, die Arbeitsplatzsicherheit hat sich reduziert. Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Bankbereichen. In der Verwaltung oder der IT von Banken greift die Digitalisierung stark um sich, da werden viele Jobs abgebaut. Auch im Privatkundengeschäft fallen Arbeitsplätze etwa in den Filialen den technologischen Veränderungen zum Opfer. Aber im Großkunden- und Firmenkundengeschäft werden die Kunden weiterhin viel persönlichen Kontakt zu den Banken nachfragen. Auch die Vermögensverwaltung, das Private Banking oder das Transaktionsbanking sind jobtechnisch gesehen vermutlich recht stabile Geschäftsfelder. Banken werden sich immer mehr zu Technologieunternehmen entwickeln – sie werden daher auch mehr Personal aus dem Technologiesektor nachfragen.

Robert Melnyk.

Sie glauben also nicht, dass neue Anbieter – große Konzerne wie Amazon oder kleinere Fintechs – die Banken ganz aus dem Markt drängen werden?
Nein, für Bereiche wie den Zahlungsverkehr könnte das passieren. Der Finanzmarkt ist aber streng reguliert, daher sind die Eintrittsbarrieren sehr hoch. In vielen Segmenten ist es daher sehr schwer, die Banken zu verdrängen.

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Sind die Banker, die in den vergangenen Jahren ihren Job verloren haben, insgesamt wieder gut untergekommen auf dem Arbeitsmarkt?
Banker sind grundsätzlich sehr gut ausgebildet und bislang war der deutsche Finanzsektor meistens in der Lage, freie Kräfte an anderer Stelle wieder aufzunehmen. Aber dadurch, dass der Jobabbau in der Branche sich beschleunigt, wird das immer schwieriger. Es gibt aber einige kompensierende Effekte: Der bevorstehende Brexit wird Jobs zumindest in die Frankfurter Gegend bringen und es gibt Fintechs, die Personal benötigen.

„Klare Vision und Perspektive“ sind nötig

Wie können Banken, die viel Personal entlassen, es schaffen, dass nicht sofort die besten Leute freiwillig gehen?
Das klingt vermutlich abgedroschen, aber das Management muss eine klare Vision und Perspektive für das Unternehmen und diese Mitarbeiter vermitteln. In Deutschland haben Mitarbeiter – anders als im angelsächsischen Raum – oft eine engere emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber; auch die guten Mitarbeiter wollen daher oft gerne bleiben. Aber sie müssen sehen, dass angekündigte Maßnahmen auch wirklich umgesetzt werden, das es auch Fortschritte gibt. Eine klare Kommunikation durch das Management, wo der Abbau passiert, was künftig das Kerngeschäft der Bank ist, ist zudem sehr wichtig.

Lesen Sie hier ein Interview zum Zustand der Deutschen Bank

Wie lange dauert es, bis ein Unternehmen große Stellenstreichungen verdaut hat?
Sie müssen auf jeden Fall erst einmal ein bis 2,5 Jahre rechnen, da natürlich auch ein Sozialplan mit dem Betriebsrat vereinbart wird.

Hand aufs Herz: Würden Sie jungen Menschen heutzutage noch raten, einen Job in der Bankbranche anzustreben?
Wer Interesse am Bankgewerbe hat, sollte das tun. Aber man sollte schon genau überlegen, in welchen Bereich einer Bank man gehen möchte. Die Gesellschaft verändert sich so schnell, es ist doch sowieso schwierig, Aussagen für die nächsten zehn oder 15 Jahre zu treffen. Das ist in der Autobranche nicht anders als im Bankensektor. Entscheidungen für ein ganzes Berufsleben zu fällen, ist kaum mehr möglich.

Interview: Nina Luttmer

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