+
In Hamburg hat der Allgemeine Deutsche Fahrad-Club (ADFC) an der Alster die erste Pop-Up-Radspur eröffnet. Für zwei Tage sperrte der Fahrradclub eine Fahrbahn der mehrspurigen Straße wischen dem Hotel Atlantic und der Schwanenwikbrücke ab, damit sie von Radfahrern genutzt werden kann.

Killt Corona den Klimaschutz?

„Jetzt braucht es die Stadt der kurzen Wege“

  • schließen

Expertin Tanja Kenkmann über Handlungsoptionen für den kommunalen Klimaschutz trotz Corona.

Fridays ohne Future? Städte und Gemeinden leiden finanziell stark unter der Corona Krise. Die Gefahr: Für Klimaschutz ist plötzlich kein Geld mehr da. Wie man gegensteuern kann, beschreibt Tanja Kenkmann vom Öko-Institut im Interview.

Frau Kenkmann, im letzten Jahr hat die Fridays for Future-Bewegung in den Städten und Gemeinden viel Druck für den Klimaschutz gemacht – und zwar erfolgreich. Steht das wegen Corona nun alles auf der Kippe?

Die Gefahr ist groß. Die Angst vor Einnahmeverlusten und knapperen Mitteln könnte dazu führen, dass ausgerechnet beim Klimaschutz gespart wird. Das wäre aber fatal, denn die Kommunen spielen für den Klimaschutz eine ganz entscheidende Rolle. Die Zukunft der Mobilität und des Wohnens wird vor allem in den Städten entschieden.

Die Kommunen haben wegen der Corona-Krise hohe Einbußen. Der Städtetag beziffert allein den Rückgang aus der Gewerbesteuer auf 20 Milliarden Euro. Muss der Bund helfen, damit zukunftsweisende Projekte nicht unter die Räder kommen?

Tanja Kenkmann arbeitet am Öko-Institut in Freiburg zu Fragen des kommunalen Klimaschutzes.  

Ja, der Bund ist hier definitiv in der Pflicht. Die staatliche Hilfe für unsere rund 11 000 Kommunen sollte ausgeweitet werden – und zwar mindestens um die gleiche Summe, die jetzt an Konzerne gehen soll. Es kann nicht sein, dass Steuermilliarden an einige wenige Großunternehmen fließen, wie etwa die Lufthansa, und die Kommunen leer ausgehen. Unabhängig davon müssen die Städte und Gemeinden natürlich auch neue Wege finden.

Was können die Kommunen selbst tun?

Eine ganze Menge. Die Kommunen nehmen eine wichtige Informations- und Motivationsrolle ein, mit vielen Modell- und Klimaschutzprojekten und den kommunalen Klimaschutzmanagern. Das muss weiterlaufen. Weiter können sie über Bürgerbeteiligungen und Genossenschaften privates Kapital für den Klimaschutz mobilisieren – für Solarstromanlagen auf öffentlichen Gebäuden, für Windkraftanlagen, Blockheizkraftwerke und die Gebäudesanierung. Auch Energiecontracting – das heißt, ein Dienstleister investiert in Energieeffizienz und -versorgungstechnik und refinanziert sich durch die Verbrauchsminderung – ist hier eine interessante Möglichkeit. Bei der Gebäudesanierung können die Kommunen bei den eigenen Gebäuden vorangehen und für neue Baugebiete Energiestandards und Solar-Dachanlagen vorschreiben.

Was ist besonders günstig?

Serie

Corona killt den Klimaschutz? Aus Wirtschaft und Politik mehren sich Forderungen, wegen Corona den Klimaschutz zugunsten einer Ankurbelung der Wirtschaft zurückzustellen. Tatsächlich muss der Neustart der Wirtschaft aber klimafreundlich erfolgen. Wie, das beleuchtet die FR in einer Interview-Serie mit Experten. FR

Zu den Klimaschutzmaßnahmen, die wenig Geld kosten, aber eine große Wirkung haben, gehört etwa die flächendeckende Einführung von Tempo 30 in Kommunen. Das sollte endlich als bundeseinheitliche Regelung umgesetzt werden, mindestens aber sollte es den Kommunen erlaubt werden, diese Maßnahme in Eigenregie durchzuführen.

In der aktuellen Krise gibt es auch überraschende neue Initiativen wie etwa die Umwidmung von Autospuren zu Radwegen, etwa in Berlin. Sehen Sie Chancen, diese Umverteilung des Straßenraums nach Corona voranzutreiben?

Im Moment sind das ja noch „Popup-Spuren“, vergleichbar mit Absperrungen für Baustellen. Aber die werden zum Pop-Hit werden. Schon jetzt wird das in vielen Städten im In- und Ausland gemacht, darunter auch in Metropolen wie Paris, Mailand, New York und Mexico City. Das entspricht bei uns übrigens auch der Vorschrift der neuen Straßenverkehrsordnung, nach der Autos beim Überholen anderthalb Meter Abstand von Fahrrädern halten müssen. Schon vor der Corona-Krise gab es das Problem, dass durch den Fahrrad-Boom die Sicherheit für die Radfahrer auf den engen Radwegen nicht mehr gegeben war. Deswegen ist es wichtig, den Verkehrsraum neu aufzuteilen. Mehr Sicherheit im Straßenverkehr und weniger Unfälle entlasten übrigens auch die Krankenhäuser und das Gesundheitssystem.

Der öffentliche Verkehr ist wegen Corona ins Hintertreffen geraten. Viele, die kein Home-Office machen, sind aufs Auto oder das Fahrrad umgestiegen. Gibt es eine Chance, Busse und Bahnen zu stabilisieren?

Es gibt sie, und sie muss genutzt werden. Mit noch mehr Autos als vor Corona würde der Stadtverkehr kollabieren. Spätestens nach der Corona-Krise werden die meisten der bisherigen Kunden weiterhin Busse und Bahnen nutzen wollen. Aber der Anteil des ÖPNV muss ja weiter steigen, um die CO2-Ziele zu erreichen.

Was muss konkret passieren?

Die Bundesregierung hat in ihrem Klimaschutzprogramm eine finanzielle Unterstützung des ÖPNV angekündigt. Die muss im Rahmen des Rettungsschirms ausgeweitet werden. Es besteht sonst die Gefahr, dass Großprojekte wie der Ausbau von S- oder Straßenbahnen gestrichen oder auf die lange Bank geschoben werden. Außerdem muss der Umbau zur „Stadt der kurzen Wege“, die in vielen Kommunen seit Jahren Leitbild der Stadtplanung ist, konsequent umgesetzt werden, um den Verkehr zu reduzieren. Auch das kostet Geld.

Interview: Joachim Wille

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare